Gefängnisseelsorger Stephan Brunner: «Es geht um den Menschen»
Mit der Kampagne «Ich bin dabei» macht die Katholische Kirche im Bistum St. Gallen ihr menschliches Engagement für die Gesellschaft sichtbar. Gefängnisseelsorger Stephan Brunner ist eines von 14 Gesichtern dieser Imageaktion. Im Interview mit kath.ch erzählt der katholische Diakon, was ihn bei seiner Tätigkeit glücklich macht.
Wolfgang Holz
Herr Brunner, wie wird man eigentlich Gefängnisseelsorger?
Stephan Brunner: Als ich vor 13 Jahren vom Personalamt des Bistums angefragt worden bin, ob ich ergänzend zur Pfarreiarbeit ein kleines Pensum im Gefängnis übernehmen möchte, habe ich spontan ja gesagt – weil es mich einfach interessiert hat. Es ist eine gute Ergänzung zur normalen Pfarreipastoral und hilft, den Blick offenzuhalten für Menschen in schwierigen Lebensumständen. Konkret arbeite ich einen halben Tag pro Woche im Massnahmenzentrum Bitzi in Mosnang im Toggenburg für Personen mit psychischen Störungen und Suchtproblemen. Das MZB hat 52 Plätze für eingewiesene Personen. Ausserdem war ich als Gefängnisseelsorger im normalen Strafvollzug in Gmünden in Appenzell-Ausserrhoden und in Altstetten im Kanton St. Gallen tätig.
Wird man denn als Seelsorger im Gefängnis überhaupt ernstgenommen bzw. wie schaffen Sie es, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen?
Brunner: Ja, ich werde ernstgenommen. Zwar nicht von allen. Aber die Gesprächszeiten, die ich wöchentlich anbiete, sind für die Eingewiesenen ja komplett freiwillig. Die Gespräche finden in einem Sprechzimmer für die Seelsorge statt und dauern etwa eine halbe Stunde. In den Strafanstalten, in denen ich zuvor gearbeitet habe, konnte man die Gespräche, die jeweils situativ unterschiedlich lang waren, auch in den Zellen abhalten. Die Zellentüren waren dabei angelehnt, sodass man von aussen sehen konnte, dass jemand in der Zelle zu Besuch war.
Halten Sie auch Gottesdienste im Gefängnis ab?
Brunner: Ja, es gibt unter der Woche im Massnahmenzentrum Gottesdienste, an denen je nach Gruppenkonstellation einige Eingewiesene teilnehmen.
«In der Haft sind viele ansprechbar für religiöse Fragen, haben eine Bibel oder fragen mal nach Rosenkränzen..»
Kann man denn sagen: Menschen, die hinter Gittern sind, zeigen sich im Schnitt zugänglicher für das Wort Gottes als jene draussen in Freiheit?
Brunner: Das kann man nicht pauschal beantworten und kann man auch nicht ganz vergleichen. Aber an dem Spruch «Not lehrt beten» ist schon etwas dran. In der Haft sind viele ansprechbar für religiöse Fragen, haben eine Bibel oder fragen mal nach Rosenkränzen. Man muss sich einfach vor Augen führen, dass viele Eingewiesene oder Inhaftierte, wenn sie eingeschlossen in ihren Zellen sind, viel Zeit haben. Auch wenn der Fernseher oft läuft, kommen dann auch Sinnfragen auf. Man erinnert sich, früher einmal in die Kirche gegangen zu sein. Man denkt über das Leben nach. Ein muslimischer Inhaftierter hat mir von seiner religiösen Grossmutter erzählt, welche ihn motiviert, sich wieder mehr mit seinem Glauben zu beschäftigen.
Heisst Gefängnisseelsorger sein in diesem Sinn vor allem, den Mensch zuzuhören? Welche Probleme haben denn die Eingewiesenen so?
Brunner: Im Vollzug tätig zu sein, heisst in der Tat, den Menschen erstmal zuzuhören. Ich bin als behördenunabhängiger Gesprächspartner sehr geschätzt. Häufig geht es bei den Gesprächen, die ich führe, um Fragen der persönlichen Zukunft der Insassen. Ich teile meine Ideen, berate jemanden im Sinne, ob ich eine Ausbildung, die jemand machen möchte, für gut befinde. Es geht aber auch um Fragen der Schuld, die empfunden werden. Und natürlich um viele Alltagssorgen, denn nicht wenige Inhaftierte haben «draussen» Familien und Kinder.
«Angst habe ich noch nie empfunden.»
Das klingt recht entspannt. Sind Sie denn als Seelsorger auch schon im Gefängnis bedroht worden, haben körperliche Gewalt erfahren oder Angst gespürt?
Brunner: Weder noch. Ich habe Respekt gegenüber meiner Arbeit und begegne den Menschen auch mit Respekt. Aber Angst habe ich noch nie empfunden. Das hat auch damit zu tun, dass die meisten, die im Gefängnis sind, sich nicht noch ihr Leben zusätzlich schwer machen wollen, indem sie ausgerechnet den Gefängnisseelsorger angreifen oder bedrohen – was ihre Haftzeit verlängern würde. Gleichzeitig gibt es natürlich im Gefängnis, so wie im normalen Leben auch, Menschen, die man mehr oder weniger sympathisch empfindet. Manche Straftäter bagatellisieren ihre Taten, andere jammern, wieder andere plustern sich arrogant auf.
Haben Sie auch mit Mördern gesprochen?
Brunner: Ja, aber ich spreche ja vor allem mit dem betreffenden Menschen und nicht mit einem Tötungsdelikt. Das ist ähnlich wie die Arbeit von Spitalseelsorgern, die mit Menschen in erster Linie nicht wegen ihrer Krankheiten sprechen, sondern vor allem als Menschen. Fakt ist natürlich, wenn man persönlich Berührungsängste hat gegenüber Themen wie Gewalt, Sexualdelikte und Drogen, hat man es unter Umständen schwer als Gefängnisseelsorger.
«Auch ich lese hin und wieder gerne einen Krimi.»
Apropos Verbrechen. Irgendwo habe ich gesehen, dass Sie weniger Krimis lesen, seit Sie Gefängnisseelsorger sind. Ich finde das absolut nachvollziehbar. Nicht nachvollziehbar finde ich, dass sowohl im Fernsehen wie auch auf dem Büchermarkt Krimis gefühlt Hochkonjunktur feiern, obwohl doch die meisten Menschen am liebsten in Sicherheit und Frieden leben wollen. Woher kommt Ihrer Meinung nach diese Neugier auf Gangster, Mord und Totschlag?
Brunner: Diese Frage kann ich Ihnen leider nicht beantworten, da müssten Sie einen Soziologen fragen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass viele Menschen sich gerne unterhalten und ablenken mit Dingen, die mit ihrem eigenen Leben nichts zu tun haben. Und Krimis sind sicher spannend zu lesen oder anzuschauen. Auch ich lese hin und wieder gerne einen Krimi. Allerdings kann es dann schnell passieren, dass ich bei gewissen Verbrechen oder Straftätern konkrete Personen vor mir sehe, und das löscht meine Lust ab, weiterzulesen. Ausserdem weiss ich nicht, was mir beispielsweise ein Krimi über Drogendealer noch Neues vermitteln kann, wenn ich laufend mit solchen Delikten tun habe.
«Es macht mich auch glücklich, wenn ich spüre, dass sich jemand freut, wenn ich wieder zu ihm komme, um mit ihm zu sprechen.»
Wie können Sie als Seelsorger auf Menschen im Gefängnis einwirken? Was würden Sie sagen, macht Sie unterm Strich glücklich als Gefängnisseelsorger?
Brunner: Wenn ich zum Beispiel bei manchen Eingewiesenen und Inhaftierten die Hoffnung hege, dass es bei ihnen in ihrem Leben gut weitergehen könnte. Es macht mich auch glücklich, wenn ich spüre, dass sich jemand freut, wenn ich wieder zu ihm komme, um mit ihm zu sprechen. Schliesslich kümmert sich kaum jemand um die seelischen Bedürfnisse der Menschen im Gefängnis. Das Wichtige und Wertvolle an meiner Tätigkeit ist und bleibt: Es geht um den Menschen.
*Stephan Brunner ist Gefängnisseelsorger und arbeitet seit Anfang 1998 im Bistum St. Gallen – zuerst als Pastoralassistent, ab 2010 als Diakon. Seit Anfang 2014 amtet er als Seelsorger. Im Massnahmenzentrum Bitzi in Mosnang steht er den Insassen wie auch dem Personal zur Seite und bietet seelsorgerische Begleitung an.
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




