Christine Lany Thalmeyr (l.) und Federica Cogo | © Grégory Roth
Schweiz
Christine Lany Thalmeyr (l.) und Federica Cogo | © Grégory Roth

«Gefängnisseelsorge ist privilegierter Ort für Begegnung mit dem Islam»

Genf, 12.12.18 (kath.ch) Das Gefängnis wird oft als Nährboden für die islamische Radikalisierung bezeichnet. Für die beiden katholischen Gefängnisseelsorgerinnen Federica Cogo und Christine Lany Thalmeyr ist das Treffen mit muslimischen Gefangenen vor allem eine Gelegenheit, dem Menschlichen und dem Glauben sehr nahe zu kommen.

Raphaël Zbinden und Grégory Roth

«Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich meinen Glauben mehr mit muslimischen Gefangenen als mit Menschen in meinem täglichen Leben teile», sagt Christine Lany Thalmeyr. Zusammen mit ihrer Kollegin Federica Cogo ist sie für den Ökumenischen Gefängnisseelsorgedienst im Kanton Genf verantwortlich.

Anlässlich einer Veranstaltung der Universität Freiburg zum Thema «Seelsorgerliche Herausforderungen des islamisch-christlichen Dialogs», das die Hochschule im November gemeinsam mit dem katholischen Zentrum für Weiterbildung in der Kirche der Westschweiz durchführte, beschrieben die beiden Frauen ihre Arbeit.

Seelsorgerinnen auch für Muslime

Die beiden Seelsorgerinnen stehen regelmässig in Kontakt mit Straftätern mit muslimischen Wurzeln. Im Genfer Gefängnis Champ-Dollon machen diese 47 Prozent der Insassen aus. Christine Lany Thalmeyr erklärte in Freiburg, in ihrem Büro im Genfer Gefängnis sehe sie mehr Muslime als Christen.

«Sie sind eine Frau Gottes, darum kann ich Ihnen vertrauen.»

Die beiden Katholikinnen sind die einzigen ständigen Mitglieder der Gefängnisseelsorge im Kanton, da nur die christlichen Kirchen vom Kanton anerkannt werden. Darum sind sie für alle Gefängnisinsassen unabhängig von ihrem Glauben in der Seelsorge die Ansprechpersonen.

Offen für Begegnungen

Die Muslime zeigten einen grossen Bedarf nach dieser Dienstleistung. «Im Vergleich zu anderen möglichen Formen der Hilfe schätzen sie die transzendente Dimension.» Ein Gefängnisinsasse sagte zu Christine Lany Thalmeyr: «Sie sind eine Frau Gottes, darum kann ich Ihnen vertrauen.» Die Begegnungen würden fast immer positiv ausfallen. «Vom Moment an, wo wir offen und zugänglich für den Anderen sind, kann es nur gut gehen», sagt die Seelsorgerin.

Hinter Gittern | © Unsplash Ali Yahya

Bevor Federica Cogo ihre Aufgabe übernahm, hatte sie Angst, dass die Männer ihr nur wenig Anerkennung zollen würden. «Ich habe dann aber einen tiefen Respekt von Seiten der Häftlinge erfahren, einschliesslich der Muslime.» Nur ein einziges Mal habe ein Mann versucht, sie zu bekehren. «In einem solchen Fall geht natürlich nichts mehr – und die Tür ist zu. Wir sind nicht da, um jemanden zu bekehren oder uns bekehren zu lassen.

Erzählen und hören

Bei den Treffen müsse der Andere in seinem Anderssein akzeptiert werden. Diese Treffen implizieren eine Akzeptanz des Anderen in seinem Unterschied. «Wir treffen uns zuerst auf der menschlichen Ebene und danach im religiösen Bereich», sagt Christine Lany Thalmeyr.

«Christus ist immerhin ein Prophet.»

In den Begegnungen suchen die beiden Seelsorgerinnen jeweils nach einem gemeinsamen Nenner im Glauben, ohne aber die Besonderheiten auszuklammern. Federica Cogo erklärt sich: «Ich sage nicht: Wir haben den gleichen Gott. Ich sage lieber: Erzähl mir von deinem Gott. Danach werde ich von meinem erzählen.»

Christus als Angelpunkt

Die Seelsorgerin erinnert sich an einen besonderen Vorfall: «Einmal streichelte ein Muslim aus Schwarzafrika das Bild von Christus, das in meinem Büro hängt, und sagte: Er ist immerhin ein Prophet. Das hat mich tief berührt. Ich habe aber nichts gesagt. Er hatte etwas gefunden, das in seinem Universum zu ihm sprach und ich wollte ihm keine Theologievorlesung geben, um ihm zu beweisen, dass Jesus mehr als ein Prophet ist.»

Die Begegnungen mit den Muslimen erlaubten ihr, die Kenntnisse über den Islam zu erweitern und neue Türen zu öffnen. Muslimische Häftlinge würden die beiden Katholikinnen manchmal bitten, für sie zu beten. «Das gehört mit zu den Überraschungen, die uns helfen, mit der Hilfe der Anderen unsere Identität zu entdecken», sagt Federica Cogo.

Der Eremit aus der Wüste

Einige Gefangene sagten ihnen auch: «Ihr Christen seid gut zu den Muslimen.» Diese Aussage verweist auf den französischen Eremiten Charles de Foucauld, der in Algerien mitten unter Muslimen lebte. Die beiden Frauen zitieren gern das Wort des selig gesprochenen Franzosen: «Ich möchte gut genug sein, damit man sagt: Wenn dies der Diener ist, wie ist dann der Meister!»

Charles de Foucauld | © Wikipedia
Den beiden Frauen ist durchaus bewusst, dass das Phänomen der Radikalisierung von Inhaftierten im Gefängnis besteht. Sie reden jedoch nicht darüber, weil sie keine Informationen aus erster Hand haben. «Radikalisierte Personen kommen sowieso nicht zu uns.»

«Für die Gefangenen ist dies möglicherweise der einzige Freiraum.»

Sie weisen darauf hin, dass es nicht immer einfach sei, Menschen in ihrer Tradition abzuholen. «Vor dieser Unzulänglichkeit soll man keine Angst haben», sagt Federica Cogo. Denn in dieser «Lücke» wirke oftmals dieses «Etwas», das «grösser ist als wir». Indem man diese radikale Ohnmacht akzeptiere, lasse man Raum für Gottes Handeln.

Ein langer Atem nötig

Beide Frauen sind überzeugt, dass der islamisch-christliche Dialog in den Gefängnissen noch verbessert werden kann. Sie möchten zusätzliche Begegnungsstätten schaffen, wo zum Beispiel gemeinsam gebetet werden könnte. Im Gefängnis gebe es wegen der Sicherheit aber zahlreiche Verbote. Darum sei ein langer Atem nötig.

" Wir hoffen, dass wir an diesem Ort Träger der Menschlichkeit sind.»

Sie sprechen sich auch für eine interreligiöse Seelsorge aus. Die Präsenz orthodoxer, muslimischer, jüdischer oder anderer Seelsorge wäre nicht nur eine gerechte Sache, sondern würde auch eine gegenseitige Bereicherung ermöglichen. Dazu sei aber die Anerkennung dieser Gemeinschaften nötig. Der Weg sei lang.

Auf jeden Fall sind sie überzeugt, dass der von ihnen geleistete Dienst unerlässlich ist. «Für die Gefangenen ist dies möglicherweise der einzige Freiraum, ein Ort, zu dem sie Vertrauen haben. Wir hoffen, dass wir an diesem Ort tiefer Entmenschlichung Träger der Menschlichkeit sind.»(cath.ch/Übersetzung: Georges Scherrer)

Hinter Gittern | © Unsplash Ali Yahya
Hinter Gittern | © Unsplash Ali Yahya
Seelsorge auch für Gefangene | © Unsplash Rémi Walle 
Rémi Walle
Seelsorge auch für Gefangene | © Unsplash Rémi Walle Rémi Walle

Muslimische Seelsorge in der Deutschschweiz

An der Veranstaltung der Universität Freiburg zum Thema «Seelsorgerliche Herausforderungen des islamisch-christlichen Dialogs» wies der Geschäftsführende Direktor des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft (SZIG), Hansjörg Schmid, auf die Aufbrüche in der islamischen Seelsorge in der Deutschschweiz hin.

In der Zürcher Justizvollzugsanstalt Pöschwies wurde ein Imam vom Kanton als Vollzeit-Seelsorger angestellt. Ausserdem läuft eine Weiterbildung für zukünftige muslimische Spitalseelsorger. Nachdem die zwölf Teilnehmer den vom SZIG verantworteten achttägigen Weiterbildungskurs absolviert haben, werden sie nun, begleitet von katholischen und reformierten Seelsorgerinnen und Seelsorgern, ein Praktikum in der Spitalseelsorge absolvieren. Hier bestehe die Chance, dass ein intensiver interreligiöser Austausch zustande komme, der für den Bereich der Seelsorge insgesamt noch an Bedeutung gewinnen werde, sagte Schmid gegenüber kath.ch. (gs)

News ›
Medienspiegel ›
Katholisches Medienzentrum