Kolumban Reichlin, Gardekaplan.
Schweiz

Gardekaplan Kolumban Reichlin: «Benedikt XVI. hat nach dem Nachwuchs im Kloster Einsiedeln gefragt»

Die Schweizergardisten haben nachts im Petersdom die Totenwache für Benedikt XVI. gehalten. «Das bedeutet Mehrarbeit für die Gardisten, ist jedoch absolute Ehrensache, die sie mit Stolz und Dankbarkeit erfüllt», sagt Gardekaplan Kolumban Reichlin (51). Er selbst hat Benedikt XVI. zuletzt am 6. Dezember gesehen.

Raphael Rauch

Welcher Gedanke aus Joseph Ratzingers theologischem Werk ist Ihnen wichtig – und warum?

Pater Kolumban Reichlin*: Die Schriften und Predigten Joseph Ratzingers waren und sind mir eine wertvolle Quelle der Inspiration auf meinem persönlichen Weg der Gottsuche, der menschlich-spirituellen Bewusstseinsbildung und der Erkenntnis, dass christliches Leben, ein Leben gemäss der Gesinnung Jesu, Gabe vor Aufgabe ist.

Pater Kolumban Reichlin, Gardekaplan.
Pater Kolumban Reichlin, Gardekaplan.

Nicht ich mache mich zum Christen; Gottes schöpferischer Geist formt uns zu Menschen, die allmählich fähig werden, weiter und tiefer zu sehen, das Gottesgeheimnis, die Schöpfung und uns selber zu erkennen und aus dieser Erkenntnis heraus unsere eigenen Interessen und Überzeugungen loszulassen und dem Leben und seiner Entfaltung zu dienen, insbesondere dort, wo es hilfsbedürftig und benachteiligt ist.

Gilt für Benedikts Namenswahl «nomen est omen»? Was an seinem Pontifikat ist von Benedikt von Nursia inspiriert?

Reichlin: Die Namenswahl Benedikt kann man bestimmt als Ausdruck der Vision und Sorge Joseph Ratzingers insbesondere für ein im Geist und Frieden geeintes Europa lesen und verstehen, dessen Patron der heilige Benedikt ist. Ich weiss nicht, ob Papst Benedikt sich explizit von der Regel des heiligen Benedikt hat inspirieren lassen. Aber man kann im Werk und Zeugnis beider Persönlichkeiten Erkenntnisse und Qualitäten finden, die Frucht einer lebendigen Gottesbeziehung sind.

«Die Christusbeziehung und der Gottesdienst waren die Grundpfeiler, auf denen das Leben und Wirken Papst Benedikts ruhten.»

Spontan kommen mir da die beiden Kernanliegen des heiligen Benedikt in den Sinn, dass sowohl Christus und der Liebe zu ihm wie auch dem Gottesdienst nichts vorgezogen werden soll, wie es in den Kapiteln zweiundsiebzig, vier und dreiundvierzig seiner Regel heisst. Die Christusbeziehung und der Gottesdienst waren auch die Grundpfeiler, auf denen das Leben und Wirken Papst Benedikts ruhten.

Sie sind seit einem guten Jahr Gardekaplan. Haben Sie den emeritierten Papst Benedikt XVI. einmal persönlich sprechen können – und wenn ja: Worüber haben Sie sich ausgetauscht?

Reichlin: Ich durfte dem emeritierten Papst in den vergangenen Monaten hier in Rom mehrfach begegnen, unter anderem anlässlich seines 95. Geburtstags, an dem die Banda der Schweizergarde ihm in den Vatikanischen Gärten ein Ständchen gespielt und eine Torte überreicht hat. Ich war damals überrascht, dass er sich an meine Herkunft erinnert hat, als er mich nach dem Nachwuchs im Kloster Einsiedeln gefragt hat. Das hat mir gezeigt, wie wach und klar er trotz seiner körperlichen Gebrechen innerlich war. Wir haben uns dann einen Augenblick über Exegese unterhalten. Bei dieser Gelegenheit habe ich ihm erzählt, dass ich immer wieder mit innerem Gewinn seine Jesus-Trilogie konsultiere, worüber er sichtlich erfreut war.

Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?

Reichlin: Am vergangenen 6. Dezember.

«Die Gardisten sind interessiert, die Persönlichkeit von Benedikt XVI. besser kennen zu lernen.»

Wie haben Sie die Schweizergardisten spirituell auf den Tod von Papst Benedikt XVI. vorbereitet?

Reichlin: Eine explizite Vorbereitung der Gardisten auf den Heimgang von Benedikt XVI. gab es nicht. Nachdem Papst Franziskus in der Generalaudienz mitgeteilt hatte, dass sich der Gesundheitszustand des emeritierten Papstes verschlechtert, wurde seiner Einladung folgend auch bei uns für Benedikt XVI. gebetet und wurden im Sinne eines stillen Gedenkens Opferkerzen für ihn angezündet. Auch in Gesprächen mit den Gardisten war und ist Benedikt XVI. in diesen Tagen oft ein Thema; sie sind interessiert, seine Persönlichkeit besser kennen zu lernen.

Schweizergardisten beim Abschied von Benedikt XVI. im Petersdom.
Schweizergardisten beim Abschied von Benedikt XVI. im Petersdom.

Inwiefern sind die Tage zurzeit «courant normal», inwiefern herrscht Ausnahmezustand?

Reichlin: Diese Tage sind für die Garde insofern «courant normal», als der Dienst wie gewohnt weitergeht; der Heilige Stuhl ist ja nicht vakant. Gleichzeitig herrscht natürlich ein gewisser Ausnahmezustand, da die Gardisten zusätzliche Dienste leisten, etwa mit der Totenwache oder auch beim Requiem am 5. Januar auf dem Petersplatz.

«Die Totenwache ist für Gardisten absolute Ehrensache.»

Zur Totenwache: Die Gardisten sind dann weitgehend alleine im Petersdom, nur mit dem aufgebahrten verstorbenen Benedikt XVI. Warum ist eine Totenwache wichtig?

Reichlin: Eine Totenwache ist ein schöner Ausdruck der Wertschätzung gegenüber einer verstorbenen Person, unabhängig von deren Stand und Ansehen. Die Totenwache beim Leichnam von Papst emeritus Benedikt bedeutet Mehrarbeit für die Gardisten, ist für sie jedoch absolute Ehrensache, die sie mit Stolz und Dankbarkeit erfüllt.

Ein Schweizergardist steht beim Requiem für Benedikt XVI. in der Nähe von Erzbischof Georg Gänswein.
Ein Schweizergardist steht beim Requiem für Benedikt XVI. in der Nähe von Erzbischof Georg Gänswein.

Die zurückhaltende Schweiz hält wenig von Personenkult. Was lösen die Pilgerinnen und Pilger in Ihnen aus, die Schlange stehen, um sich von Benedikt XVI. persönlich zu verabschieden?

Reichlin: Vielleicht stehen dieser Form des Abschiednehmens und der Ehrerbietung unsere Schweizer Nüchternheit und Selbstbezogenheit etwas im Weg. Ich persönlich sehe es als Bereicherung, dass andere Kulturen in manchem ungenierter und unverkopfter ihrem Herzen folgen und ihren Emotionen Aufmerksamkeit und Zeit schenken. Dies scheint mir auch etwas Heilsames zu haben, da wir ja Beziehungs- wie auch sinnliche Wesen sind.

«Ich habe die für mich unvergesslichen Begegnungen nochmals vor meinem inneren Auge passieren lassen.»

Wie haben Sie sich von Benedikt XVI. verabschiedet?

Reichlin: Ich habe mich am vergangenen Sonntagmorgen im «Monastero» vom aufgebahrten Benedikt XVI. verabschiedet, indem ich die für mich unvergesslichen Begegnungen nochmals vor meinem inneren Auge habe Revue passieren lassen. Das Requiem am 5. Januar wird mir nochmals Gelegenheit geben, in besonderer Weise für ihn zu beten und Gott für das Leben und die Berufung von Benedikt XVI. zu danken.

Wie wirkt Benedikts spirituelles Testament auf Sie?

Reichlin: Das spirituelle Testament von Benedikt XVI. ist für mich ein beeindruckendes Zeugnis seiner inneren Einfachheit und seines tiefen Gottvertrauens. Es liest sich wie als Quintessenz seines menschlich-wissenschaftlichen Bemühens und der ihm im Glauben geschenkten Gotteserkenntnis.

Was beschäftigt Sie noch in diesen Tagen?

Reichlin: Mich erschüttert täglich neu das unermessliche Grauen des Krieges, das uns unablässig das Drama der Freiheit vor Augen führt, uns für oder gegen das Leben, für oder gegen das Miteinander und Füreinander zu entscheiden, im Kleinen wie im Grossen.

* Pater Kolumban Reichlin (51) ist Kaplan der Schweizergarde in Rom. Er gehört dem Kloster Einsiedeln an.

Dieses Interview wurde schriftlich geführt.


Kolumban Reichlin, Gardekaplan. | © zVg
5. Januar 2023 | 10:28
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