Für Wolfgang Haas schuf der Papst extra eine Kleinstdiözese
Wer je ein Haus gebaut hat, weiss: Nichts hält länger als Provisorien. Johannes Paul II. (1978-2005), Heiliger und als «Pontifex» oberster Brückenbauer der katholischen Kirche, schuf 1997 ein Provisorium, das schon ein Vierteljahrhundert hält. Und wenn es nach der Vorstellung von Erzbischof Wolfgang Haas geht, der heute seinen 75. Geburtstag hat, dann wird es auch künftig weiterbestehen.
Alexander Brüggemann
Wiederholt nannte Erzbischof Wolfgang Haas das zuletzt als ein sicheres Szenario. Alles werde in Liechtenstein so weiterlaufen wie bisher, auch wenn er dem Papst nun zum 7. August, seinem 75. Geburtstag, seinen Amtsverzicht anbiete, wie es das Kirchenrecht vorschreibt.
Vor einem guten Vierteljahrhundert, im Dezember 1997, erhielt das kleine Alpen-Fürstentum Liechtenstein, mit weniger als 40’000 Einwohnern zwischen Österreich und der Schweiz gelegen, ein eigenes Erzbistum Vaduz, das vom Schweizer Bistum Chur abgetrennt wurde.
In Chur nicht mehr zu halten
Warum? Vor allem brauchte es eine neue Verwendung für den damaligen Churer Bischof Haas, der mit seiner äusserst konservativen Amtsführung und seinem Kommunikationsstil dort nicht mehr zu halten war.
Heute ist Haas der letzte Überlebende aus einer Riege sehr kontroverser und entschieden konservativer Bischofsernennungen der späten 80-er Jahre im deutschen Sprachraum unter Papst Johannes Paul II. (1978-2005).
Diözesen in Unfrieden
Die Kardinäle Hans Hermann Groer (Wien) und Joachim Meisner (Köln), die Bischöfe Kurt Krenn (Sankt Pölten) und Haas (Chur) regierten Diözesen in Unfrieden. Einer (Groer) stolperte über eigenen Missbrauch Minderjähriger, ein anderer (Krenn) über einen Sex-Skandal in seinem Priesterseminar.
Haas war in Chur vom Vatikan direkt ernannt worden. Auf Bitten des damaligen Bischofs Johannes Vonderach wurde er im Frühjahr 1988 vom Papst zum Koadjutor («Helfer» des Bischofs) mit Nachfolgerecht ernannt. Damit wurde das Recht des Domkapitels auf freie Bischofswahl umgangen; eine Möglichkeit, die das Kirchenrecht freilich vorsieht.
Stiess auf erbitterten Widerspruch
In Chur stiess Haas durch seinen Kurs und seine Personalentscheidungen auf erbitterten Widerspruch bei den an Mitbestimmung gewöhnten Katholiken. Nach Jahren vieler Unruhe und Konflikte fand der Vatikan 1997 schliesslich eine Lösung für die Churer Querelen: Das rund 160 Quadratkilometer kleine Fürstentum Liechtenstein, seit 1806 staatlich souverän, aber kirchenrechtlich von alters her zum Schweizer Bistum Chur gehörig, wurde zur selbstständigen Erzdiözese mit Bischofssitz in der Hauptstadt Vaduz erhoben, Haas’ Heimatstadt.
Mit Kirchenbesetzungen gedroht
Die Nachricht sorgte damals bei vielen Liechtensteinern für Empörung. Sie drohten mit einer Kirchenbesetzung und einer Störung der Amtseinführung.
Die Regierung, fast der gesamte Landtag und der Kirchenchor boykottierten die Feier. Fürst Hans Adam II. dagegen stellte sich hinter Haas und das neue Erzbistum.
«In dieser Kleinheit absurd»
Auch das folgende Vierteljahrhundert im katholisch geprägten Liechtenstein blieb keineswegs frei von Reibungen.
Der Theologe Günther Boss spricht von einem Erzbistum mit nur zehn Pfarreien, das «in dieser Kleinheit absurd» sei.
«Niemand kommt mehr an ihn heran. Teilweise nicht mal mehr sein eigener Klerus.»
Günther Boss, Theologe
Nicht nur die Gläubigen seien komplett isoliert; auch Haas habe sich zunehmend isoliert. «Niemand kommt mehr an ihn heran. Teilweise nicht mal mehr sein eigener Klerus», so Boss.
Eine Beteiligung am von Papst Franziskus ausgerufenen weltweiten synodalen Prozess lehnte Erzbischof Haas als unnötig ab. Im kleinen Liechtenstein, argumentiert er, könne man jederzeit miteinander sprechen.
Vorbei am Erzbischof
Allerdings, so der Theologe Boss, zeige Haas «keinerlei inhaltliches Interesse an der Meinung der Gläubigen». Deshalb machten sich Boss und sein «Verein für eine offene Kirche» auf einen eigenen Synodalen Weg für Liechtenstein, vorbei am Erzbischof.
Der Theologe ist überzeugt: «Es braucht eine Öffnung nach aussen; eine stärkere Einbindung in eine Bischofskonferenz und eine Verbindung zu anderen Bistümern und Bischöfen.» – Und wenn das auch nach der Ära Haas nicht geschieht? – «Dann bleiben wir weiterhin unter einer Käseglocke.»
Wird Bistum aufgelöst?
Allerdings, so muss man auch fragen: Seit wann löst der Papst nach der Emeritierung eines Bischofs dessen Bistum auf? Dies wäre ein klares Eingeständnis Roms, wie verzweifelt damals das Haas-Problem gelöst werden musste.
Huonder war noch zwei Jahre im Amt
Zudem bleibt abzuwarten, ob Franziskus Haas’ Verzicht überhaupt schon zu dessen 75. annimmt – wie es eigentlich der Regelfall wäre. Als in Chur 2017 der ebenfalls wenig dialogorientierte Bischof Vitus Huonder die Altersgrenze erreichte, liess ihn der Papst zur grossen Überraschung aller noch zwei volle Jahre im Amt. (kna)
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