Für eine «Zivilisation der Liebe»
Wäre Europa heute besser dran, wenn die Amerikaner damals über europäischen Hauptstädten Atombomben gezündet hätten, um die Nazis zu vertreiben? Nein. Der Zweck heiligt nicht alle Mittel. Aber kann Gewaltanwendung nicht vielleicht doch auch aus christlicher Sicht manchmal gerechtfertigt sein? Diese Frage stellte sich heute mit grosser Dringlichkeit, nachdem ein amerikanischer Präsident sich damit gebrüstet hat, eine andere Zivilisation in die Steinzeit zurück bomben zu wollen. Sein Vizepräsident, ein Katholik, versucht die Bombenangriffe aufgrund der christlichen Tradition zu rechtfertigen. Kann das gelingen?
Adrian Holderegger*
«Gott segnet keinen Konflikt. Ein Jünger Christi, des Fürsten des Friedens, steht niemals auf der Seite derer, die einst das Schwert schwangen und die heute Bomben abwerfen»: Mit diesen Worten reagierte Papst Leo XIV. im Frühling auf die Kriegsrhetorik des amerikanischen Präsidenten.
Die Friedensbotschaft des Papstes kam in Washington nicht gut an. Der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance reagierte mit dem Einwand, dass diese Aussage einer fast eintausendjährigen Tradition der Lehre vom gerechten Krig der katholischen Soziallehre widerspreche. Als Beispiel nannte er die Intervention der Alliierten im Zweiten Weltkrieg, um Europa von der nationalsozialistischen Herrschaft zu befreien und fragte leicht polemisch, an die Adresse des Papstes gerichtet: «War Gott nicht auf der Seite der Soldaten, die die Konzentrationslager befreiten?»
Für einen gerechten Frieden
Es gibt seit dem 4. Jahrhundert innerhalb der christlichen Theologie eine Lehre vom gerechten Krieg. Diese wurde allerdings mehrfach revidiert und immer wieder neu theologisch vertieft. Selbstverständlich ist der Gott des Neuen Testaments, den Jesus verkündet, ein Gott des Friedens, der niemals zur Gewalt aufruft, sondern sich mit denjenigen solidarisiert, die sich der Gewaltlosigkeit verschrieben haben. Die Frage ist nur, wie dies politisch umgesetzt werden kann.
Mit dieser Frage beschäftigt sich Leo XIV. in seiner in seiner ersten Enzyklika «Magnifica Humanitas» vom Mai diesen Jahres. Hier legte er dar, dass die klassische Lehre vom gerechten Krieg heute überholt sei, da sie aus einer Zeit stamme, in der man die Zerstörungskraft moderner Waffen noch nicht gekannt habe. Ohne das Recht auf Selbstverteidigung in Frage zu stellen, meint der Papst, angesichts eines massiv veränderten Kontextes müsse die Lehre vom gerechten Krieg neu bedacht werden. Anstelle des gerechten Kriegs setzt der Papst auf eine Ethik der Gewaltvermeidung, der Friedenspolitik und auf die «Zivilisation der Liebe».
Biblische Grundlagen
Unbestritten gehört der Friede bzw. das Ethos der Gewaltfreiheit in seiner spirituellen, zwischenmenschlichen und politisch-gesellschaftlichen Dimension zum zentralen Kern der Botschaft Jesu. Besonders die Aufforderungen in der Bergpredigt «Liebet eure Feinde» (Mt 5,44), «Selig die keine Gewalt anwenden» (Mt 55,5)» und «Wer zum Schert greift, wird selbst durch das Schwert umkommen» (Mt 26,52) wurden konsequent als Aufforderung auf jeglicher Gewaltanwendung verstanden. Dieser bedingungslose Verzicht auf Gewalt konnte in den frühchristlichen Gemeinden nicht ohne Spannungen, gelebt werden.
Die klassische Lehre
Der Kirchenlehrer Augustinus hat im fünften Jahrhundert als erster eine ethisch und theologisch schlüssige Position des gerechten Krieges verfasst. Augustinus war überzeugt, dass der Friede, den er mit Glück gleichsetzte, von allen Menschen erstrebt werde und dass daher der Friede das eigentliche Ziel aller politischen Ordnung sei. Gleichzeig war er aber auch der Meinung, dass dieser Friede nur in der «Civitas Dei» (im Reich Gottes) erreicht werden könne. In der «Civitas terrena» (im irdischen Gemeinwesen) hingegen, gebe es – der menschlichen Natur geschuldet – Unrecht, das unter Umständen mit Gewalt beseitigt werden müsse, um noch grösseres Unrecht zu vermeiden.
In seiner Sicht ist jede Gewaltanwendung ein Übel – er nennt sie sogar Sünde – und nicht einfach legitime Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Aber dennoch könne in ausserordentlichen Situationen Krieg gerechtfertigt werden, allerdings müssten bestimmte Kriterien erfüllt sein, wie: gerechter Grund (Abwehr eines Angriffs), legitime Autorität (Staat), rechte Absicht (Ziel muss Friede und Gerechtigkeit sein), letztes Mittel (Möglichkeiten des Verhandelns sind ausgeschöpft), Verhältnismässigkeit (der Nutzen muss grösser sein als der Schaden).
Die Überlegungen, die sich verstreut im Werk des Augustinus finden, hat Thomas von Aquin im 12. Jahrhundert systematisiert. Ausgehend vom Recht auf Selbstverteidigung und von der Pflicht des Staates, die Bevölkerung vor Unrecht und Gewalt zu schützen, formuliert der «Aquinate» drei Kriterien, die bei der ethischen Beurteilung von Kriegshandlungen zu beachten sind: eine rechtmässige Autorität muss militärische Interventionen beschliessen; zweitens muss ein gerechter Grund vorliegen (Beseitigung on Unrecht); und drittens muss die Absicht auf die Wiederherstellung eines gerechten Friedens bestehen. Rache, Eroberung oder Bereicherung sind verwerfliche Motive und kein Grund der Kriegsführung.
Diese Kriterien wurden – und dies ist zu beachten – für eine spätmittelalterliche Gesellschaft formuliert, in der kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Königen und Fürsten, Willkürgewalt unter den Bürgern und feindliche territoriale Übergriffe an der Tagesordnung waren.
Infragestellung
Trotz der Erweiterung des Kriterienkatalogs und einer verschärften Auslegung im Laufe der Geschichte (z. B. Schutz der Zivilbevölkerung) kamen im 20. Jahrhundert nach der Erfahrung zweier Weltkriege Zweifel auf, ob die Theorie des gerechten Krieges hinreichend und hilfreich sei, um eine Friedensordnung zu garantieren.
In seiner bahnbrechenden Enzyklika «Pacem in terris» hat Papst Johannes XXIII. Bedenken geäussert, ob der Krieg im Atomzeitalter noch ein geeignetes Mittel zur Durchsetzung der Gerechtigkeit sein könne. Stattdessen setzte er auf die Stärkung internationaler Institutionen (UNO, Sicherheitsrat) und erstaunlicherweise auch auf die Durchsetzung der Menschenrechte.
Das II. Vatikanische Konzil nahm diese sozialethische Stossrichtung auf, die sich aus dem kasuistischen Korsett der herkömmlichen Theologie befreien wollte, und skizzierte ein Leitbild des «gerechten Friedens», in der Absicht, damit die ältere Theorie des gerechten Krieges weitgehend zu ersetzen (vgl. «Gaudium et Spes», 1965).
Die Kirchenversammlung ging davon aus, dass Frieden nicht mit Gewalt, sondern primär in der Schaffung gerechter Bedingungen gesichert werden könne. Denn Friede ist nicht einfach die Abwesenheit von Krieg. In der Aggression erkannte man den Ausdruck ungerechter Zustände, von Armut und Unterdrückung, politischer Entmündigung. Gewalt erschien daher nicht als geeignetes und legitimes Mittel, um menschenwürdige Zustände zu schaffen – es sei denn, es handle sich im strikten Sinne und im äussersten Fall um Selbstverteidigung, den Schutz territorialer Integrität und die Verteidigung des Gemeinwesens.
Spätestens seit dem Ukrainekrieg von 2022 müssen wir jedoch mehr und mehr erkennen, dass sich autoritäre Regimes zunehmend weder an internationales Recht halten noch sich am internationalen Willen einer globalen Zusammenarbeit beteiligen, sondern in machiavellistischer Manier ihre eigenen Interessen rücksichtlos und ungeachtet menschlicher Opfer und materieller Verluste durchsetzen. Es gilt daher, die Demokratien, welche diese Werte verkörpern, zu schützen und zu stärken.
Forderungen an Theologie und Kirche
Der Schlagabtausch zwischen dem amerikanischen Vizepräsidenten J.D. Vance und Papst Leo XIV. endete im Offenen. Die kirchliche Tradition des gerechten Krieges, auf die J.D. Vance Bezug nimmt, hat es gegeben. Doch Augustinus und Thomas von Aquin repräsentieren nicht den neuesten Stand der Diskussion. Papst Leo XIV. kann geltend machen, dass seine Vorgänger bis hin zu Papst Franziskus die klassische Lehre zunehmend restriktiv interpretierten und grundsätzlich der Meinung waren, dass heutige Kriege diese Kriterien kaum noch erfüllen. Auf dieser Grundlage plädiert der Papst nun für eine «Zivilisation der Liebe» und eine «Friedenskultur».
In einer christlichen Friedensethik hat die Gewaltlosigkeit, wenn sie der Botschaft Jesu treu bleiben will, unzweifelhaft absoluten Vorrang vor allen Arten der Gewaltanwendung. Bevor sich eine am Neuen Testament orientierende Friedensethik in die Kasuistik politischer Strategien verstrickt, muss dieses Prinzip immer wieder vernehmbar und deutlich zur Sprache gebracht werden, gerade auch dann, wenn Macht- und Gewaltausübung zum selbstverständlichen Alltagsgeschäft der Politik zu werden drohen. Theologie und Kirche müssen zu Anwälten eines globalen Friedensprojektes werden.
*Adrian Holderegger, OFMCaAdrian, Prof. em. für Theologische Ethik an der Universität Freiburg i. Ue.
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