Montassar BenMrad
Schweiz

«Für eine gemeinsame Erklärung braucht es Vertrauen unter den Religionen»

Bern, 10.11.18 (kath.ch) Am Mittwoch haben sechs Mitglieder des Schweizerischen Rats der Religionen eine gemeinsame Erklärung zu Flüchtlingsfragen unterzeichnet. Montassar BenMrad hat sie als Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (Fids) mitunterzeichnet. Im Interview mit kath.ch erklärt er, dass es zu einer solchen gemeinsamen Erklärung auch Mut braucht.

Sylvia Stam

In den Reden anlässlich der Unterzeichnung wurde betont, es sei sehr besonders, dass verschiedene Religionen eine gemeinsame Erklärung unterzeichnen. Was ist daran so besonders?

Montassar BenMrad: Es ist das erste Mal in der Schweiz, dass gemeinsam so eine Erklärung zur Unterstützung von Flüchtlingen lanciert wurde. Es gab Erklärungen von christlicher Seite, auch gemeinsam mit jüdischen Stimmen, aber nun zum ersten Mal auch mit den Muslimen.

«Das sind Werte, die wir gemeinsam vertreten.»

Es braucht auch ein gewisses Vertrauen zwischen den Religionsgemeinschaften, um eine solche gemeinsame Erklärung abzugeben. Hier muss man den Mut haben zu sagen: Das sind Werte, die wir gemeinsam vertreten, dafür stehen wir zusammen.

Gab es innerhalb Ihrer Dachorganisation auch Widerstand gegen diese gemeinsame Erklärung?

BenMrad: Nein. Viele Muslime in der Schweiz sind auf diese Thematik sensibilisiert. In den Neunzigerjahren gab es die Krise in Bosnien, Mazedonien und Kosovo. Viele Muslime hier kennen Personen, die geflohen sind, oder waren selber gezwungen zu fliehen. So ein Engagement zu unterstützen, ist für sie daher selbstverständlich.

Wo können Muslime konkret etwas zur Integration von Flüchtlingen beitragen?

BenMrad: Für Flüchtlinge, die in der Schweiz formell aufgenommen wurden, sind Sprach- und Fachkurse wichtig, jedoch nicht genügend, um sich zu integrieren. Muslime, die in der Schweiz leben, können Flüchtlinge auch begleiten. Sie können ihnen behilflich sein, den Schweizer Kontext, die Schweizer Kultur und deren Werte zu verstehen. Sie bauen dadurch Brücken, damit ihnen die Integration leichter fällt.

Was gibt es konkret für  muslimische Initiativen?

BenMrad: Vieles geschieht auf lokaler Ebene. Mir ist eine Gemeinde bekannt, die durch eine lokale gemeinnützige Organisation geholfen hat, Gespräche in Gang zu setzen, um in einem Zentrum für Asylsuchende mit Flüchtlingen in Kontakt treten zu können. Mitglieder von einem lokalen Moscheeverein sowie einer Pfarrei suchten mit der Unterstützung der Gemeinde, zusammen die Flüchtlinge auf, um diese zu besuchen und einzuladen.

«Anfänglich hatten manche Flüchtlinge Angst.»

Anfänglich hatten manche Flüchtlinge Angst, was da gerade passieren könnte, und fragten sich, warum Nachbarn und Gemeinde sie besuchen wollen. Als das Vertrauen nach mehreren Treffen aufgebaut war, haben die Flüchtlinge sogar für die verschiedenen Vertreter der Gemeinde, Moschee und Pfarrei etwas Exotisches gekocht.

«Es geht um die Unterstützung des anderen.»

Da entsteht eine gemeinsame Dynamik von Personen, die in einer Gemeinde leben, jeder mit seinem eigenen Glauben, seiner eigenen spirituellen Motivation, und mit unseren gemeinsamen menschlichen Werten. Wichtig ist, dass nicht missioniert wird, sondern es geht um die Unterstützung des anderen.

Es gibt in der Bibel den Satz von Jesus: «Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen.» Gibt es etwas Vergleichbares im Koran?

BenMrad: Ja, es gibt klare Appelle zur Unterstützung von Notleidenden und von Menschen unterwegs. Zudem kennt jede dieser drei Religionsgemeinschaften die Thematik der Flucht – sowohl Jesus, Moses wie auch Mohamed mussten fliehen. Die Geschichte der Muslime kennt zudem die Flucht nach Äthiopien und die Flucht nach Medina. Oft kennen wir die Geschichte der anderen Religionsgemeinschaften nicht. Erst im Dialog miteinander erfahren wir von solchen Gemeinsamkeiten.


 

Montassar BenMrad | © Vera Rüttimann
10. November 2018 | 11:35
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Interreligiöse Erklärung  zu Flüchtlingsfragen

Unter dem Titel «Gegenüber ist immer ein Mensch» haben sechs Mitglieder des Rats der Religionen am Mittwoch eine interreligiöse Erklärung zu Flüchtlingsfragen unterzeichnet. Darin formulieren die Vertreter von Christen, Juden und Muslimen fünf Appelle zur schweizerischen Flüchtlingspolitik: Schutz vor Ort, legale Fluchtwege, faire und effektive Asylverfahren, Integration und Rückkehr in Würde.

Konkret fordern die Religionsvertreter, dass «Schutz vor Ort» ein wichtiges Ziel der Schweizer Aussenpolitik sein soll. Im Asylverfahren soll der Flüchtlingsbegriff gemäss der Genfer Flüchtlingskonvention umfassend angewendet werden. Vom Bürgerkrieg betroffene Menschen sollen statt einer vorläufigen Aufnahme den Flüchtlingsstatus erhalten. Die Religionsgemeinschaften fordern des Weiteren eine frühzeitige Integration von Flüchtlingen. Hier könnten die Glaubensgemeinschaften einen wichtigen Beitrag leisten in Form von Freiwilligenarbeit oder individuellen Initiativen. Umgekehrt ist gemäss der Erklärung die Respektierung hiesiger Regeln wichtig, um sich integrieren zu können. Die in der Bundesverfassung verankerten Werte müssten eingehalten werden. Zu einer «Rückkehr in Würde» für Personen, welche die Kriterien für die Aufnahme nicht erfüllen, gehören laut Erklärung «menschenrechtliche Standards beim Vollzug der Wegweisung und die Beachtung des Kindeswohls in jeder Situation». (sys)