Arabische Touristen in der Schweiz. | © Vera Rüttimann
Schweiz
Arabische Touristen in der Schweiz. | © Vera Rüttimann

Fremd und hoch willkommen – arabische Touristen in der Schweiz

Interlaken/Luzern/Zürich, 23.7.17 (kath.ch) Die Schweiz steht bei muslimischen Reisenden hoch im Kurs. Und das trotz Minarettverbot und Burka-Debatte. Dafür gibt es ein wichtiges Argument: Muslimische Touristen können ihre Kultur heute uneingeschränkt auch in Schweizer Hotels leben.

Vera Rüttimann

«Halal Barbecue Cruise» steht auf einem Info-Schild an Bord des Brienzersee-Schiffs, das zur abendliche Grillausfahrt auf den See einlädt. Praktisch alle Plätze für die muslimische Schifffahrt sind ausgebucht.

Im Bauch des Schiffs kann der Gast sich mit üppiger orientalischer Kulinarik nach den Regeln des Korans verköstigen. Freudig machen Frauen mit Burka oder Kopftuch Selfies von sich und dem tiefblauen See, während Männer an ihren Wasserpfeifen ziehen.

In Interlaken hat sich eine Halal-Wertschöpfungskette etabliert.

Nur wenige Orte in der Schweiz haben sich dem muslimischen Tourismus so verschrieben wie Interlaken. Eine ganze Halal-Wertschöpfungskette hat sich hier etabliert.

Grosse Zunahme arabischer Gäste

Nicht andres sieht es in Luzern in diesen Tagen aus. Viele der Touristen und Touristinnen, die hier am Seequai Richtung Lido flanieren, kommen aus  arabischen Ländern. Meist sind sie in grossen Gruppen unterwegs.

Die wohlhabenden Familien fallen auf: Arabische Männer mit weitgeschnittenen, cremefarbenen Hosen begleiten ihre meist tief verschleierten Frauen zu Geschäften oder teuren Restaurants.

Etliche Hotels wie das «Palace» am Vierwaldstättersee bereiten Speisen «halal», nach islamischen Speisevorschriften, zu. Auch im Hotel Palace freut man sich darüber, dass die Zahl arabischer Gäste seit 2000 um fast 400 Prozent gestiegen ist. Die durch den starken Franken gebeutelte Schweizer Tourismusindustrie hat sich noch nicht ganz davon erholt.

«Swiss people are very friendly»

Nicht jeder Schweizer jedoch kann sich so leicht mit dem Anblick verschleierter Musliminnen anfreunden. Die Schlagzeilen zu islamistischem Terror in Frankreich und Deutschland hat auch hierzulande Spuren hinterlassen. Im Internet fallen über Burka-Trägerinnen schon mal abschätzige Worte wie «Briefkästen» und «Kohlensäcke».

Nicht jeder kann sich mit dem Anblick verschleierter Musliminnen anfreunden.

Vor dem «Palace» fasst sich die Reporterin ans Herz , spricht eine Niqab-Trägerin an und fragt sie nach Ressentiments seitens von Schweizern. «No, Swiss people are very friendly», kommt es zurück. Doch es seien durchaus vereinzelte arabische Gäste seit dem Burka-Verbot im Kanton Tessin verunsichert, weiss sie aus ihrem Umfeld. Auch die Frau aus Dubai weiss: In der Schweiz soll ein Votum über einen nationalen Burkabann abgehalten werden.

Informationen für beide Seiten wichtig

Julie Paterson kennt sie die arabischen Gepflogenheiten bestens. Sie wohnt jeweils sechs Monate im Jahr in Ägypten und bietet als Reiseleiterin Frauen-Reisen an. Den Sommer über lebt sie in Interlaken. Sie hat eine viel beachtete Webseite für arabische Gäste lanciert: Unter www.interlakenforarabs.com finden arabische Gäste alle Infos, wie man als Muslim im Berner Oberland Ferien macht.

Die Unternehmerin appelliert an «Toleranz, Offenheit und Bereitschaft, mit arabischen Gästen ins Gespräch zu kommen». Sie selbst habe durchwegs positive Erfahrungen mit Arabern gemacht. Julie Paterson: «Araber sind ein sehr geselliges Volk.»

Die arabische Lebensart verstehen

In den meisten grossen Hotels der Schweiz hat man jedoch schon längst erkannt:  Mit dem Auftischen von köstlichen Halal-Speisen ist es allein nicht getan. Die Hotelangestellten müssen sich mit der Lebensart arabischer Gäste vertraut machen. Hotels wie das «Swissôtel Zürich» arbeiteten deshalb für ihre Angestellten einen «Muslime-Knigge» aus.

Hotels haben für ihre Angestellten einen «Muslime-Knigge».

In hauseigenen Trainings lernen die Angestellten, dass ihre Gäste geschlechtergetrennte Schwimmbäder und Wellness-Bereiche wünschen; dass Araber den Teekocher im Zimmer wünschen und sich im Hotelzimmer über ständig fliessendes Wasser freuen.

Die Angestellten erfahren im Kurs auch, dass man den Musliminnen nicht lange in die Augen sehen darf und sie es nicht mögen, von Fremden berührt zu werden. Das gut geschulte Personal vermeidet es auch, während des Ramadan vor arabischen Gästen zu rauchen oder Alkohol zu trinken.

Zusammenarbeit mit Islamischen Organisationen

In den Zimmern des «Swissôtel Zürich» stehen arabische Fernsehsender und arabische Zeitungen zur Verfügung. Die Mitarbeiter an der Rezeption können gläubigen Gästen auch den Weg zu umliegenden Moscheen weisen. Ihr Wissen hat das Hotel von Vertretern von Organisationen wie der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ), die in Hotels schon Workshops angeboten haben.

Auch Hotels wie das «Baur au Lac», das «Park Hyatt Zürich» oder das «Radisson Blu» am Flughafen Zürich bieten heute eine breite Palette von  Ramadan-kompatiblen Dienstleistungen an. Meist liegen sie an der Rezeption in Form einer Broschüre mit dem Titel «Gäste aus den Golfstaaten», die «Hotelleriesuisse» (der Unternehmerverband der Schweizer Hotellerie) gemeinsam mit Schweiz Tourismus herausgegeben hat.

Sich mit den Gepflogenheiten dieser Gäste vertraut machen.

Karin Sieber, Medienbeauftrage von «Hotelleriesuisse», sagt: «Die Broschüre richtet sich an die Hoteliers und ist als Hilfestellung gedacht, um diese mit den spezifischen Gepflogenheiten dieser Gäste vertraut zu machen.»

Burka-Verbot wäre ein Immageverlust

Welche Auswirkungen hätte ein landesweites Burka-Verbot für den Schweizer Tourismus? Karin Sieber sagt: «Es ist davon auszugehen, dass es einen Einfluss auf den Tourismus hätte, da besonders die Golfstaaten betroffen wären. Dieser Markt ist in den letzten Jahren kräftig gewachsen.»

«Hotelleriesuisse» lehne daher ein landesweites Verhüllungsverbot ab, «da der Imageverlust mit einem Rückgang von Besuchern aus einem der wichtigsten Wachstumsmärkten für den Tourismus einhergeht.» Schützenhilfe erhält die Dachorganisation auch von der Interreligiösen Arbeitsgemeinschaft Iras Cotis, die das Burka-Verbot im Tessin scharf kritisiert hat.

Dennoch: Man wird wohl in Medien und auf sozialen Netzwerken weiterhin etliche Bilder von Frauen sehen, die sich mit Kopftuch entspannt an den Gestaden des Lac Leman oder des Zürichsees räkeln.

Arabische Touristinnen in der Schweiz. | © Vera Rüttimann
Arabische Touristinnen in der Schweiz. | © Vera Rüttimann
"Halal Barbecue" | © Vera Rüttimann
"Halal Barbecue" | © Vera Rüttimann
Arabische Touristen am Vierwaldstättersee. | © Vera Rüttimann
Arabische Touristen am Vierwaldstättersee. | © Vera Rüttimann

Burka oder Niqab?

In der Debatte um das Burka-Verbot ist meist von der Burka die Rede. Burkas begegnet man jedoch vor allem in Afghanistan. Touristinnen hierzulande tragen meist den Niqab, den traditionellen Gesichtsschleier in der Golfregion.

Der Begriff «Burka» steht für viele für alle Arten von Gesichtsverschleierungen. Sie ist aber nicht zu verwechseln mit einem einfachen Kopftuch, einem Hidschab oder einem Tschador. (vr)

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