Vatikan

Franziskus feiert Sternstunde der Weltreligionen in der Heimat Abrahams

Judentum, Christentum, Islam: Alle drei Weltreligionen berufen sich auf Abraham. Entsprechend symbolträchtig ist Ur, die Heimat Abrahams. Erstmals hat sie ein Papst besucht. Später feierte Franziskus eine Messe im ostsyrischen Ritus.

Burkhard Jürgens

In einer historischen Begegnung ist Papst Franziskus am Samstag von Grossajatollah Ali al-Sistani empfangen worden. Das Treffen hat den Rang eines Brückenschlags zwischen der katholischen Kirche und den Schiiten, der weltweit zweitgrössten Strömung des Islam. Der 90-jährige al-Sistani, der selten öffentlich in Erscheinung tritt, hiess den Papst in seiner bescheidenen Residenz in der heiligen Stadt Nadschaf willkommen.

Geschwisterlichkeit aller Menschen

Dass der hoch angesehene schiitische Geistliche einer Veröffentlichung von Bildmaterial nach der privaten Unterredung zustimmte, unterstreicht, welche Bedeutung er dem Besuch beimisst.

Schiitenführer Grossjatollah Ali al-Sistani und Papst Franziskus in Nadschaf in Irak am Samstag, 6. März 2021.

Anschliessend bekräftigte der Papst bei einem interreligiösen Treffen in Ur seine Botschaft von Dialog und Geschwisterlichkeit aller Menschen. Das Land, das vor genau 100 Jahren ohne Rücksicht auf ethnische und religiöse Grenzen als Nationalstaat entstand, droht bis heute immer wieder entlang der alten Bruchlinien zu zerbrechen.

Al-Sistani ist gemässigter als Teheran

Franziskus und al-Sistani finden sich auf einer Ebene, was die Rolle von Religion in der Gesellschaft angeht. Der Grossajatollah lehnt das iranische Modell einer Herrschaft der Mullahs ab und vertritt die Idee eines säkularen und pluralen Staats.

Zwei Kinder im Irak. Auf der Fahne sind die Imame Hussein und Ali zu sehen – Verwandte des Propheten Mohammed. Sie werden von den Schiiten als Kriegshelden und Märtyrer verehrt.

Während der Bedrohung durch den «Islamischen Staat» rief er zum Schutz der christlichen Minderheit auf. Westlichen Diplomaten gilt al-Sistani als einzige wirkliche moralische Autorität im Land. Sein Einfluss reicht in den Iran, in dem er neben karitativen Werken 49.000 Theologiestudierende unterstützt und damit die künftige Führungselite heranbildet.

In der Heimat Abrahams

Ohne Beisein von al-Sistani, aber in seinem Geist warb Franziskus in Ur, einem zentralen Ort für die irakische Identität, für eine Mitgestaltung der Religionen in der Gesellschaft. In der antiken sumerischen Stadt, die nach biblischem Zeugnis die Heimat Abrahams ist, leitete er ein interreligiöses Treffen. Juden, Christen und Muslime beziehen sich auf Abraham als gemeinsamen Stammvater. Vor den Ruinen Urs und dem 4.000 Jahre alten Stufentempel in der Wüste des Südirak beschwor er Vertreter aller Glaubensgemeinschaften, jeglichem Hass entgegenzutreten.

Prälaten gehen durch die Ruinen der antiken Stadt Ur vor dem interreligiösen Treffen mit Papst Franziskus.

Als Grundlage dafür verweist der Papst auf die gemeinsame Gotteskindschaft aller Menschen. Religionen betrachtet er als Wegbereiter der Verständigung: «Wir dienen Gott, um aus der Sklaverei des Ichs herauszukommen», sagte er. «Vom Haus unseres Vaters Abraham aus bekräftigen wir: Gott ist barmherzig, und die grösste Beleidigung und Lästerung ist es, seinen Namen zu entweihen, indem man den Bruder oder die Schwester hasst.» Feindseligkeit, Extremismus und Gewalt seien «Verrat an der Religion», erklärte Franziskus. «Wir Gläubigen dürfen nicht schweigen, wenn der Terrorismus die Religion missbraucht.»

Mutig den Blick zu den Sternen erheben

Die Bibel erzählt, wie Gott Abraham aufforderte, die Sterne zu zählen – so zahlreich sollten seine Nachkommen sein. Franziskus greift dieses Bild der Verheissung auf: «Es liegt an uns, den Mut zu haben, den Blick zu erheben und die Sterne zu betrachten, die Sterne, die unser Vater Abraham gesehen hat, die Sterne der Verheissung.»

Zwei muslimische Männer beten auf dem roten Teppich nach dem interreligiösen Treffen in Ur mit Papst Franziskus am 6. März 2021.

In der von Konflikten zerrissenen Region mahnte der Papst, es werde keinen Frieden geben «ohne Völker, die anderen Völkern die Hand reichen». Ohne das Ringen des Iran und arabischer Staaten um die Vorherrschaft im Mittleren Osten als Beispiel zu nennen, warnte er, Bündnisse gegeneinander verstärkten nur die Spaltung. «Frieden erfordert weder Sieger noch Besiegte, sondern Brüder und Schwestern, die trotz der Missverständnisse und Wunden der Vergangenheit den Weg vom Konflikt zur Einheit gehen.»

Vor allem Christen und Jesiden werden verfolgt

Die Wunden im Irak sind nach mehr als 40 Jahren Krieg und schwierigen Bemühungen um Wiederaufbau weiterhin tief; manche bluten noch, wie nach den Verfolgungen der Jesiden und Christen unter dem Terrorregime des «Islamischen Staats» im Nordirak. Dorthin will Franziskus am Sonntag reisen. (cic)


Papst Franziskus bei der Begegnung mit Vertretern unterschiedlicher Religionen während seiner Reise in den Irak am 6. März 2021 in der Ebene von Ur. | © KNA/Vatican Media/Romano Siciliani
6. März 2021 | 19:25
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Papst feiert in Bagdad Messe im ostsyrischen Ritus

Papst Franziskus hat irakische Gläubige bei einer Messe in Bagdad ermutigt, der Weisheit Jesu zu folgen. Auch wenn die Liebe Christi in den Augen der Welt schwach erscheine, siege sie am Ende, sagte er am Samstagabend in der chaldäischen Sankt-Josefs-Kathedrale. Selig seien nicht die Mächtigen und Reichen, «sondern wer sich des Bruders oder der Schwester erbarmt».

Der Gottesdienst mit rund 500 Teilnehmern am zweiten Tag der Irak-Reise des Papstes war in mehrfacher Hinsicht von Symbolkraft. Als erstes römisches Kirchenoberhaupt feierte Franziskus die Messe im ostsyrischen Ritus. Der chaldäisch-katholische Patriarch Kardinal Louis Raphael I. Sako würdigte die Geste als «Umarmung für die ganze Kirche».

In seiner Predigt ging der Papst auch auf das Schicksal der christlichen Märtyrer ein, die es in den vergangenen Jahren im Irak gegeben habe. Sie hätten wegen ihres Glaubens «Vorurteile, Beleidigungen, Misshandlungen und Verfolgung» erlitten. Doch ihre Liebe sei stärker als die Sünde.

Wer die Weisheit Jesu lebendig mache, könne die Welt verändern, so der 84-Jährige. Dafür würden keine übermenschlichen Kräfte benötigt. Vielmehr gehe es darum, täglich Zeugnis von der Liebe des Herrn abzulegen. Immer wenn der Mensch den Bund mit Gott gebrochen habe, sei ihm vergeben worden. Denn die Liebe empöre sich nicht – «sie beginnt immer wieder neu».

Patriarch Sako dankte dem Argentinier angesichts der angespannten Sicherheitslage im Irak für seinen Besuch «unter aussergewöhnlichen Umständen». Dass er als Pilger gekommen sei, «der für eine menschlichere, brüderlichere, geeintere und friedlichere Welt betet, erfüllt uns mit Hoffnung», so der Kardinal. Dies werde dazu beitragen, die schmerzhafte Vergangenheit des Krisenlandes zu
überwinden, um Frieden und Versöhnung zu erlangen. (cic)