Papst Pius XII. schaut am 15. März 1949 aus einem Fenster im Vatikan.
Vatikan

Forschungsgruppe nimmt Vatikan als Global Player in Blick

Was war die vatikanische Haltung zu Demokratie, Menschenrechten, totalitären und autoritären Regimen? Wie ging Pius XII. mit dem Holocaust nach 1945 um und welchen Einfluss hatte der Vatikan im Kalten Krieg? Diese und weitere Fragen untersucht nun eine Forschungsgruppe.

Wenn es um Papst Pius XII. geht, denkt jeder zuerst an sein Schweigen zum Holocaust. Eine neue internationale Forschungsgruppe nimmt nun den Vatikan als Global Player in der Nachkriegszeit in den Blick.

Neuordnung der Welt nach dem Krieg

Zu Pius XII. ist schon unendlich viel geschrieben worden. In erster Linie geht es um seine Haltung zum Nationalsozialismus und sein Schweigen zum Massenmord an den Juden. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs endet auch schlagartig das Historiker-Interesse an dem Papst, dessen Pontifikat bis 1958 andauerte. Welche Rolle der Pius-Papst bei der Neuordnung der Welt nach dem Krieg spielte, ist bislang noch nicht erforscht worden.

Archive für Zeit des Pius-Pontifikat offen

Eine neue Forschungsgruppe der Deutschen Historischen Institute in Rom und Warschau beabsichtigt nun mithilfe von neuem Archivmaterial, die Rolle des Vatikans im frühen Kalten Krieg und der beginnenden Globalisierung zu erforschen. Seit Frühjahr 2020 stehen nämlich das Vatikanische Apostolische Archiv, das frühere Geheimarchiv und verschiedene andere kuriale Archive für die Zeit des Pius-Pontifikats offen.

Dekolonisierung und Demokratisierung

Zehn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden sich nach Angaben der Max-Weber-Stiftung ab Januar an verschiedenen internationalen Standorten der Frage widmen, wie sich der Vatikan zu den Schlüsselthemen des 20. Jahrhunderts wie Dekolonisierung, Demokratisierung und Erinnerung an den Holocaust und Zweiten Weltkrieg verhielt. Das Forschungsprojekt trägt den Titel «The Global Papacy of Pius XII: Catholicism in a Divided World, 1945-1958» und ist auf fünf Jahre ausgelegt.

Papst Pius XII. während einer Radioansprache im Jahr 1941 im Vatikan.
Papst Pius XII. während einer Radioansprache im Jahr 1941 im Vatikan.

Die Finanzierung übernimmt die Max Weber Stiftung – Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland. Sie fördert die Forschung mit Schwerpunkten auf den Gebieten der Geschichts-, Kultur-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in ausgewählten Ländern. Dafür unterhält sie weltweit elf Institute sowie weitere Forschungsgruppen und Büros.

Kirche und Nachkriegszeit-Debatten

Die Koordination des Forschungsprojektes liegt bei Simon Unger-Alvi, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter am DHI in Rom tätig ist. Er sagt, es wäre in der Forschung und auch in der Öffentlichkeit noch gar nicht angekommen, an wie vielen Debatten die Kirche in der Nachkriegszeit mitgewirkt habe, ob es nun um die Dekolonisierung oder die Westintegration gegangen sei.

Konrad Adenauer und Papstbotschafter

Er nennt als Beispiel aus seiner eigenen Forschung die Stalin-Note vom März 1952, mit der der russische Diktator Josef Stalin den Westmächten Verhandlungen über die Wiedervereinigung und Neutralisierung Deutschlands anbot.

Als Kanzler Konrad Adenauer davon erfuhr, setzte er sich direkt mit dem Papstbotschafter und Apostolischen Nuntius Aloysius Muench in Verbindung, der seinerseits dann umgehend Rom informierte. Adenauer liess wissen, es drohe ein kommunistisches wiedervereinigtes Deutschland und damit die Vernichtung der katholischen Kirche.

Papst Pius XII. empfing 1957 den deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer (links) und dessen Tochter zu einer Privat-Audienz. Adenauer war Witwer.
Papst Pius XII. empfing 1957 den deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer (links) und dessen Tochter zu einer Privat-Audienz. Adenauer war Witwer.

Es sei die Gleichzeitigkeit von Beharren und Reform, die sich als Leitmotiv durch die Politik des Vatikans in der Nachkriegszeit zieht, so Unger-Alvi. Viele Entwicklungen begannen bereits im Pius-Pontifikat, die erst später nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) zum Tragen kamen.

Grosse Fragen

Es sind die ganz grossen Fragen, die das Forschungsteam beantworten will. Was war die vatikanische Haltung zu Demokratie, den Menschenrechten, totalitären und autoritären Regimen? Wie gingen Pius XII. und die Kurie mit dem Erbe des Faschismus, der Kollaboration und des Holocausts innerhalb der Kirche nach 1945 um?

In welcher Weise nahm der Vatikan Einfluss auf den Kalten Krieg? Wie reagierte der Vatikan auf die Gründung Israels oder die Dekolonisation in Afrika oder Asien? In fünf Jahren spätestens weiss man mehr dazu, wenn das Forschungsprojekt endet. (kna)


Papst Pius XII. schaut am 15. März 1949 aus einem Fenster im Vatikan. | © kna
14. Januar 2022 | 17:15
Teilen Sie diesen Artikel!