Fenster zur Welt: Warum der Religionsunterricht ein sinnvolles Matura-Fach ist
Religion soll Maturafach werden – und für die Note dann gleich wichtig werden wie Mathematik oder Deutsch. Gut so! In einer immer komplexeren Welt ist ein Schulfach wichtig, das einem das Denken lehrt – und den Dialog. Ein Kommentar.
Jacqueline Straub
Die Maturitätsreform soll die Wahl- und Maturafächer ausweiten. So sollen ab 2027 Schülerinnen und Schüler künftig auch Sport, Religion, Theater, Informatik, Geografie oder Geschichte als Schwerpunktfach wählen können. Religion etwa zählt dann gleich wie Deutsch, Englisch oder Mathematik, schreibt die «Aargauer Zeitung».
Manche machen daraus ein Problem. Ich sehe das als grosse Chance. Ich bin Doppelbürgerin: Meine Mutter ist Schweizerin, mein Vater ist Deutscher. Matura machte ich in Baden-Württemberg. Ich hatte Religion zuletzt als vierstündiges Fach – und legte hier eine schriftliche Abi-Prüfung ab.
Einige aus meinem Jahrgang haben sich für Religion vierstündig entschieden, weil sie dachten, dass Mandalas gemalt und Meditationsmusik gehört wird. Schnell zeigte sich: Das Schulfach Religion ist kein Gebetskreis.
Mein Religionsunterricht war wie ein Fenster zur Welt: in die Vergangenheit, in die Gegenwart, in die Zukunft. Wir haben philosophische Fragen erörtert. Wir haben Quellenkritik gelernt. Wir haben kritisches Denken gelernt. Wir haben die Grundlagen der Weltreligionen studiert und wie Dialog konstruktiv gestaltet werden kann.
In meinem Religionsunterricht ging es nicht um Katechismus und Moral. Sondern um ethisch-moralische Entscheidungen – und wie wir sie reflektiert treffen können. Sei es, welche Haltung ich bei der Frage der passiven und aktiven Sterbehilfe einnehme oder wie weit Wissenschaft beim Beginn des Lebens gehen darf.
Jesus und Menschenwürde
Nach meinem schriftlichen Abitur in Religion konnte ich nicht die Bibel auswendig rezitieren. Aber ich wusste mehr von Jesus Christus – und was sein Menschsein mit der universalen Menschenwürde zu tun hat. Und warum diese absolut ist – und nicht verletzt werden darf.
Wer die Menschen verstehen will, muss wissen, was die Menschen bewegt – dazu gehört auch ihr Glaube und ihre Fragen ans Leben. Religion als Maturafach kann darauf Antworten liefern.
Vieles von dem, was ich in der Schule gelernt habe, habe ich längst vergessen. Hingegen habe ich das, was mein Religionslehrer uns auf den Weg gab, noch heute in den Ohren: Egal ob Christ oder Nicht-Christin, wir sollten jeden Tag verschiedene Medien konsumieren, um zu wissen, was in der Welt passiert.
Seit kurzem hat die Schweiz eine eigene Botschaft am Heiligen Stuhl. Nicht, weil die Schweiz den Vatikan so toll findet. Sondern weil Religion ein wichtiger Faktor des Lebens ist – und auch der Geopolitik.
Nicht jeder muss gläubig sein. Aber wer religiös musikalisch ist oder weiss, warum Menschen religiös musikalisch sind, versteht mehr von der Symphonie des Lebens. Und kann mit allen Unschärfen, Polyphonie, Ungleichzeitigkeiten und Ambivalenzen dieser Welt besser umgehen.
Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir: Ich wünsche allen Schülerinnen und Schülern, dass sie im künftigen Maturafach Religion ähnlich so viel fürs Leben lernen dürfen wie ich.
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