Schweiz

Einsatz feministischer Theologinnen ist heute «nötiger denn je»

Basel, 10.10.16 (kath.ch) Seit 25 Jahren gibt es die «Interessengemeinschaft Feministische Theologinnen». Frauen wehe von kirchlicher Seite auch heute noch ein rauer Wind entgegen, heisst es in der Medienmitteilung: Kritische Äusserungen von Kirchenmännern zur Gender-Theorie oder zu einer «Feminisierung der Kirche» zeigten, dass es die IG Feministische Theologinnen immer noch brauche.

Die Aufbruchsstimmung sei zwar vorbei und feministisch-theologische Anlässe schlügen keine hohen Wellen mehr, so die Mitteilung weiter. Dennoch hält die IG Feministische Theologinnen es für «nötiger denn je», in Kirche und Gesellschaft für Frauenrechte und Geschlechtergerechtigkeit einzustehen.

Entwicklungen im Bereich der Gender-Themen hätten dazu geführt, dass die IG Feministische Theologinnen ihr 25-Jahr-Jubiläum, das eigentlich schon im Mai war, nun zum Anlass nehmen, an die Öffentlichkeit zu treten, sagte Doris Strahm, Vorstandsmitglied der IG, gegenüber kath.ch. Für den Vatikan ebenso wie für evangelikale Fundamentalisten sei Gender «eine Sünde gegen den Schöpfergott». Die IG Feministische Theologinnen zitiert eine Aussage von Papst Franziskus, der sich anlässlich des Weltjugendtages im August gegenüber Bischöfen darüber beklagte, dass bereits Kinder mit der Gender-Ideologie konfrontiert würden: «Heutzutage wird in den Schulen Kindern beigebracht – Kindern! – dass sich jeder sein Geschlecht frei aussuchen kann.» Damit werde laut dem Papst versucht, den Gedanken zu vernichten, dass Gott Mann und Frau als seine Ebenbilder erschaffen habe. Die Feministinnen kritisieren, dass damit der ursprüngliche Begriff von Gender als «Geschlechterrolle» ad absurdum geführt werde.

«Feminisierung der Kirche»

Auch die Äusserungen von Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, über die «Feminisierung der Kirche» zeigen laut der IG, wie nötig feministische Theologie noch immer sei. Locher benutzte diesen Ausdruck 2014 in der Weltwoche angesichts der zunehmenden Zahl von Pfarrerinnen in der reformierten Kirche. Dies führe dazu, dass die Männer der Kirche fernblieben.

Die weitgehende Abschaffung kirchlicher Frauenstellen, welche Weiterbildungen zu feministischen Anliegen organisiert hätten, sei ein weiteres Zeichen für die Notwendigkeit der IG. Begründet werde die Abschaffung solcher Stellen damit, dass Genderthemen Querschnittthemen seien und somit für alle kirchlichen Bereiche gälten. «Fakt ist aber, dass das Thema durch die Abschaffung der Fachstellen mehr und mehr verschwindet», so Strahm.

Feministische Theologinnen an Schweizer Universitäten

Doch auch von Erfolgen im Bereich feministischer Theologie weiss die IG zu berichten: «Vieles von dem, was feministische Theologinnen in den letzten 30 Jahren gedacht, erforscht und geschrieben haben, ist im kirchlichen Alltag angekommen», so die Mitteilung. Konkret gebe es vielerorts reformierte Pfarrerinnen und Pastoralassistentinnen. Ein nicht mehr nur männliches Gottesbild habe ebenso Einzug in Kirchen gefunden wie eine liturgische Sprache, die Frauen auch explizit benenne.

Auch wenn die universitäre Theologie noch immer mehrheitlich in Männerhand sei, hätten vermehrt auch feministische Theologinnen einen Lehrstuhl inne. Strahm erwähnt etwa Monika Jakobs, Professorin für Religionspädagogik und Katechetik und Leiterin des Religionspädagogischen Instituts in Luzern, Silvia Schroer, Professorin für Altes Testament und Biblische Umwelt an der Universität Bern, oder Andrea Bieler, Professorin für Praktische Theologie, welche per Ende Jahr von der Kirchlichen Hochschule Wuppertal an die Theologische Fakultät in Basel wechseln wird.

Die oben erwähnten Äusserungen kirchlicher Würdenträger zeigten jedoch, dass noch immer viel zu tun sei. So werde etwa der kirchliche «Anti-Genderismus» in jüngster Zukunft eines der Schwerpunktthemen der IG bleiben, erklärt Doris Strahm.

Ökumenisches Forum

Die IG Feministische Theologinnen der deutschen Schweiz und Liechtensteins wurde am 4. Mai 1991 von rund 40 Frauen verschiedener christlicher Konfessionen in Luzern gegründet. Mitglieder der IG sollten Frauen sein, die eine feministisch-theologische Option teilen und «die sich in der Aufarbeitung und Umsetzung feministischer Theologie engagieren», zitiert Doris Strahm aus den Gründungsstatuten. Die IG tritt für Frauenrechte und Geschlechtergerechtigkeit in den Kirchen ein und dient der Vernetzung feministischer Theologinnen, sie versteht sich heute als «ökumenisches Forum für feministische Theologie» und ist vor allem in der Weiterbildung tätig. Aktuell gehören der IG rund 160 Frauen an. (sys)

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Doris Strahm, feministische Theologin | © zVg
10. Oktober 2016 | 14:16
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