Donata Gries
Schweiz

Donata Gries: «Glaube kann starke Quelle psychischer Widerstandskraft sein»

Krisen gehören zum Leben. Doch was macht Menschen resilient? Die deutsche Theologin und Coach Donata Gries erklärt, warum Hoffnung, Vertrauen und Vergebung die Resilienz stärken können – und weshalb christlicher Glaube mehr ist als blosser Optimismus.

Jacqueline Straub

Sie haben ein Buch über Resilienz und Glaube geschrieben. Gab es einen Schlüsselmoment in Ihrem Leben, der Sie zu diesem Buch inspiriert hat?

Donata Gries*: Seit über 25 Jahren unterstütze ich Menschen und Unternehmen dabei, ihre Resilienz zu stärken. Dabei stellte sich immer wieder eine zentrale Frage: Welche Rolle spielt Spiritualität? Kann Glaube helfen, Krisen besser zu bewältigen? Deswegen habe ich zu dem Zusammenhang von Resilienz und Glauben geforscht. Die Ergebnisse waren bemerkenswert – und wurden zur Grundlage meines Buches.

«Wir leben in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen.»

Gibt es auch persönliche Erfahrungen, die zum Schreiben des Buches führten?

Gries: Ja. Auch ich kenne Zeiten von Überforderung, Unsicherheit und Abschied. Immer wieder habe ich erlebt, dass mir der Glaube einen inneren Halt schenkt, der unabhängig von den äusseren Umständen ist. Besonders im Gebet finde ich einen Frieden, den ich sonst nicht finden würde.

Erdbeben in Ecuador
Erdbeben in Ecuador

Resilienz bezeichnet die psychische Widerstandskraft, also die Fähigkeit, Krisen, Stress oder Schicksalsschläge zu bewältigen und daran zu wachsen. Warum ist Resilienz so wichtig?

Gries: Wir leben in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen. Digitalisierung, Kriege, wirtschaftliche Unsicherheiten und der Klimawandel. Gleichzeitig verändern sich Arbeitswelt und Lebensrealitäten rasant und verlangen ein hohes Mass an Anpassungsfähigkeit. Das verunsichert Menschen und verursacht Stress. Um unter diesen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben, braucht es Resilienz. Sie bedeutet nicht Unverwundbarkeit, sondern die Fähigkeit, Belastungen konstruktiv zu bewältigen und nach Krisen wieder innere Balance zu finden.

Es geht also nicht darum, Krisen zu vermeiden?

Gries: Menschen erleben Krisen, das gehört dazu. Die Akzeptanz von Rückschlägen befähigt erst, damit umzugehen. Wer das perfekte Leben erwartet, ist viel gefährdeter, psychisch zu brechen. Die aktuellen Zahlen bei psychischer Erkrankungen sprechen für sich. Es ist wirklich wichtig, Resilienz zu fördern, für mehr Stabilität der Individuen und der Gesellschaft.

«Resilienz ist keine Entscheidung, sondern Übung.»

Wie kann man resilient werden?

Gries: Die gute Nachricht ist, Resilienz ist nicht angeboren. Jeder Mensch kann sie lernen – und das in jeder Lebensphase.

Und die schlechte Nachricht?

Gries: Ähnlich wie ein Muskel, muss auch die Resilienz regelmässig trainiert werden. Resilienz ist keine Entscheidung, keine Willensfrage, sondern Übung, sie wächst durch viele kleine Schritte.

Welche Rolle spielt dabei die christliche Sicht, dass jeder Meschen einen unbedingten Wert hat?

Gries: Gerade auf dem Fundament des Geliebt-Seins können Menschen sehr gut wachsen. Wir können Gewohnheiten verändern und unseren Umgang mit Belastungen weiterentwickeln.

Gebet
Gebet

Wie hilft dabei der Glaube?

Gries: Die Forschung zeigt eindeutig: Glaube kann eine starke Quelle psychischer Widerstandskraft sein. Eigentlich findet sich jeder Faktor, der die Resilienz stärkt, auch im christlichen Glauben: Er schenkt Perspektive, Gemeinschaft, Regeneration, Mut zum Handeln und so vieles mehr. Seine besondere Stärke sehe ich darin, dass er Leid nicht verdrängt: Im Mittelpunkt steht Jesus Christus, der selbst gelitten hat und Menschen gerade darin nahe ist.

Sind gläubige Menschen resilienter?

Gries: Das hängt von der Art der Glaubens ab. Entscheidend ist, wie dieser Glaube praktiziert wird. Studien zeigen: Ein Glaube, der in Passivität führt, oder gar verängstigt, stärkt nicht. Ebenso wenig stärkt ein Glaube, der zwar irgendwie da ist, aber das Leben nicht prägt. Resilienz fördernd wird Glaube dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen, ihr Leben aktiv gestalten und sich zugleich von Gott getragen wissen. Christlicher Glaube bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben, sondern sie im Vertrauen auf Gott bewusst zu leben.

«Jesus redet die Angst nicht klein.»

Vertrauen und Hoffnung sind wichtig bei der Erarbeitung von Resilienz. Welche Haltungen und Aussagen der Bibel können dabei helfen?

Gries: Mich persönlich begleitet immer wieder Jesu Wort: «In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.» (Joh 16,33). Es macht mir Mut, weil Jesus die Angst nicht kleinredet. Entscheidend ist nicht, ob ich Angst habe, sondern worauf ich mein Vertrauen gründe. Ich vertraue darauf, dass ich trotz allem in Gott geborgen bin. Darum ist christliche Hoffnung für mich weit mehr als blosser Optimismus.

Der Einzug von Jesus in Jerusalem
Der Einzug von Jesus in Jerusalem

Optimismus sagt: Es wird schon gut gehen.

Gries: Genau, christliche Hoffnung dagegen vertraut, dass Gott uns auch dann nicht verlässt, wenn das Leben richtig hart ist. Und – die Bibel ist ein Schatz voller Erfahrungen mit Gott – darum gibt es weder den einen Bibelvers noch die eine Methode für alle. Gott lädt jeden ein, darin den eigenen Weg für seine Situation zu entdecken.

Sie schreiben, dass Resilienz wächst, wenn wir Gott um Hilfe bitten. Ist es wirklich so einfach? Denn bekanntlich erfüllt Gott nicht all unsere Gebete.

Gries: Nein, Gott ist kein Wunscherfüller. Wir bleiben verantwortlich, unser Leben und unsere Welt zu gestalten. Doch Gebet verändert oft zuerst uns selbst: Es schenkt Gelassenheit, eröffnet neue Perspektiven und hilft, Möglichkeiten zu erkennen. Wer seine Sehnsüchte und Hoffnungen vor Gott ausspricht, gewinnt oft auch Klarheit über den eigenen Weg. So öffnet sich ein Raum, in dem Gottes Geist wirken kann.

Lichtblick in der Krise
Lichtblick in der Krise

Wie kann Vergebung Resilienz fördern und vor allem in sehr harten Fällen – gelingen?

Gries: Vergebung braucht Zeit – und Übung. Deshalb erwarte ich niemals, dass ein Mensch nach einer schweren Verletzung sofort vergeben kann. Es ist wichtig, Vergebung nicht erst dann einzuüben, wenn uns das Schwerste im Leben trifft. Dennoch ist psychologisch klar: Dauerhafter Groll schadet dem, der ihn festhält. Wer nicht vergeben kann, trägt den Schmerz oft über Jahre mit sich herum und hofft vergeblich auf Erlösung. Vergebung bedeutet deshalb zunächst, sich selbst aus dieser inneren Gefangenschaft zu lösen.

Wer vergibt, muss aber nicht vergessen.

Gries: Genau. Vergebung ist nicht dasselbe wie Vergessen. Es bedeutet auch nicht, Unrecht gutzuheissen oder auf notwendige Grenzen zu verzichten. Gerade nach Gewalt oder Missbrauch können klare Konsequenzen und Vergebung nebeneinander bestehen. Echte Vergebung ist ein oft langer innerer Prozess, der mit Ehrlichkeit gegenüber anderen und sich selbst beginnt.

Gesprächszimmer zum Beichten
Gesprächszimmer zum Beichten

Im Christentum ist Vergebung verknüpft mit der Bereitschaft, die eigene Schuld anzuerkennen und sich selbst zu vergeben.

Gries: Gerade im katholischen Glauben ist das Sakrament der Busse ein grosser Schatz: Gottes Vergebung wird zugesagt und erfahrbar. Im Coaching begegne ich oft Menschen, die anderen vergeben haben, aber nicht sich selbst. Auch hier kann Gottes Zuspruch heilsam wirken. Vergebung setzt jedoch immer voraus, dass Schuld ehrlich benannt wird – auch von der Kirche selbst.

Könnte also auch die katholische Kirche mit ihren Missbrauchsfällen resilient werden?

Gries: Ja, trotz der Missbrauchsfälle und auch anderen Vergehen, die geschichtlich indiskutabel sind. Auch hier gilt: Ehrlichkeit, bekennen, sich der Verantwortung stellen. Gerade weil das Evangelium von Versöhnung spricht, darf auch die Kirche, um Vergebung bitten und Veränderungen zulassen. Das ist ein Ausdruck christlicher Resilienz: die eigenen Schatten nicht zu verleugnen, sondern sie im Licht Gottes anzuschauen und sich verändern zu lassen.

«Dankbarkeit bedeutet nicht, Leid auszublenden.»

Welche Rolle spielen Dankbarkeit und Gebet?

Gries: Dankbarkeit und Gebet gehören für mich eng zusammen. Unser Gehirn richtet seine Aufmerksamkeit ganz automatisch auf Probleme – das war für unser Überleben wichtig. Deshalb übersehen wir oft, wie viel Gutes unser Leben trägt. Dankbarkeit bedeutet nicht, Leid auszublenden. Sie hilft vielmehr, die Wirklichkeit vollständiger wahrzunehmen: Neben allem Schweren gibt es auch das Gute, das Tragende und das Geschenkte. Je älter ich werde, desto mehr staune ich darüber, wie sehr wir jeden Tag von dem leben, was andere für uns tun. Das macht dankbar und demütig.

Für glaubende Menschen kommt noch eine weitere Dimension hinzu: Alles Leben ist letztlich Geschenk Gottes.

Gries: Ja, Dankbarkeit wird so zu einer Haltung des Herzens. Gebet ist für mich Ausdruck dieser Haltung. Es bedeutet, in Beziehung zu Gott zu treten und mich seiner Kraft zu öffnen. Dabei erkenne ich an, dass mein Leben nicht allein in meiner Hand liegt. Das schenkt Ruhe, richtet mich neu aus und erinnert mich daran, worauf mein Leben gegründet ist.

«Psychische Gesundheit ist eine der grossen gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit.»

Sie bieten Fortbildungen zu Biblioresilienz an. Was genau ist das und was erleben die Teilnehmenden dort?

Gries: In meinen Seminaren erleben die Teilnehmenden fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, wie Resilienz entsteht, und ganz konkrete geistliche Erfahrungen. Ich nehme gerne die Lebens- und Glaubensfragen der Teilnehmenden auf. Im kommenden Jahr startet in Deutschland gemeinsam mit der Malteser Akademie eine Train-the-Trainer-Ausbildung. Es ist eine grossartige Möglichkeit, unsere Tradition mit neuen Perspektiven zu vitalisieren. Ich bin überzeugt, dass psychische Gesundheit eine der grossen gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit ist. Die Kirche besitzt dafür einen Schatz, den viele Menschen neu entdecken möchten. Nicht, weil der Glaube jedes Problem löst, sondern weil er den Menschen durch jedes Problem tragen kann.

*Donata Gries ist Theologin, Coach und Beraterin für Personal- und Organisationsentwicklung. Sie begleitet neben Wirtschaftsunternehmen und Führungskräften auch Gemeinden und Seelsorgende, um Veränderungen aktiv zu gestalten. Ihr aktuelles Praxisbuch heisst «Lass dein Licht leuchten. Resilienz durch Glaube».

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Donata Gries | © zvg
4. August 2026 | 17:00
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