Schweiz

«Es geht um eine minimale Bildung in Bezug auf Religion»

Der «Lehrplan 21» hat für die Volksschulen das Fach «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» geschaffen. Doch nun kritisiert die interreligiöse Arbeitsgemeinschaft Iras Cotis: «Der vorgesehene Unterricht findet für Tausende von Schülerinnen und Schülern kaum statt.» Weshalb, erklärt Simon Gaus Caprez* im Gespräch mit kath.ch.

Martin Spilker

Woher wissen Sie, dass «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» vielerorts nicht unterrichtet wird?

Simon Gaus Caprez: Wir haben viele Erfahrungen im Feld, etwa mit Klassenlehrpersonen. Sie berichten, dass sie wenig Zeit für die Behandlung solcher Themen haben. Wir stehen auch im Kontakt zu Pädagogischen Hochschulen, wo sich ebenfalls die Frage stellt, welchen Raum Religion einnimmt.

Simon Gaus Caprez

So haben wir uns an eine Recherche gemacht und geschaut, was die Bildungsdirektorenkonferenz bei der Analyse der Stundentafeln herausgefunden hat. Unsere Erkenntnis ist, dass die Situation des Religionsunterrichts heute schlechter als ist als einst geplant.

Können Sie das präzisieren?

Gaus Caprez: Genau. Als der Lehrplan 21 definitiv in allen Kantonen beschlossen wurde, gab es eine Analyse der Stundentafeln, die 2019 noch einmal präzisiert wurde. Aber es wurden keine Aussagen dazu gemacht, was mit den Abweichungen gegenüber der Vorlage des neuen Lehrplans geschieht.

Klar, die Lehrpläne sind in der Hoheit der Kantone, das ist uns bewusst und das ist auch richtig so. Unsere Kritik besteht darin, dass das Heft nach der langen Debatte nicht stärker in die Hand genommen wurde und man sich sagte: Wenn wir einen solchen Kampf um den Religionsunterricht gehabt haben, dann ziehen wir das auch durch.

Wen meinen Sie mit wir?

Gaus Caprez: Die Schweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK). Es war ein bewusster Entscheid, dass es einen staatlichen Religionsunterricht geben soll. Dagegen gab es Widerstand und Bedenken, nicht zuletzt von kirchlicher Seite. In vielen Kantonen gab es Abstimmungen gegen den Lehrplan 21 – in praktisch allen Fällen setzte sich aber die EDK-Vorlage durch.

Schulklasse im Projekt "Dialogue en Route" von Iras Cotis unterwegs

Heisst das, salopp gesagt, das Fach «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» ist der kleinste gemeinsame Nenner, der politisch Rückhalt findet?

Gaus Caprez: Ja, aber das ist gar nicht schlecht! Es geht darum, dass es in der Schule eine minimale Bildung in Bezug auf Religion gibt. Klar hat das Fach – beispielsweise mit Blick auf die Berufswahl – nicht die gleiche Bedeutung wie Mathematik oder Deutsch. Aber für die Gesellschaft ist es enorm wichtig. Grundlegende Fragen sowohl zum Christentum wie zum Islam oder Judentum sind von Bedeutung.

«Je mehr Unterricht, desto besser.»

Es spricht auch nichts dagegen, wenn ausserhalb des obligatorischer Schule noch konfessioneller Unterricht stattfindet. Denn aus Sicht des Dialogs lässt sich nur sagen: Je mehr Unterricht, desto besser.

Auch Lehrpersonen bilden unsere Gesellschaft ab. So ist davon auszugehen, dass viele eher schwer einen Zugang zu Religion und entsprechend zum ERG-Unterricht finden. Was halten Sie dem entgegen?

Gaus Caprez: Genau deshalb enthält der Lehrplan ja Inhalte, mit denen sich arbeiten lässt. Im Dialog in den Schulen stellen wir fest, dass alle eine Meinung zu Religion haben, auch wenn sie sich nicht als religiös bezeichnen. Das gilt es zu akzeptieren. Aber es muss auch in der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen klar gemacht werden, dass die Auseinandersetzung mit Religion zum Berufsbild gehört.

Schüler an der Wandtafel

«Sie machen im ERG-Unterricht Klassenstunde.»

Und hier setzt auch unsere Kritik an: Die Personen, die Mühe mit dem Thema Religion haben, versuchen die Auseinandersetzung damit zu vermeiden. Sie machen im ERG-Unterricht Klassenstunde oder ein nehmen ein anderes Thema, lassen Religion aber beiseite.

Sie kritisieren das gängige Schulsystem?

Gaus Caprez: Nein, nicht das System an sich. Wir stellen jedoch fest, dass die Umsetzung des Fachs ERG auf halber Strecke stehengeblieben ist. Es wurden in verschiedenen Kantonen zu viele Ausnahmen formuliert.

Die gesellschaftliche Entwicklung geht klar in Richtung religiöser Vielfalt und De-Institutionalisierung. Immer weniger Menschen sind in religiösen Gemeinschaften institutionalisiert. Der Lehrplan reagiert darauf mit dem Fach ERG. Das ist der minimale religionskundliche Unterricht für alle. Ja, für manche ist das vielleicht der einzige Ort, mit dem Thema Religion in Kontakt zu kommen.

Wäre es schlimm, wenn es diesen Ort nicht gäbe?

Gaus Caprez: Es wird unglaublich schwer, ohne jegliches Grundlagenwissen einen Dialog zu führen! Aber Religion ist ein Thema, über das in der Gesellschaft gesprochen wird.

In Ihrer Stellungnahme wird vom «Gespenst Religion» gesprochen. Was meinen Sie damit?

Gaus Caprez: Wir erleben häufig, dass Menschen beim Thema Religion zurückschrecken. Sei dies beim Zutritt in ein religiöses Gebäude oder nur schon, wenn das Wort im Gespräch auftaucht. Wir haben den Eindruck, dass viele es nicht mehr gewohnt sind, Religion als gesellschaftliches Thema zu begreifen.

«Es geht uns nicht um eine Glaubensfrage.»

Mit einem religionskundlichen Zugang, unabhängig davon, ob ich selbst religiös bin oder nicht, lässt sich Religion Teil des Alltags wahrnehmen. Religion hat unsere Geschichte geprägt und prägt die Gegenwart. Uns geht es um eine Auseinandersetzung mit dem Gegenstand Religion, nicht um eine Glaubensfrage.

Lässt sich Religion denn ohne den Aspekt des Glaubens zum Thema machen?

Gaus Caprez: Religion hat verschiedene Dimensionen. Das Thema lässt sich ohne Glaubenszugang wahrnehmen. Der Zugang über den Glauben ist eine konfessionelle Perspektive. 

Welche Forderung stellt «Iras Cotis» aus den gewonnenen Erkenntnissen?

Gaus Caprez: Forderungen stellen wir keine. Aus unserer Sicht ist schon viel erreicht, wenn unser Anliegen bekannt und darüber diskutiert wird. Konkret: Wenn Lehrpersonen erkennen: Das Thema ist wichtig und der Spielraum, den ich dafür habe, den nutze ich gut. Von den Kantonen hoffen wir, dass sie dranbleiben und das Fach tendenziell stärken, etwa durch Weiterbildungen.

Simon Gaus Caprez

Mit Blick auf die anspruchsvollen Aushandlungsprozesse bei der Lehrplangestaltung sind auch die Kirchen angesprochen. Wir sind der Meinung, dass alle Beteiligten ein grosses Interesse an möglichst viel Bildung im Bereich Religion haben müssten. Die Kirchen profitieren, wenn in der Schule im Fach ERG ein selbstbewusster Bezug zu Religion gefördert wird.

Was trägt «Iras Cotis» dazu bei?

Gaus Caprez: Wir haben die Schulbesuche im Rahmen von «Dialogue en Route» im Angebot. Auch in der «Woche der Religionen» beziehen wir genau die Leute mit ein, die nichts mit Religion zu tun haben wollen und doch eine Meinung dazu haben. Hier stossen wir auf viele Stereotypen.

«Wir möchten das Universum an Religionen in der Schweiz zeigen.»

Wir möchten Leuten, die nur sehr partielle Erfahrungen mit Religion haben, zeigen, wie weit das Universum an Religionen in der Schweiz ist und dass sie sich selbst eine Meinung darüber bilden können. Dies versuchen wir mit möglichst niederschwelligen Angeboten.

* Simon Gaus Caprez, absolvierte nach einem Kunststudium Zivildienst im Haus der Religionen und studierte «Interreligiöse Studien» an der Uni Bern. Er ist seit elf Jahren bei der Interreligiösen Arbeitsgemeinschaft «Iras Cotis» tätig und dort Projektleiter «Dialogue en Route» in der Deutschschweiz.

Simon Gaus Caprez | © Ueli Abt
27. Januar 2020 | 11:16
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Eine Dachorganisation mit 75 Mitgliedern

Die Interreligiöse Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz «Iras Cotis» ist die schweizerische Dachorganisation von Religionsgemeinschaften und zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich im interreligiösen und weltanschaulichen Dialog engagieren.

Dem Verein gehören rund 75 institutionelle Mitglieder an. Vertreten sind unter anderem Vereinigungen der Aleviten, Baha’i, Buddhisten, Christen, Hindu, Juden, Muslime und Sikhs sowie Runde Tische, Bildungshäuser und Hilfswerke. (ms)