Entschuldigungen und Applaus beim Reformationsgedenken

Zürich, 3.4.17 (kath.ch) Die Reformation in einem Gottesdienst feiern. Und zusammen mit dem Gedenken an den Geburtstag von Bruder Klaus. Das ist eine Herausforderung. Am Nationalen Gedenk- und Feiertag am 1. April in Zug wurde aus der Erinnerung ein Neuanfang gestaltet. Das ging unter die Haut, sagt Martin Spilker im Kommentar.

Einen Tag lang wurde unter dem Titel «Gemeinsam zur Mitte» zum 600. Geburtstag des Schweizer Nationalheiligen Niklaus von Flüe und der Erinnerung an 500 Jahre Reformation und ihrer Folgen hin- und zurückgeschaut. Aber nicht nur das. An verschiedenen Anlässe wurde der Blick nach vorne gerichtet.

Dabei ging es nicht allein darum, was die Kirchen aus diesen Ereignissen für die Zukunft mitnehmen können. In einem bewegenden ökumenischen Gottesdienst zum Abschluss des Gedenktages wurde, das darf und soll hier so festgehalten werden, Geschichte geschrieben. Es wäre wohl ein Leichtes gewesen, auch im kirchlichen Rahmen rückblickend zu gedenken. Eine grosse ökumenische Vorbereitungsgruppe wollte aber mehr. In der vollbesetzten katholischen Kirche St. Michael in Zug wurde mehr als einmal festgehalten: Die Trennung der Kirchen ist ein Skandal.

Die Trennung der Kirchen ist ein Skandal.

Die für die Fastenzeit verhüllten Kreuze und Altarbilder boten dazu den passenden Rahmen. Und die uraufgeführte Kantate «Gemeinsam zur Mitte» von Erwin Mattmann mit dem fiktiven Dialog zwischen Bruder Klaus und dem Reformator Martin Luther vermochte gleich zu Beginn auf das einzustimmen, was hier passieren sollte: Immer wieder schrien Dissonanzen in der Musik diesen Skandal hinaus: Diese Trennung ist nicht Gottes Wille.

Wer also muss sich dann darum kümmern, dem etwas entgegenzuhalten? Sind es die Kirchen. Nein, es sind die Menschen, die sich in verschiedenen Kirchen auf den gleichen Gott berufen. Und in Zug waren es bedeutende Vertreter der evangelisch-reformierten und der römisch-katholischen Kirche, die eindrücklich und immer wieder festhielten, dass durch diese Kirchenspaltung Unrecht geschehen ist, dass von kirchlichen Obrigkeiten im Namen des Glaubens Menschen gegeneinander aufgehetzt, verfolgt, getötet wurden.

«Ich entschuldige mich» – das ging unter die Haut.

Das bekannten in Zug Vertreter der beiden grossen Kirchen in der Schweiz: Felix Gmür, Bischof von Basel und Vizepräsident der Schweizer Bischofskonferenz, für die Katholiken, und Gottfried Locher, Präsident des Rats des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes und Präsident des Rats der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa, für die Reformierten. «Ich entschuldige mich», sagten die beiden Repräsentanten zueinander, umarmten und küssten sich. Ein Zeichen, das unter die Haut ging und von den Gottesdienstbesuchern mit lange anhaltendem Applaus gewürdigt wurde.

Ökumene heisst, aufeinander zugehen, anerkennen dass Unrecht geschehen ist. Aus dieser Haltung heraus gilt es, immer neue Schritte aufeinander zu zu tun. Dass kann jede und jeder in seinem Alltag. Die strukturellen Differenzen zwischen den Konfessionen werden so schnell nicht beiseite geräumt sein. Das braucht aber niemanden daran zu hindern, sich selber und die Mitchristen in der eigenen Kirche immer wieder daran zu erinnern: Diese Trennung ist nicht gottgewollt. Und es ist an uns Christinnen und Christen, den Weg zu Mitte gemeinsam zu gehen. Und wo das passiert, darf es auch gerne wieder Applaus geben.

Vollständiger Text der Liturgie an der Gedenkfeier

Von der Diagnose zur Therapie – Reformierte und Katholiken auf der Suche

Bischof Felix Gmür und SEK-Ratspräsident Gottfried Locher bekannten Verfehlungen beider Kirchen und baten um Entschuldigung. | © Keystone
3. April 2017 | 15:56
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