Albin Reichmuth, Gründer der Interessengemeinschaft für missbrauchsbetroffene Menschen im kirchlichen Umfeld.
Schweiz

«Empathischer Zuhörer und Wegbegleiter» ist tot: Albin Reichmuth gab den Opfern von Missbrauch eine Stimme

Der Oltener Albin Reichmuth hat zunächst eine Selbsthilfegruppe und später eine IG für Betroffene von sexuellem Missbrauch im kirchlichen Umfeld gegründet. Damit hat er Pionierarbeit in der Deutschschweiz geleistet. Nun ist Reichmuth, einst selbst Opfer von Übergriffen, im Alter von 78 Jahren gestorben.

Barbara Ludwig

Reden hilft bei der Bewältigung von Missbrauch, auch wenn ein solcher Jahre zurückliegt. Das wusste Albin Reichmuth aus eigener Erfahrung. Er war neun Jahre alt, als die Übergriffe durch den damaligen Pfarrer von Trimbach SO begannen; diese fanden über einen Zeitraum von fast sechs Jahren statt. Eine Aufarbeitung begann der Mann aber erst im Alter von 63 Jahren.

Unheimliche Schattengestalt mit Kruzifix in einer Kirche.
Unheimliche Schattengestalt mit Kruzifix in einer Kirche.

Für Opfer sei es generell sehr schwierig, über Missbräuche im kirchlichen Umfeld zu reden, sagte Reichmuth 2019 gegenüber kath.ch. Er selbst war von einer Therapeutin dazu angeregt worden. Es sei wichtig, mit vertrauten Personen aus dem eigenen Umfeld über das Erlittene zu reden, um es verarbeiten zu können, so der Oltener.

Mann der ersten Stunde

Reichmuth wollte vor allem auch mit Menschen reden, die selbst Ähnliches erlebt haben. 2019 gründete er eine Selbsthilfegruppe für Opfer von sexuellem Missbrauch im kirchlichen Umfeld. Es war die erste in der Deutschschweiz.

Zwei Jahre später gründete er den Verein «Interessengemeinschaft für missbrauchsbetroffene Menschen im kirchlichen Umfeld» (IG-M!kU), deren erster Präsident er wurde. Auch das ein Novum in der Deutschschweiz. Die Organisation setzt sich für die Rechte von Betroffenen ein und gibt ihnen in der Öffentlichkeit und gegenüber der Kirche eine Stimme. In der Westschweiz gibt es mit der Opfervereinigung Sapec bereits seit 2010 ein Pendant.

«Empathischer Zuhörer und Wegbegleiter»

Nun ist der Pionier am Freitag, 15. August, nach schwerer Krankheit im Alter von 78 Jahren gestorben, wie die IG am Montag mitteilte. «Albin Reichmuth begleitete zahlreiche Betroffene, er war ihnen ein empathischer, guter Zuhörer und Wegbegleiter in schweren Zeiten», würdigt ihn der Verein. Als «Mann der ersten Stunde» habe er gegen viele Widerstände kämpfen müssen, habe sich jedoch weiter für die Rechte von Betroffenen und für Präventionsmassnahmen eingesetzt.

2021 wurde Reichmuth für den «Prix Courage» der Zeitschrift «Beobachter» nominiert. 2022 wurde er mit dem Herbert Haag-Preis ausgezeichnet, gemeinsam mit Jacques Nuoffer, dem Co-Gründer von Sapec.

Reichmuth habe das Präsidium des von ihm gegründeten Vereins 2023 krankheitsbedingt abgegeben müssen, sei aber dem Verein als Kassier erhalten geblieben, schreibt die IG. In diesem Frühjahr habe er auch dieses Amt abgeben müssen. «Obwohl ihn die schwere Erkrankung in den letzten Monaten immer mehr schwächte, interessierte er sich bis zum Schluss dafür, was in der IG-M!kU läuft.»

IG wird wichtiger Partner für Kirche

Unterdessen ist die IG für die Kirche zu einem wichtigen Partner geworden im Kampf gegen Missbrauch und für Prävention. Vreni Peterer, die Nachfolgerin von Albin Reichmuth, ist im Juni ins Fachgremium «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» von SBK/RKZ/Kovos gewählt worden. Peterer trat auch an der Medienkonferenz auf, bei der im September 2023 die historische Pilotstudie zum Missbrauch in der Kirche präsentiert wurde.

Vreni Peterer spricht an der Pressekonferenz über die Pilotstudie zum Missbrauch in der katholischen Kirche der Schweiz, 12. September 2023.
Vreni Peterer spricht an der Pressekonferenz über die Pilotstudie zum Missbrauch in der katholischen Kirche der Schweiz, 12. September 2023.

Die Römisch-Katholische Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) habe in den letzten Jahren in verschiedenen Zusammenhängen «kooperativ und konstruktiv» mit der IG zusammengearbeitet, teilt die RKZ aus Anlass des Todes von Reichmuth am Montag mit. Im letzten November seien Vertretungen der verschiedenen Opfervereinigungen, darunter auch der IG-M!kU, erstmals auch an einer Plenarversammlung der RKZ aufgetreten.

Brosi würdigt Haltung des Verstorbenen

Urs Brosi ist Generalsekretär der RKZ. In einem Kondolenzschreiben zuhanden des Vereins würdigt er den Verstorbenen. Er spüre deutlich, dass Reichmuth der IG eine Prägung verliehen habe, die als Haltung bis heute weiterlebe.

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Diese umschreibt er so: «Eine Organisation zu schaffen, die sich positiv-kraftvoll für die Menschen einsetzt, die von kirchlichen Tätern physisch, psychisch und häufig spirituell tief verletzt worden sind, eine Organisation, die primär für die betroffenen Menschen mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen da ist, aber auch systemisch in die Organisationsstruktur Kirche hineinwirkt, unabhängig und unbestechlich, zugleich mit beständiger Zuversicht, dass diese alte Institution lern- und veränderungsfähig ist.» Diese Haltung habe ihn bei der einzigen Begegnung, die er mit Reichmuth gehabt habe, beeindruckt, schreibt der RKZ-Generalsekretär. Er spüre, dass die IG in diesem Sinne weiterarbeite.


Albin Reichmuth, Gründer der Interessengemeinschaft für missbrauchsbetroffene Menschen im kirchlichen Umfeld. | © zVg
18. August 2025 | 15:00
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