Eine alte Religion neu entdeckt: Warum der Jainismus Anhängerinnen und Anhänger findet
Angehörige der Jain-Religion glauben nicht an den einen Gott. Sie verehren stattdessen 24 Jina – mythische Lehrer. Der Jainismus, vor 2500 Jahren in Indien entstanden, hat auch in Europa Wurzeln geschlagen. Eine Ausstellung zeigt: Das hat mit Tugenden zu tun – die heute en vogue sind.
Vera Rüttimann
Im Untergeschoss des Museums Rietberg taucht der Besucher ein in eine andere Welt. Exponate aus fast 2000 Jahren zeigen die Welt des Jainismus. Eine Religion, die ausserhalb Indiens relativ unbekannt ist. In sechs Kapiteln werden anhand ausgewählter Kunstwerke Einblicke in die Lehren, Praktiken und Rituale des Jainismus vermittelt. An den Ausstellungswänden stehen Fragen wie: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Oder: Wie halten wir die Erde dauerhaft bewohnbar?
2500 Jahre alte indische Religion
Der Jainismus ist eine 2500 Jahre alte indische Religion. Er zählt zu den drei grossen Religionen Indiens und baut auf den Prinzipien der Gewaltlosigkeit, der Toleranz und des Respekts vor dem Leben auf. Jains glauben nicht an den einen Gott, sondern verehren 24 mythische Lehrer, die sie als Jina (Sieger) oder Tirthankaras (Furtbereiter) bezeichnen. In der Ausstellung sind kleine Altäre aus Bronze zu sehen, die zwölf oder 24 solcher Lehrer zeigen.
Der Jina Mahavira ist der letzte aus der Reihe der mythischen Lehrer. Er gilt als Gründer des Jainismus. Alte Handschriften auf kostbaren Blättern erzählen aus dem Leben von Jina Mahavira, das nur in Legenden überliefert ist.
Nackt, aber mit einem Wedel unterwegs
Nackt und mittellos wie einst Mahavira ziehen noch heute Jain-Mönche durchs Land. In einem Dokumentarfilm mit dem Titel «Vihara – ein Weg zur Erlösung» sieht man einen jainistischen Mönch von Dorf zu Dorf wandern. Meist nackt. Menschen, die ihm begegnen, verneigen sich vor ihm. Doch der Mönch ist nicht allein. Meist gesellen sich andere Männer zu ihm oder Nonnen. Da der Jain aus Überzeugung nicht einmal Wurzelgemüse isst, reichen ihm Menschen am Wegrand gekochten Reis oder Gemüse. Das Einzige, was der Mann bei sich trägt, ist ein grosser Wedel. Setzt er sich irgendwo hin oder betritt ein Haus, wedelt er damit sanft Insekten weg – um sie bloss nicht zu töten.
Skulpturen strahlen Ruhe aus
In der Ausstellung sind diverse Skulpturen von Jain-Mönchen zu sehen. Die jahrhundertealten Figuren meditieren, blicken entrückt in die Ferne. Die Arme hängen an der Seite. Nicht selten verharren Besucherinnen und Besucher in der Ausstellung vor diesen aufrecht stehenden Figuren, da sie eine seltsame Ruhe ausstrahlen. Ein in Marmor ausgeführter Jina am Eingang zur Ausstellung ist ein echter Hingucker.
Interessant ist auch das Sockelfragment einer Jina-Skulptur aus dem 9. Jahrhundert. Im Zentrum sitzt eine vierarmige Göttin. Flankiert von Löwen, Elefanten und Gazellen. Oder der Wedelträger aus Marmor aus dem 18. Jahrhundert, der als Begleiter eines Jina fungierte.
Die Besucher stehen auch vor Bronzealtären. Wie vor diesem namens «Jina Rishabha» aus dem Jahr 1140, der für wohlhabende Jains gebaut wurde. Oder sie bestaunen den «Dharanendra», einen Altar aus dem 12. Jahrhundert aus Stein. Der Mann mit der Krone auf dem Haupt ist der Herrscher des mythischen Schlangenwesens.
Wachsende Sammlung
Woher kommen all die Exponate? Die Ausstellung über die Jain-Sammlung hat einen Grund: In diesem Jahr kann das Museum Rietberg sein 70-jähriges Jubiläum feiern. Ausgangspunkt für die Museumsgründung war damals die Schenkung von Eduard von der Heydt, einem deutsch-schweizerischen Bankier, Kunstsammler und Mäzen.
Vor einem halben Jahrhundert hat das Museum der Jain-Sammlung eine erste Ausstellung gewidmet. Seitdem ist sie stetig gewachsen. Hinzugekommen sind unter anderem wertvolle Ritualgegenstände, Pigmentmalereien und Skulpturen.
Jainischer Kosmos
Der Kosmos der Jains ist in grossformatigen Bildern dargestellt. Er besteht aus drei übereinander gelagerten Ebenen: In der Mitte befindet sich die Welt, in der Menschen und Tiere existieren. Darüber sind die Gottheiten angeordnet. Darunter befinden sich die dunklen Unterwelten, die Hölle.
Einige Videos thematisieren den ewigen Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt der Jains. Die Wiedergeburt wird «Samsara» genannt und wird erst erlangt, wenn die Seele frei wird und der Jain in die Erlösung, die «Moksha», eingeht.
Sterbefasten ist weit verbreitet
Weit verbreitet bei den Jains ist das Sterbefasten. Ein eindrückliches Video geht der Frage nach: Ist das nun ein geplanter Suizid oder das Hinübergleiten in einen anderen Zustand? Für den im Film begleiteten Jain ist die Sache klar: Er geht fastend in den Tod. Aus eigenem Willen.
Den Leuten, die nach einem Sterbefasten den Tod fanden, wurde oft ein Gedenkstein gewidmet. Ein besonders schönes Exemplar aus dem 14. Jahrhundert stammt aus dem indischen Bundesstaat Karnataka. Der Stein zeigt neben einem Jina eine Darstellung und eine Schrift, die dem Verstorbenen gewidmet sind.
Video-Interviews mit Jains
Der Jainismus kam erst im 20. Jahrhundert nach Europa. Seitdem hat er sich hier rasant verbreitet. Die Zürcher Ausstellung zeigt, wie Jains heute in der Diaspora weltweit verstreut leben. In Video-Interviews berichten Jains von ihrem Leben und ihrem Alltag.
Was denken sie über Themen wie Migration, Ökologie oder Gewaltlosigkeit? Und: Wie sieht ihr Alltag aus? Die Interviews geben spannende Einblicke in die Denkweise einer kaum bekannten Community.
Interessant: Jains haben verantwortungsvollen Posten in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur inne. So etwa der im vergangenen Jahr verstorbene Anshu Jain. Er war Mitglied im Vorstand der Deutschen Bank.
Attraktiv für Veganerinnen und Veganer
Achtsamkeit, Nachhaltigkeit, Verzicht, und Gewaltfreiheit – die Jains stehen für Tugenden, die heute en vogue sind. Jainismus, steht auf einer der Info-Tafeln, sei fast so etwas wie eine Lifestyle-Religion geworden. Sie finde auch Anhängerinnen und Anhänger in der Szene der Veganer, da sich Jains seit je her weigern, etwas Tierisches zu essen.
Und Du?
Und dann gibt es da noch die Ausstellung, die den Titel «Und Du? Das Spiel der Fragen» trägt. Es basiert auf dem aus Indien stammenden Spiel «Snakes and Ladders». Ein Würfelspiel der besonderen Art. Ihm ist ein ganzer Raum gewidmet. Einem lebendigen Würfelspiel gleich, bewegen sich die Leute auf einem Teppich mit Spielbrett-Muster. Sie laufen über Schlangen-, Kreuz- und Strich-Motive. In diesem Spiel geht es um Fragen wie: Wie gehe ich um mit Verzicht, Gemeinschaft oder nachhaltigem Leben? Es kommt zu angeregten Diskussionen. Das Spiel bringt die Besucherinnen und Besucher miteinander ins Gespräch – ganz im Sinne der jainischen Denkweise.
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