Ein «Weg der Reue» für Wiederverheiratete? Schweizer Familienseelsorger mahnen zur Vorsicht

St. Gallen, 30.6.15 (kath.ch) Im Herbst diskutieren die Bischöfe der Weltkirche an der Familiensynode, ob wiederverheiratete Katholiken nach einem «Weg der Reue» wieder zu den Sakramenten gelassen werden sollen. Deutschschweizer Familienseelsorger bezeichnen die aktuelle Situation als «unverständlich und stossend». Mit einem Weg der Reue müsse aber «vorsichtig, pastoral klug und menschlich einfühlsam umgegangen werden», teilten Bruno Strassmann, Madeleine Winterhalter und Martin Blatter auf Anfrage gegenüber kath.ch mit.

Barbara Ludwig / Sylvia Stam

Vergangene Woche veröffentlichte der Vatikan das Arbeitspapier für die kommende Bischofsynode über die Familie. Im Dokument geht es auch um den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Demnach soll die Möglichkeit geprüft werden, wiederverheiratete Geschiedene unter bestimmten Umständen und nach einem Weg der Reue unter bischöflicher Aufsicht wieder zu den Sakramenten zuzulassen.

Die offizielle Zulassung zur Kommunion für Wiederverheiratete sei für viele Betroffene ein grosses Bedürfnis und für zahlreiche Katholiken ein «Gebot der Zeit», teilten Bruno Strassmann, Madeleine Winterhalter und Martin Blatter im Namen der Interessengemeinschaft Partnerschaft-Ehe-Familien-Pastoral Deutschschweiz (IG PEF Deutschschweiz) gegenüber kath.ch mit. «Die aktuelle Situation ist unverständlich und stossend. Sie widerspricht grundlegend der Lehre und Praxis Jesu.»

Persönliche Neuorientierung fördern

Mit einem «Weg der Reue» müsse aber «vorsichtig, pastoral klug und menschlich einfühlsam» umgegangen werden, mahnen die Familienseelsorger. «Er muss als Hilfe zur Verarbeitung des Geschehenen verstanden werden, eine Verarbeitung, die auch dazu führt, die moralischen und sozialen Verpflichtungen, die sich aus der Scheidung und Wiederverheiratung ergeben, zu übernehmen: besonders gegenüber dem ersten Partner und den Kindern aus erster Ehe. Er muss zu einer persönlichen Neuorientierung (metanoia) motivieren.»

Die Bischöfe sollen laut dem Arbeitspapier bei ihrem Treffen im Herbst auch über die Möglichkeit diskutieren, dass geschiedene Katholiken eine zweite, zivil geschlossene Ehe segnen lassen, wie dies in der orthodoxen Kirche möglich ist. Die IG PEF-Vertreter halten auch hier eine Revision der kirchlichen Haltung für «dringend nötig». Sie berufen sich dabei auf die Ergebnisse der Online-Umfrage und der Synodengespräche, die als Vorbereitung auf die erste Familiensynode 2014 und im Hinblick auf das kommende Bischofstreffen durchgeführt wurden. Und sie verweisen auf pastorale Erfahrungen in der Begleitung von Paaren, die nach einer Scheidung wieder heiraten wollen und den Segen Gottes für ihre Zweitehe erbitten.

Segen für Zweitehe: Gläubige Paare wünschen bewussten Neuanfang vor Gott

Gerade für im Glauben verankerte Paare sei es unverständlich, dass ihnen dieser Segen verwehrt werde, «haben sie doch die Zerbrechlichkeit von Beziehungen schmerzhaft erfahren. Sie wünschen sich, den Neuanfang in einer zweiten Ehe bewusst vor Gott und der versammelten Gemeinde zu wagen.» Hier gelte es, neue konstruktive und pastorale Wege zu entwickeln, die auch die Erfahrungen «unserer Schwesterkirchen» berücksichtigen, fordern die Familienseelsorger.

Strassmann, Winterhalter und Blatter begrüssen im Übrigen, dass das Arbeitspapier die beiden heissen Eisen wieder aufgreift, obschon diese an der Bischofssynode im vergangenen Herbst nicht die erforderliche Zweidrittelmehrheit erhalten hatten. Dies zeige, dass dem Wunsch von Papst Franziskus nach vertiefter und eingehender Diskussion dieser «für unser Menschsein und Zusammenleben» wesentlichen Fragen entsprochen werde.

Sie deuten es zudem als «hoffnungsvolles Zeichen» an alle Menschen, «die sich von der Thematik angesprochen fühlten und am Synodenprozess teilgenommen haben». Es sei auch ein Zeichen, «das die Erwartungen nach pastoraler Erneuerung vieler Katholiken bestärkt». Diese Erwartungen müssten «sehr ernst» genommen werden, so die Familienseelsorger, wolle die Synode nicht Schiffbruch erleiden.

Auch Stress führt zu Scheidungen – nicht nur «Hedonismus»

Die Familienseelsorger stellen zudem klar, dass es aus ihrer Sicht für einen Neuansatz in der Ehetheologie unumgänglich sei, humanwissenschaftliche Erkenntnisse einzubeziehen. Die Erkenntnisse der Paarforschung zeigten deutlich, dass für die hohen Scheidungsraten in den westlichen Industrienationen noch ganz andere Faktoren bestimmend seien als die im Arbeitspapier genannten wie «übersteigerter Individualismus» und «Hedonismus». Diverse Studien belegten etwa, dass neben vielen weiteren Faktoren Stresserfahrungen eine entscheidende Rolle spielten. (bal)

Neue Partnerschaften fordern die Kirche heraus. | © Barbara Ludwig
30. Juni 2015 | 10:44
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