Dorothea Sattler.
Schweiz

Dorothea Sattler: «Wer hat Autorität, zu entscheiden, was Gott denkt?»

Die Dogmatikerin Dorothea Sattler glaubt nicht, dass es bald Diakoninnen geben wird. Sie hofft auf dezentrale Lösungen. Dennoch: Frauen in anderen Kirchen, die bereits in einem Amt wirken, sind «ein Erweis der Sinnhaftigkeit einer solchen göttlichen Berufung», sagt Sattler.

Jacqueline Straub

Die Weltsynode ist bereits einige Monate her – dort wurde auch über das Thema Frauen in der katholischen Kirche gesprochen. Wie blicken Sie auf die Frage nach Frauen in kirchlichen Ämtern?

Dorothea Sattler*: Die Thematik ist so wird vielfach berichtet sehr oft und auch in Gesprächen in den Pausen angesprochen worden. Es wurde eingefordert, Argumente zu hören. Dies ist ein Grund, dankbar zu sein. Die Hindernisse waren hoch, überhaupt bei diesem Thema im weltkirchlichen Kontext Gehör zu finden.

Bei der Weltsynode im Oktober 2023 sassen die Teilnehmenden um runde Tische.
Bei der Weltsynode im Oktober 2023 sassen die Teilnehmenden um runde Tische.

Sind Sie mit den Ergebnissen der Weltsynode zur Frauenfrage zufrieden?

Sattler: Ich kann diese Frage nicht mit Ja oder Nein beantworten. Nein, es ist auf der formalen Ebene enttäuschend, dass es nicht möglich war, mehr Klarheit über die personelle Besetzung der vom Papst einberufenen Kommission zu gewinnen, die sich mit der Thematik «Diakonat der Frau» befasst. Enttäuscht bin ich auch in inhaltlicher Perspektive darüber, dass der Grundtext des Forum III des Synodalen Wegs in Deutschland auf universal-kirchenamtlicher Ebene nicht mehr Achtung findet. Ich verstehe nicht, warum in einer Weltkirche die theologische Expertise einer Teilkirche nicht zumindest mit der ihr entsprechenden Wertschätzung bedacht wird. Zugleich sage ich: Ja, Ich bin zufrieden damit, dass zumindest im Blick auf die Teilhabe von Frauen am sakramentalen Diakonat keine rote Linie gezogen wurde. Die Frage ist offen – dieses Zugeständnis ist erreicht.

«Das Besondere am Amt ist es, Dienst an den Diensten aller zu sein.»

Haben Sie Hoffnung, dass das Frauendiakonat bald eingeführt wird?

Sattler: Ich weiss es nicht. Frauen, die sich auf das sakramentale Diakonat gegenwärtig bereits vorbereiten, wünschen sich aus guten Gründen eine baldige Entscheidung. Nach meiner Einschätzung wird auch diese Thematik im Kontext der Grundfrage nach der Möglichkeit der sakramentalen Christus-Repräsentanz von Frauen im Amt lehramtlich entschieden. Wenn diese Einschätzung zutrifft, könnte es bald allenfalls zu einer Beauftragung von Frauen zu diakonalen Diensten ausserhalb der sakramentalen Weihe kommen. Das Gespräch über die Teilhabe von Frauen an allen sakramentalen Diensten und Ämtern wird nach meiner Einschätzung nicht bald zu einem Ergebnis führen. Zu wünschen wäre im Blick auf die Zeiten eine dezentrale Lösung: Vertrauen in die theologischen Argumente in einzelnen Ortskirchen und Freiheit in Verantwortung der Bischofskonferenzen weltweit im Blick auf die Frage, ob bald schon Frauen ordiniert werden.

«Es gibt nicht nur einen graduellen, sondern einen wesensgemässen Unterschied zwischen allen Getauften.»

Das Instrumentum Laboris zur Weltsynode 2023 hat die Frage nach der Rolle der Frauen der Frage zugeordnet: «Wie kann die Kirche unserer Zeit ihre Sendung durch eine stärkere Anerkennung und Förderung der Taufwürde von Frauen fördern?» War das Ihrer Meinung nach genug?

Sattler: Der Bezug auf das «Gemeinsame Priestertum aller Getauften» im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils ist grundsätzlich immer sehr wichtig. Zugleich ist an eine wichtige Unterscheidung zu erinnern: Sakramental ordinierte Personen tun einen Dienst an den Diensten aller Getauften. Es gibt nicht nur einen graduellen, sondern einen wesensgemässen (ontologischen) Unterschied zwischen allen Getauften und den amtlich Berufenen, die dafür Sorge tragen, dass Charismen entdeckt werden, Menschen ermutigt sind und Konflikte ausgetragen werden. Das Besondere am Amt ist es, Dienst an den Diensten aller zu sein.

In Ihrem Buch «Frauen im Amt. Ein Weg zur Erneuerung der Kirche» schreiben Sie: «Die Beanspruchung der alleinigen Deutungshoheit von Männern in der Vergabe von Ämtern aufgrund der Kenntnis trinitarischer Verhältnisse ist aus theologischer Sicht skandalös.» Inwiefern?

Sattler: Es liegt mir daran, in Frage zu stellen, ob sicher ist, was Gott im Blick auf unsere Thematik konkret möchte. Die neutestamentliche Exegese spricht schon lange Zeit darüber, dass Jesus ja wohl keine klaren Vorstellungen über die Gestalt der späteren Kirche insbesondere im Hinblick auf ihre Amtsstruktur hatte. Wer hat die Autorität, darüber zu entscheiden, was Gott denkt? Müssen wir nicht alle davon ausgehen, dass Gott möchte, dass das Evangelium in der heutigen Zeit mit allen Kräften, die dazu berufen sind, verkündigt wird?

Frau im liturgischen Gewand.
Frau im liturgischen Gewand.

Welche Rolle kann die Ökumene in Bezug auf die römisch-katholische Ämterlehre spielen?

Sattler: Die Kenntnis der jeweiligen – auch in anderen Traditionen sehr konfliktreichen – konfessionellen Wege, reicht spät in der Geschichte des Christentums, eine Öffnung hin zur Frauenordination zu erreichen, stärkt bei dem eigenen Bemühen – Geduld und nachhaltig gute Argumentation führen zum Ziel. Zugleich sind die Frauen, die in der Ökumene bereits im Dienst der Verkündigung sind, ein Erweis der Sinnhaftigkeit einer solchen göttlichen Berufung.

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Welche Möglichkeiten und Chancen für die Kirche sehen Sie, wenn Frauen ebenfalls wie Männer sakramental und priesterlich wirken dürfen?

Sattler: Es gibt Eigenschaften, die Frauen zugeschrieben werden – möglicherweise gibt es sie – wenn ja, dann sind sie in sozialen Kontexten erlernt worden: zuhören können; Achtsamkeit haben auf das gefährdete Leben zu Beginn und am Ende des Daseins; Versöhnung anstreben; verbinden und gedenken. Aus guten Gründen haben wir heute Bedenken bei solchen Typisierungen bei der Beschreibung der Geschlechterdifferenz. Zugleich stellt sich die Frage, ob Männer und Frauen und Menschen jeden Geschlechts, die solche Eigenschaften haben, nicht heute höchst erwünscht sein sollten im priesterlichen Dienst. In Europa erlebe wir zunehmend Situationen, in denen das christliche Bekenntnis nicht mehr plausibel ist. Wir brauchen dringend Formen der Kommunikation über existenziell bedeutsame Lebensfragen. Frauen sind eingeübt bei der Gestaltung von Gottesdiensten, in denen Menschen miteinander sprechen und Symbolhandlungen nachhaltig wirken.

*Dorothea Sattler ist Professorin für Ökumenische Theologie und Dogmatik sowie Direktorin des Ökumenischen Instituts der Katholisch-Theologischen Fakultät an der Universität Münster. Sie engagierte sich stark beim Synodalen Weg in Deutschland und war Co-Vorsitzende des Synodalforums «Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche». Ihr Buch «Frauen im Amt. Ein Weg zur Erneuerung der Kirche» ist im Herder Verlag erschienen.


Dorothea Sattler. | © KNA
11. Juni 2025 | 17:00
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