Schweiz

«Ich muss nicht alles im Griff haben»

Wenn das Schicksal hart zuschlägt, kann Gottvertrauen helfen. Was das ist und wie man dieses Vertrauen entwickelt, erzählt die Ordensfrau Ingrid Grave (82).

Barbara Ludwig

Wegen des Corona-Virus verlieren Menschen Angehörige, Unternehmer machen keinen Umsatz mehr, Leute verlieren ihre Stelle. Worin zeigt sich, ob jemand in einer solchen Situation Gottvertrauen hat?

Ingrid Grave: Das kommt darauf an, was er oder sie sich unter Gott vorstellt. Es gibt das alte Gottesbild: Da sorgt einer dafür, dass Menschen, denen es schlecht geht, wieder auf die Beine kommen. Das kann funktionieren, wenn Menschen bereits die Erfahrung gemacht haben, dass in Notsituationen letztlich doch wieder alles zum Guten gelenkt wird. Dann kann Gottvertrauen wachsen und helfen, über solche furchtbaren Situationen wegzukommen.

Was bedeutet denn Gottvertrauen?

Grave: Gottvertrauen bedeutet, dass ich selber glaube, nicht die Macherin, der Macher von allem zu sein. Ich muss mein Leben zwar in die Hand nehmen, aber nicht alles im Griff haben. Gottvertrauen ist für mich der Glaube, dass es ausser mir noch eine Kraft, eine Macht gibt, auf die ich mich verlassen kann.

«Gottvertrauen kann uns helfen, in einer schwierigen Situation durchzuhalten.»

Einfach gesagt.

Grave: Einfach ist es nicht. Wenn jetzt jemand wegen der Corona-Pandemie sein Geschäft verliert, wird dieses Vertrauen auf eine harte Probe gestellt. Ich bin aber überzeugt: Gottvertrauen kann uns helfen, in einer schwierigen Situation durchzuhalten. Weil man weiss, es gibt da jemanden oder etwas, das mich wieder auffängt.

Sie sprechen auch von einer Kraft oder Macht. Ist Gottvertrauen auch etwas für Leute, die mit Religion nichts am Hut haben?

Grave: Ich denke schon. Auch Menschen, die nicht mit einem Glauben gross geworden sind, können diese Erfahrung machen. Sie sprechen einfach nicht von Vertrauen auf Gott, sondern sagen zum Beispiel: «Mir ist Kraft zugeflossen.»

«Andere sprechen von Energie oder Kraft.»

Auch als Christen wissen wir nicht, was Gott letztlich ist und wie er aussieht. Wir tappen da gewissermassen auch im Dunkeln, wenn wir ehrlich sind. Aber wir brauchen einfach ein Wort. Als Christin brauche ich die Worte Gott und Gottvertrauen. Andere sprechen von Energie oder Kraft. Für mich ist Gott auch Energie und auch Kraft und auch Liebe.

Wie gelingt es, Vertrauen zu Gott aufzubauen?

Grave: Wenn ich in einer Familie aufgewachsen bin, in der ein gesundes Vertrauen auf Gott vorhanden war, kann ich mich da einklinken und damit weitergehen. Wenn jemand das nicht erlebt hat, wird es schwierig. Sehr schwierig wird es auch, wenn jemand all diese Gedanken ablehnt, dass das noch jemand oder etwas sein könnte.

Psychologen sprechen vom Urvertrauen, das einem in der Familie vermittelt wird.

Grave: Ja, das spielt eine grosse Rolle. Wenn man als Kind die Erfahrung gemacht hat, dass einen die Eltern nicht fallen lassen, egal, was passiert, entsteht dieses Urvertrauen. Ist es da, kann man auch leichter in ein Gottvertrauen hineinwachsen.

«Auch Menschen aus schrecklichem Elternhaus können es entwickeln.»

Das ist doch ungerecht. Man sucht sich nicht aus, in welche Umstände man geboren wird.

Grave: Man kann natürlich sagen, das sei ungerecht. Aber wenn ich mit Menschen spreche, die ein schreckliches Elternhaus hatten, kann ich manchmal nur staunen, wie sie trotzdem ein Vertrauen entwickeln.

Haben Sie eine Ahnung, wie es diesen Menschen gelingt?

Grave: Vielleicht ist eine Spur noch da, wo sie einmal Vertrauen und Zuwendung ausserhalb des Elternhauses erlebt haben. Das ist wie so ein kleiner Rettungsanker, an dem sie das Vertrauen weiterentwickeln können. Manche können bis zum Tod nicht so recht dran glauben. Wie Gott es letztlich mit ihnen machen wird, weiss ich auch nicht. Ich aber glaube, dass sie letztlich aufgefangen werden im Sterben. Menschen, die viel mit Sterbenden zu tun haben, sagen auch: «Es ist unglaublich, was im Sterbeprozess noch alles geschieht.»

Wie ist es jetzt grad bei Ihnen mit dem Gottvertrauen?

Grave: Ich gehöre ja zur Risikogruppe (lacht herzhaft). Ich war heute Morgen noch kurz auf der Strasse, um eine Kleinigkeit zu kaufen in einem Lebensmittelgeschäft. Ich hatte das Gefühl, dass die Leute darauf achten, mir nicht zu nahe zu kommen, weil ich eine alte Person bin. Das hat mich nicht gestört. Ich habe das Gefühl, ich werde nicht angesteckt. Woher ich das Gefühl nehme, weiss ich auch nicht. Vielleicht ist das ein Schuss Zuversicht, der mir jetzt einfach geschenkt ist. Das bleibt letztlich immer ein Geheimnis: Warum kriege ich jetzt den Schuss Zuversicht und andere sind in panischer Angst?

«Ich habe das Gefühl, ich werde nicht angesteckt.»

Wie ist Ihr Kloster vom Corona-Virus betroffen?

Grave: Noch ist niemand angesteckt. Meine Altersgruppe ist sehr stark vertreten. Die Schwestern sind aber nicht in Panik geraten. Das Pflegepersonal hat viele Massnahmen getroffen, um zu verhindern, dass das Virus ins Haus kommt. Bei diesen Personen spüre ich eine grosse Sorge, dass womöglich trotz der Vorsichtsmassnahmen einige Schwestern krank werden und dann alle mit der Pflege überfordert sind.

Ingrid Grave, Dominikanerin | © Barbara Ludwig
25. März 2020 | 17:52
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Ingrid Grave

Ingrid Grave, geboren am 22. April 1937, stammt aus Norddeutschland. Im Alter von 23 Jahren trat sie bei den Dominikanerinnen von Ilanz GR ins Kloster ein. Anschliessend liess sie sich zur Primarlehrerin und später zur Sekundarlehrerin ausbilden. Von 1994 bis 2000 moderierte die Ordensfrau die Sonntagssendung «Sternstunden» des Schweizer Fernsehens. Von 2000 bis 2002 war sie «Wort zum Sonntag»-Sprecherin beim Schweizer Fernsehen. Heute engagiert sich Ingrid Grave vermehrt für Aufgaben im Rahmen ihres Klosters. (bal)