Jan Loffeld: «Säkularisierung ist ein Mega-, aber kein Universaltrend»
Er ist Priester und Professor für Praktische Theologie in Utrecht und hat mit seinem Buch «Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt» für innerkirchlichen Wirbel gesorgt. Im Podcast «Laut + Leis» spricht Jan Loffeld über den Bedeutungsverlust des Christentums und sagt, was ihn trotzdem optimistisch stimmt.
Sandra Leis
Seit Juni dieses Jahres sind in der Schweiz Geistliche zum Militärdienst verpflichtet. Der Bundesrat begründete diesen Entscheid mit den zahlreichen Kirchenaustritten: Es könne «nicht mehr von einer Unentbehrlichkeit ausgegangen werden».
Pikant daran, die Kirchen wurden nicht einmal an die Vernehmlassung eingeladen, sondern schlicht vergessen. Was sagt Jan Loffeld dazu? «Erschreckend ist ein zu starkes Wort. Aber es ist schon ein Hinhörer. Gleichzeitig hat es auch eine gewisse Folgerichtigkeit, dass das so ist.»
Ein Produkt unter anderen
Denn alle soziologischen Studien zeigten folgendes: «Solange die Kirchen nicht klarmachen, was das Unentbehrliche ist, bleibt offen, wofür die Gesellschaft sie braucht.»
Das klingt fast ein wenig nach neoliberaler Marktwirtschaft. Loffeld sagt: «Sie können ein Produkt wie den Gottesglauben, der in der breiten Masse heute nicht mehr gebraucht wird, noch so schön performen, sie kriegen ihn nicht verkauft.»
Das sei eine sehr harte Wahrheit, die intuitiv durchaus wahrgenommen werde. «Menschen wechseln zu Produkten von anderen Anbietern wie beispielsweise Ritualbegleiterinnen und -begleitern.»
Trendwende Erwachsenentaufe?
Jan Loffeld ist Priester in Münster und befasst sich als Professor für Praktische Theologie in Utrecht seit Jahren mit der Säkularisierung. Zu beobachten ist sie spätestens seit den 1950er-Jahren. Er sagt: «Die Säkularisierung ist ein weltweiter Megatrend, aber kein Universaltrend.»
In Ländern wie Angola oder auf den Philippinen wächst die römisch-katholische Kirche zurzeit deutlich. In Frankreich sind Erwachsenentaufen plötzlich beliebt. Könnte diese Entwicklung der Anfang einer Trendwende in Europa bedeuten?
Loffeld sagt dazu im Podcast «Laut + Leis»: «Von einer Trendwende kann man erst sprechen, wenn die zwei oder drei nächsten Generationen so religiös wären wie unsere Grosseltern und damit die Verluste der letzten achtzig Jahre kompensieren.»
Corona-Effekt
Statistisch betrachtet, seien die Erwachsenentaufen ein vernachlässigbares Phänomen. «Gleichzeitig wirkt Gott auch heute gegen alle Statistik, das wird daran sichtbar. Allerdings häufig anders als gedacht.»
Erklärungsansätze für die Erwachsenentaufen in Frankreich seien der Laizismus, der das Christentum aus dem öffentlichen Leben verbanne. Das könne eine Gegenbewegung auslösen wie etwa auch die Sichtbarkeit des Islams.
Als Religionssoziologe und Berater für kirchliche Transformationsprozesse ist Loffeld auch mit Wissenschaftlern aus anderen Ländern in regem Austausch: «Alle beobachten einen Corona-Effekt.» Will heissen: Die Corona-Zeit hatte auf einzelne Menschen einen besonderen Einfluss, sich mit existenziellen und religiösen Fragen zu befassen.
Gleichgültigkeit gegenüber religiösen Fragen
Für die breite Masse trifft dies nicht zu. An der 2023 publizierten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirchen in Deutschland hat erstmals auch die Deutsche Bischofskonferenz der römisch-katholischen Kirche mitgearbeitet. Die repräsentative Studie fragte nach Einstellungen zu Religion, Glaube und Kirche sowie zur Bindung an die Kirchen.
Eines der Ergebnisse: In Deutschland zählen mittlerweile 56 Prozent der Bevölkerung zum Segment der Säkularen. Viele Menschen haben kein Bedürfnis mehr nach Gott und sind religiösen Fragen gegenüber gleichgültig. Jan Loffeld spricht in seinem Buch «Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt» von Apatheismus.
Rolle der konfessionellen Unterschiede
Da erstaunt es nicht, dass konfessionelle Unterschiede nur noch für eine verschwindend kleine Minderheit relevant sind. «Das sollte uns wachrütteln», sagt der 51-Jährige. «Wir waren lange Zeit der Meinung, dass Menschen über die verschiedenen Konfessionsmarker unterschiedlich ansprechbar sind. Das eine als attraktiver empfinden als das andere.»
Doch das scheint nicht der Fall zu sein, wie empirische Daten aus Deutschland und der Schweiz zeigen. Loffeld hat Ende September an der Universität Luzern die diesjährige Otto-Karrer-Vorlesung gehalten und die Daten präsentiert. Sein Fazit: «Alle christlichen Konfessionen sitzen im selben Boot, weil sie die gleichen Erfahrungen machen.»
«Ökumenische Entdeckung»
Der römisch-katholische Priester plädiert für die Ökumene und hat in seiner Vorlesung in Luzern gesagt: «Für mich waren die letzten beiden Jahre so etwas wie eine ökumenische Entdeckung.» Was er damit meint, erklärt er im Podcast so: «Ich habe mich sehr gefreut über die breite Rezeption des Buches sowohl auf römisch-katholischer wie auch auf evangelischer Seite. Dabei durfte ich vor allem eines lernen: Es gibt eine Ökumene in der Gottesfrage.»
Auch wenn sich die Volkskirchen zu Minderheitenkirchen entwickeln, so gebe es in allen christlichen Konfessionen immer noch einige Leute, denen nicht egal sei, dass immer mehr Menschen Gott egal ist. «Das stimmt mich optimistisch, denn wir können mit dieser Minderheit von Gläubigen doch eine qualitative Botschaft setzen.»
Das Buch von Jan Loffeld heisst «Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt. Das Christentum vor der religiösen Indifferenz», hat 191 Seiten und ist 2024 im Herder-Verlag erschienen.
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