«Die Queen ist in unserer von Krisen durchrüttelten Zeit wie ein Fels in der Brandung»
Corona-Pandemie, Krieg in der Ukraine: Gerade in Krisenzeiten steht die Queen für Stabilität. Dabei hat das Königshaus interne Probleme, etwa Meghans Rassismus-Vorwurf oder Andrews Sex-Skandale. Die schottische Pfarrerin Catherine McMillan vermutet: Die Queen will «kurz vor ihrem Ableben ihr Haus in Ordnung» bringen.
Catherine McMillan*
Ich habe noch Souvenirs vom «Silver Jubilee» aus meiner Kindheit. Die Queen ist in Schottland beliebt. Sie ist ja auch im Herzen eine Schottin und fühlt sich offensichtlich am Wohlsten, wenn sie mit ihren Hunden und Pferden in Balmoral ist.
In Schottland ist die Kirche unabhängig
Ihre Mutter ist in Glamis Castle geboren und aufgewachsen. Ein Familienfreund und Pfarrer erzählte mir folgende Episode: Als er zum ersten Mal in Balmoral eingeladen war, um das Wochenende mit den Royals zu verbringen und am Sonntagmorgen in der Kapelle den Gottesdienst zu halten, fragte er eine Gärtnerin beim Eingangstor nach dem Weg. Die freundliche Dame in Gummistiefeln und Kopftuch war die Königin.
Queen Elisabeth hat ein besonderes Verhältnis zur reformierten «Kirk» (Church of Scotland). In England ist sie verfassungsmässig das Oberhaupt der Anglikanischen Kirche und ernennt die Bischöfe. In Schottland ist die nationale Kirche aber unabhängig. Sie erkennt nur Jesus Christus als Oberhaupt an. Darum wählen die Mitglieder Älteste, Presbyter und Synodale.
Je säkularer die Gesellschaft, desto christlicher werden die Ansprachen der Queen
Die Königin ist aber von Amtes wegen Beschützerin der Kirche. Sie lässt sich jedes Jahr bei der Generalversammlung als anteilnehmende Beobachterin von einem Mitglied der Royal Family vertreten. In ihrem diesjährigen Brief an die Versammlung hat sie den Kirchgemeinden für ihre Hilfe in der Corona- und Ukraine-Krise gedankt.
Die Königin spricht in aller Öffentlichkeit über ihren Glauben und wie er ihr Kraft gibt. Lehre und Leben von Christus sind ihr moralischer Kompass. Je säkularer die Gesellschaft wird, desto mehr betont sie in ihrer jährlichen Weihnachtsrede im Radio- und Fernsehen, dass die Motivation für ihren standhaften Dienst an das Volk in ihrem christlichen Glauben wurzelt.
Orientierung, Zugehörigkeit und Gemeinschaft
Sie sieht Religion als ein Schlüssel zum Wohl der Gesellschaft, weil sie Orientierung, Zugehörigkeit und Gemeinschaft bietet – und weil sie zum Dienst an den Schwächsten motiviert. Sie erinnert uns an unsere Verantwortung für andere. In allen Religionen findet sie das doppelte Gebot der Liebe. Das hat sie in einer Rede im Jahr 2012 gesagt.
Das «Platinum Jubilee» feiern die Kirchgemeinden in Schottland eifrig mit. Musikgesellschaften treten auf, Reden werden gehalten, Lunches finden in Gärten statt. In unserer von Krisen durchrüttelten Zeit ist die Königin wie ein Fels in der Brandung. Schottland hatte sich kaum vom Brexit-Schock erholt, da kam Corona, und dann der Angriffskrieg in Europa.
Die Königin mischt sich nicht in die Politik ein
In ihrer eigenen Familie gab es in den letzten zwei Jahren auch Krisen: Meghans Rassismus-Vorwurf im Oprah-Interview, Andrews Sex-Skandale. Ich habe den Eindruck, dass die Königin versucht, wie viele Mütter, Grossmütter und Urgrossmütter, kurz vor ihrem Ableben ihr Haus in Ordnung zu bringen, Vergebung und Versöhnung unter den Nachkommen herbeizuführen. Ich wünsche ihr von ganzem Herzen, dass sie den häuslichen Frieden erlebt.
Welche Akzente soll sie noch setzen? Die Königin mischt sich nicht in die Politik ein – oder höchst selten. Aber sie kann mit ihren Worten und Gesten etwas bewirken. Wie damals, als sie zu ihrem Amtsantritt versprach, sich mit Herz und Seele für das partnerschaftliche Verhältnis auf Augenhöhe aller Nationen und Rassen einzusetzen.
Nachholbedarf im Bereich Kolonialismus
Es gibt noch vieles aufzuarbeiten in der Geschichte des Kolonialismus im Britischen Weltreich. Dieses grosse und folgenschwere Kapitel der Geschichte wird nicht einmal im Lehrplan der Schulen thematisiert. Wie in den USA sitzt in Grossbritannien der Rassismus tief. Wenn eine deutliche Entschuldigung von der Königin käme – das, was die Karibik vermisste, als William und Kate neulich dort zu Besuch waren –, wäre das grossartig.
* Die Schottin Catherine McMillan ist ehemalige «Wort zum Sonntag»-Sprecherin und Pfarrerin der reformierten Kirche Dübendorf-Schwerzenbach. Für die Zürcher Landeskirche ist sie Fachmitarbeiterin für Internationale Beziehungen.
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