Schweiz

Die Pflege der Zukunft: Wie Roboter uns einmal pflegen werden

Europa droht ein Pflegenotstand. Pflege-Roboter können das Pflegepersonal entlasten – aber niemals ersetzen. Ein Forschungsteam entwickelt die ersten Betreuungsroboter der Schweiz. Goldene Zwanziger für die Pflegebranche? Dafür ist es aber noch zu früh.

Alice Küng

«Welche Trainingsübung wollen Sie machen?», fragt Pepper, der Betreuungsroboter, Anica Zellweger in einer Industriehalle in Rorschach. Die Fachangestellte Gesundheit ist heute Testperson für ihren potenziellen zukünftigen Arbeitsgefährten. «Vier», sagt sie und beginnt mit dem Roboter synchron die Arme zu heben und zu senken.

Anina Havelka, Projektleiterin des Forschungsprojekts «Servicerobotik in der Altenbetreuung», bringt das Problem auf den Punkt: «In Zukunft wird es mehr betreuungsbedürftige Menschen geben. Das Pflegepersonal wird knapp». Zusammen mit einem Team von Wissenschaftlern der Fachhochschule Graubünden, der Universität St. Gallen und der Ostschweizer Fachhochschule sowie dem Wirtschaftspartner F&P Robotics entwickelt sie seit einem Jahr Betreuungsroboter für alte pflegebedürftige Menschen. Schweizweit gehören sie zu den Ersten in diesem Forschungsgebiet.

Das Team hat zwei Modelle entwickelt. «Lio ist unser Hauptroboter. Im Vergleich zu Pepper verfügt er über einen mechanischen Greifarm sowie über eine Gesichtserkennung mit künstlicher Intelligenz», sagt Havelka. Heute könne Lio bereits Bewegungs- und Gedächtnisübungen anleiten, Menüwünsche entgegennehmen, Getränke bringen, Türen öffnen, Begleitungsaufgaben übernehmen und Menschen erinnern.

Menschlichkeit bleibt erhalten

Obwohl der Roboter verschiedene Pflegeaufgaben übernehmen kann, ist für Havelka klar: «Das Pflegepersonal soll nicht ersetzt, sondern entlastet werden.» Mit dem Roboter fokussiert sich das Team auf repetitive und zeitintensive Tätigkeiten in der Pflege. «So ist es den Pflegenden möglich, sich auf die wichtigen und schönen Aufgaben ihres Berufes zu konzentrieren», sagt die 34-Jährige. Menschlichkeit und Empathiefähigkeit könne eine Maschine nie übernehmen, und das sei auch nicht das Ziel des Forschungsteams.

Anina Havelka, Projektleiterin des Forschungsprojekts «Servicerobotik in der Altenbetreuung» zusammen mit Pflegeroboter Lio.

Der Roboter hat den Vorteil, nicht zu ermüden. «Dazu kann er auch nicht Träger einer Krankheit sein und so nicht zu einer Gefahr für Patienten werden», sagt die Projektleiterin. Das ist vor allem zur gegenwärtigen Pandemiezeit ein Bonus. Das Coronavirus sei nicht der Grund für das Forschungsprojekt gewesen. «Das momentane Hygienebedürfnis hat uns aber dazu veranlasst, Lio auch das Desinfizieren von Türfallen beizubringen», sagt Havelka.

Testen bis zur Perfektion

Bis der Roboter einsatzbereit ist, durchläuft er verschiedene Testphasen. «So merken wir, welche Hürden noch zu bewältigen sind. Erst kurz vor Schluss wird der Roboter mit echten Patienten interagieren», sagt Havelka. Im jetzigen zweiten Probelauf testen in der Pflege arbeitende Personen den Roboter. «Ich bin überrascht, dass Pepper mich mit den Augen anschauen und selber fahren kann», sagt Testperson Anica Zellweger.

Dass der Roboter aber kein Schweizerdeutsch versteht, bedauert die gelernte Fachangestellte Gesundheit. Havelka erklärt: «Die Spracherkennung des Betreuungsroboters beschränkt sich bis jetzt auf die Googlesprachen.» Auch reagiere er noch etwas langsam. «Alles richtig zu programmieren, ist sehr zeitaufwändig», sagt Projektleiterin.

Fragen zum Datenschutz

Nach dem Abschluss des Projekts im Februar 2022 will das Forschungsteam den Roboter Lio mit verschiedenen Funktionen kommerziell in Pflegheimen zum Einsatz bringen. «Bis dahin müssen aber noch rechtliche und ethische Fragen geklärt werden. Vor allem der Umgang mit den gespeicherten Daten wird eine juristische Herausforderung», sagt Havelka.

Pflegeroboter "Pepper"

Mit einem «gut gemacht» beendet Anica Zellweger ihre Bewegungsübungen und erhebt sich. Pepper folg ihr mit den Augen bis ihn die Entwicklerin wieder in seinen Tiefschlaf entlässt. «Die Interaktion mit dem Roboter ist cool, aber auch gewöhnungsbedürftig», sagt Zellweger. «Wenn ich alt bin, wird das aber wahrscheinlich normal sein.»

Goldene 20er

Am 1.1.2021 begannen die 2020er-Jahre. Werden sie für die Kirche zu Goldenen Zwanzigern? Was bedeutet Gold in der Liturgie? Welchen Reformstau gibt es? Welche Lösungen funktionieren? Diese Fragen beantwortet kath.ch in der Serie «Goldene 20er» – bis Mariä Lichtmess am 2.2.2021. (kath.ch)


Betreuungsroboter Pepper | © Alice Küng
11. Januar 2021 | 17:15
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