François-Xavier Putallaz | © zVg
Schweiz
François-Xavier Putallaz | © zVg

«Die Organspende-Initiative ist eine falsche gute Idee»

Freiburg FR, 19.10.17 (kath.ch) Die neu lancierte Initiative zur Organspende bewirke mehr Probleme, als sie löse, sagt François-Xavier Putallaz. Der Philosoph und Professor an der Universität Freiburg präsidiert die Kommission für Bioethik der Schweizer Bischofskonferenz, äussert sich aber im Gespräch mit kath.ch nicht im Namen der Kommission. Denn diese steckt mitten in der Erarbeitung eines Dokuments zur Transplantation, in dem auch die Frage des Organspende-Modells vorkommt.

Regula Pfeifer

Was halten Sie von der neuen Initiative betreffend Organspende?

François-Xavier Putallaz: Diese Initiative ist eine falsche gute Idee. Das Ziel ist gewiss lobenswert, nämlich die Zahl der Organspender zu erhöhen. Das von der Initiative vorgeschlagene Mittel dazu ist jedoch kontraproduktiv: Die Zahl der Organspender wird nicht nur nicht erhöht, sondern die vorgeschlagene Lösung bewirkt mehr Probleme, als sie löst und die neuen Probleme sind darüber hinaus grösser als die bisherigen.

Das Ziel ist lobenswert, das vorgeschlagene Mittel dazu ist jedoch kontraproduktiv.

Finden Sie die aktuelle Organspende-Situation gut?

Putallaz: Sie ist gewiss nicht befriedigend, denn die Anzahl Spender ist viel zu niedrig. Um aber diese Situation zu verbessern, braucht es andere Fördermassnahmen, die effizienter sind als eine Gesetzesänderung. Wenn also die Initiative eine Bewusstseinsbildung bewirkt, ist das vielleicht sinnvoll; aber ihr Inhalt ist nicht zu unterstützen.

Weshalb sind Sie dagegen?

Putallaz: Die Tatsachen sind eindeutig. Auf der ganzen Welt gibt es keinen Beweis, dass der Wechsel vom Modell der Zustimmungslösung zur Widerspruchslösung – wie es die neue Initiative vorsieht die Zahl der Spenderorgane erhöht. Entgegen aller Erwartung könnte sogar die gegenteilige Auswirkung auftreten. Des Weiteren haben mehrere Kantone über Jahre dieses Modell gehabt, bevor das aktuelle Gesetz in Kraft trat: Alle bekunden, dass, ungeachtet welches Modell angewandt wird, die Angehörigen um ihre Meinung gebeten werden. Im konkreten Fall sind die Modelle diesbezüglich nahezu gleichwertig.

Es gibt keinen Beweis, dass der Wechsel zur Widerspruchslösung die Zahl der Organe erhöht.

Die Fakten sprechen also für sich. Darüber hinaus ist anzufügen, dass es sich um eine «Organspende» handelt. Eine Spende jedoch (wie jedes andere Geschenk, wie die Blutspende) setzt die Freiheit einer Person voraus, welche in einer Geste der Solidarität etwas von sich selbst schenkt. Der Ablauf muss diesen Sinn der Spende berücksichtigen. Dieses Gesetz würde vorschreiben, dass jeder Erwachsene im Todesfall ein «potentieller Spender» wird. Tatsache ist jedoch, dass jemand nur Spender sein kann, wenn er frei zustimmt.

Was ist problematisch am in der Initiative propagierten Prinzip der vermuteten Zustimmung?

Putallaz: Das Prinzip der vermuteten Zustimmung ist nicht nur ineffizient, sondern es provoziert zudem grössere Probleme als das aktuelle System.

Wenn nämlich jedermann Spender ist, so muss auch jedermann informiert sein, um eventuell seine Ablehnung zum Ausdruck zu bringen. Dies bedingt einerseits eine Informationspflicht seitens des Bundes, welcher hier neutral bleiben muss. Andererseits wird sich jede Einzelperson gezwungen sehen, sich zu äussern, wenn man jegliches Risiko vermeiden will, jemandem ein Organ zu entnehmen, der sich nicht geäussert hat. Das Prinzip der vermuteten Zustimmung einzuführen bedeutet also einen Druck, oder sogar eine Verpflichtung für die Bürger, sich zu dieser Frage zu äussern; dies verletzt die Persönlichkeitsrechte.

Das Prinzip der vermuteten Zustimmung setzt die Bürger unter Druck.

All das widerspricht der altruistischen Geste der Organspende. In diesem Sinne ist die Initiative von geringer Bedeutung. Das Prinzip der vermuteten Zustimmung ist weniger menschlich und nicht effizienter. Der Hauptmangel besteht darin, an einen illusorischen Automatismus zu glauben: als würde eine einfache Gesetzesänderung genügen, um die Situation zu verbessern! Im Gegenteil müssen andere Fördermassnahmen weiterentwickelt werden: eine bessere Identifizierung der Spender, erhöhte Sensibilisierung des medizinischen Personals – insbesondere in den Zentren für Intensivmedizin, Informationskampagnen und vor allem eine Erziehung zu einer Kultur des Gebens. Diese Initiative scheint am altruistischen Sinn der Schweizer Bevölkerung zu verzweifeln: Sie will die Spende und das persönliche Engagement durch einen Pseudo-Automatismus ersetzen.

Sehen Sie Vorteile beim neu propagierten System?

Putallaz: Das neu vorgeschlagene System ist nicht unethisch, und es ist nicht inakzeptabel. Aber es verursacht mehr Probleme, als es löst. Die Nationale Ethikkommission hat diese Fragestellung während mehr als einem Jahr erörtert und empfiehlt einstimmig, das Modell der vermuteten Zustimmung – auch Widerspruchslösung genannt – nicht anzunehmen.

Ist die Organspende und die Annahme fremder Organe aus kirchlicher Sicht überhaupt zulässig?

Putallaz: Die Spende und der Empfang von Organen wie Nieren, Herz, Lungen und anderen mehr ist nicht nur im Einklang mit der Lehre der Kirche, sondern die Kirche ermutigt dazu und lädt dazu ein. Sie sollte dies eigentlich auch noch lauter tun, indem sie die Christen zu mehr Solidarität und Liebe auffordert. Denn, so wie es keine grössere Liebe gibt, sein Leben für seine Freunde hinzugeben, so ist die Organspende wie eine Verlängerung der Selbsthingabe über den Tod hinaus. Eine Lebendspende beispielsweise einer Niere ist ihrerseits ein wunderbares Zeichen der Liebe.

Organspende ist Selbsthingabe über den Tod hinaus.

Wehrt sich ein Mensch, der ein Spenderorgan annimmt, gegen den göttlichen Willen?

Putallaz: Nein. Der Katechismus der katholischen Kirche (Nr. 2301) äussert sich zur Organspende klar positiv mit den Worten: «Die unentgeltliche Organspende nach dem Tode ist erlaubt und kann verdienstvoll sein.» Derselbe Katechismus betont im Weiteren einen problematischen Punkt: «Organverpflanzung ist sittlich unannehmbar, wenn der Spender oder die für ihn Verantwortlichen nicht im vollen Wissen ihre Zustimmung gegeben haben.» (Nr. 2296)

Birgt die Organspende weitere moralische oder ethische Probleme?

Putallaz: Es versteht sich von selbst, dass die Organentnahme auf keinen Fall ein Grund sein kann, einen Abbruch der Behandlung zu beschliessen oder den Tod eines Menschen am Lebensende zu beschleunigen. Dies führt zum Problem der Art und Weise, wie man einen sterbenden Menschen für eine Transplantation vorbereitet. Was die zu transplantierenden Organe betrifft, so kann man ernste Vorbehalte für Organe hegen, welche die persönliche Identität und die Fortpflanzung des Menschen betreffen, etwa das Gehirn oder die Keimdrüsen. Dies ist jedoch ein Grenzfall.

Die Organentnahme darf auf keinen Fall den Abbruch der Behandlung verursachen.

Die wesentliche Herausforderung im Umgang mit der Organspende besteht darin, vom Egoismus loszukommen. Dies aber nicht durch ein an den Egoismus angepasstes Gesetz, sondern indem eine echte Kultur des Gebens gefördert wird, die aus tiefer menschlicher Solidarität hervorgeht und einen hohen sozialen Stellenwert besitzt.

«Wer an den Gott des Lebens glaubt, kann nicht gegen Organspende sein»

Operation | © pixabay.com scotth23 CCo
Operation | © pixabay.com scotth23 CCo
Transportbox bei Transplantationen | © swisstransplant
Transportbox bei Transplantationen | © swisstransplant

Initiative soll Anzahl Organspender erhöhen

Eine Gruppe junger Initianten – von der Junior Chamber International (JCI) der Riviera – hat am 17. Oktober eine Volksinitiative zur Förderung der Organspende lanciert, die in den Medien breites Echo gefunden hat. Diese hat zum Ziel, über eine Gesetzesänderung jeden Erwachsenen im Todesfall zum potentiellen Organspender zu machen und so die Anzahl potentieller Spender zu erhöhen. Ausgenommen sind Personen, die ihr Organspende-Nein in ein offizielles Register haben eintragen lassen.

Die Initianten setzen dabei auf einen Systemwechsel: von der bisherigen expliziten Zustimmung zur vermuteten Zustimmung. Heute muss eine Person mittels Spendekarte oder Patientenverfügung ihr Einverständnis zur Organentnahme geben. Ist nichts vorhanden, entscheiden im Todesfall die Angehörigen im mutmasslichen Sinn des Verstorbenen. Neu würde die vermutete Zustimmung gelten. In diesem Fall wäre eine Organentnahme bei allen Personen möglich, die zu Lebzeiten ihre Ablehnung nicht offiziell haben registrieren lassen. Die Angehörigen könnten aber bei fehlendem Registereintrag weiterhin eine Organspende verhindern, betonen die Initianten.

Die Initiative wird von Swisstransplant unterstützt, der nationalen Stiftung für Organspende und Transplantation. Diese ist im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) für die gesetzeskonforme Zuteilung der Organe an die Empfänger zuständig und führt die entsprechende Warteliste. (rp)

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