Schweiz

«Wer an den Gott des Lebens glaubt, kann nicht gegen Organspende sein»

Wettingen AG, 26.10.16 (kath.ch) Ist eine Organspende ein Akt der Nächstenliebe? Muss man als Christ Leiden hinnehmen und auf ein Spenderorgan verzichten?  Claudia Nothelfer, Theologin bei der Fachstelle «Bildung und Propstei» der römisch-katholischen Kirche im Aargau, lebt seit 26 Jahren mit einer Niere ihrer Schwester. Im Interview mit kath.ch nimmt sie zu diesen Fragen Stellung und erzählt, was es bedeutet, dank einem Spenderorgan weiterhin am Leben zu sein.

Sylvia Stam

Wie kommt eine christliche Fachstelle dazu, einen Gesprächsabend zum Thema Organspende anzubieten?

Claudia Nothelfer: Ich lebe seit 26 Jahren mit einer Niere von meiner älteren Schwester. Obschon das in meinem beruflichen Umfeld kaum jemand weiss, wurde ich in der Bildungs- und Seelsorgearbeit immer wieder auf dieses Thema angesprochen: Menschen, die chronisch krank sind und selber vor der Frage stehen, ein fremdes Organ anzunehmen, oder die von einem Partner oder einem Kind erzählen, welche vor dieser Entscheidung stehen. Mich dünkt, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, darüber zu sprechen. Unser Bildungsbegriff sieht vor, Menschen in dem zu begleiten, wo sie Not und Fragen haben.

Die Spende einer Niere durch Ihre Schwester war für Sie eine zutiefst religiöse Erfahrung. Inwiefern?

Nothelfer: Ich hatte mit 27 Jahren eine sehr schwere Autoimmunkrankheit. Ich spürte, dass das zum Tod führen würde, es hatte keinen Sinn mehr zu kämpfen. Meine Gotte zeigte mir damals ein schönes Bild auf: Gott steht da und hält ein grosses Kissen, ich solle mich da hineinfallen lassen. Das war das Einzige, was ich noch tun konnte: irgendwo aufgefangen werden, um gut von dieser Welt gehen zu können.

Gelang es Ihnen, so loszulassen?

Nothelfer: In dem Moment, wo ich losgelassen habe, ging es mir besser. Nicht körperlich, aber ich konnte plötzlich damit leben, dass ich sterben würde. Das seelische Kämpfen gegen den Tod war weg, und eine Ruhe kehrte ein.

Und dann hat Ihre Schwester sich zu einer Nierenspende bereit erklärt.

Nothelfer: Meine älteste Schwester, sie war damals 33 und hatte zwei Kinder, hat sich in dem Moment von sich aus dazu bereit erklärt, gegen den Widerstand ihres Mannes.

Wie war das für Sie?

Nothelfer: Gewaltig, einfach gewaltig! Zuerst dachte ich, ich könne das nicht annehmen. Dann hat sie mir immer wieder versichert, dass sie nicht anders könne und dass sie das wirklich wolle.

Der christliche Glaube basiert auf dem Glauben an die Auferstehung. Steht eine Organspende zur Rettung des irdischen Lebens nicht im Widerspruch dazu?

Nothelfer: Für mich war es gerade eine Auferstehungserfahrung! Ich erwachte aus der Narkose und spürte, dass mir das Leben nochmals geschenkt worden war. In den ersten Jahren hatte ich allerdings auch viele Zweifel: Durfte das sein? War es richtig, dass es mich noch gab? Aber damit wertet man sich selbst und die Kostbarkeit des eigenen Lebens ab. Inzwischen überwiegt die Dankbarkeit dafür, dass ich lebe und dass ich in diesen 26 Jahren ganz viel verwirklichen konnte: In der Seelsorge beispielsweise kann ich Menschen mit ihren Lebens- und Sinnfragen begleiten.

Ist eine Organspende also ein Akt der Nächstenliebe?

Nothelfer: Auf jeden Fall! Es braucht ganz viel Grossherzigkeit und die Bereitschaft, jemandem das Leben zu retten.

Verstossen Menschen, die es ablehnen, ihre Organe zu spenden, somit gegen das Gebot der Nächstenliebe?

Nothelfer: Das kann man so allgemein nicht sagen. Es gibt ja viele Formen der Nächstenliebe. Meines Erachtens sind diese Menschen nicht so weit, dass sie ihre inneren Organe im Tod loslassen können. Die Vorstellung, dass der eigene Körper aufgemacht wird und Organe entnommen werden, ist für viele Menschen abschreckend. Das kann ich verstehen. Aber man kann durch eine religiöse Reflexion an den Punkt kommen, an dem man sagt: «Der unsterbliche Teil von mir geht nicht ins Grab. Wenn es anderen Menschen dient, damit sie weiterleben können, dann dürfen sie ein Organ von mir haben.»

Ist Ihnen persönlich auch Ablehnung begegnet?

Nothelfer: Immer wieder. Einmal warb ein reformierter Pfarrer für einen Ausweis, der sich gegen Organspende aussprach. Das hat mich entsetzt.

Was machte das Entsetzen aus?

Nothelfer: Das fühle ich so, dass mir das Lebensrecht abgesprochen wird! Für mich ist es zudem selbstverständlich, dass jemand, der an den Gott des Lebens glaubt, nicht dagegen sein kann, Leben zu retten, wenn man es retten könnte! Ich gehe implizit davon aus, dass christliche Menschen helfen, wenn sie können. Wenn man die Lebensfreude von Menschen sieht, die dank einer Organspende nicht gestorben sind, dann ist eine solche Haltung aus christlicher Sicht ein kaum verantwortbares Wegschauen. Denn diese Menschen wären ja alle im Grab.

Andererseits gehört ja aus christlicher Sicht auch das Leiden zum Leben. Jemand kann aus einer christlichen Haltung heraus eine Krankheit akzeptieren und sagen: Wenn es Zeit ist zu sterben, dann sterbe ich.

Nothelfer: Wenn das einen selber betrifft, darf man das sagen. Solange jemand gesund ist, kann er oder sie das leicht sagen. Aber jeder sehr kranke Mensch beginnt zu kämpfen. Der Drang zu leben ist so stark! Natürlich gehört das Leiden zum Leben und es ist wichtig, dieses anzunehmen und nicht davor wegzulaufen. Ich bin aber trotzdem glücklich und dankbar, dass ich nicht schon mit 27 Jahren gehen musste.

Claudia Nothelfer (54) ist Theologin bei der römisch-katholischen Kirche im Aargau, sie ist im Bereich «Bildung und Propstei» zuständig für den Fachbereich «Wege zum Leben».

Hinweis: Organspende – geschenktes Leben. Informations- und Gesprächsabend mit Claudia Nothelfer, Karin Klemm, Spitalseelsorgerin Kantonsspital Baden, und Hans-Rudolf Räz, Leitender Arzt der Nephrologie des Kantonsspitals Baden. 31.10.2016, 19 bis 21 Uhr, Kulturcafé, Rütistrasse 3a, Baden.

 

Claudia Nothelfer | zVg
26. Oktober 2016 | 11:23
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Organspende aus kirchlicher Sicht

Es gibt keine offizielle Haltung seitens der katholischen Kirche zur Organtransplantation, die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) steht der Organspende jedoch grundsätzlich positiv gegenüber, dies sei ein Akt der Nächstenliebe, sagt Alberto Bondolfi, römisch-katholischer Theologe und Professor für Ethik an der Universität Lausanne, gegenüber kath.ch.  Er beruft sich dabei auf die Antwort der SBK auf die Vernehmlassung zur der Teilrevision des Transplantationsgesetzes im Jahr 2011. Die ethische Diskussion über einzelne Aspekte der Organtransplantation sei allerdings keine konfessionelle Frage, so Bondolfi.

Auch der Schweizerische Evangelische Kirchenbund hat sich 2011 positiv zur Organspende ausgesprochen: Sie sei ein Akt der Nächstenliebe, jedoch keine moralische Pflicht.