Schweiz

«Die Kirche wird als etwas unheilbar Konservatives dargestellt»

Neuenegg BE, 11.2.17 (kath.ch) Der Theologe Thomas Staubli stellt in den Medien eine zunehmend antichristliche Haltung fest. Die Kirche werde im Kontrast zur modernen Wissenschaft gerne als unheilbar konservativ dargestellt. Solch einseitige und ungenaue Darstellung sei der Nährboden für eine Verbindung von kirchlichem Konservativismus mit populistischer Politik, erklärt der Universitätsdozent im Interview.

Sylvia Stam

Sie konstatieren in den Medien einen gewissen Antichristianismus. Was meinen Sie damit?

Thomas Staubli: In Medien nehme ich eine Haltung wahr, die auf eine antichristliche Position schliessen lässt. Ich habe das exemplarisch an einem Artikel im «Horizonte» erläutert, dem Magazin des Schweizerischen Nationalfonds. Thema des Artikels war Genderforschung an der Universität Freiburg, es ging darum, dass es mehr als nur die beiden Geschlechter «männlich und weiblich» gibt.

Der Artikel wurde illustriert mit dem Bild eines orthodoxen Popen, der ein Kind tauft. Dazu hiess es in der Bildlegende, bei der Taufe werde einem Menschen eine bestimmte Rolle in der Gesellschaft zugewiesen.

Die Kirche dient als Kontrastfolie zur Wissenschaft.

Was ist daran antichristlich?

Staubli: Die Kirche wird hier als Kontrastfolie gebraucht, um die moderne Wissenschaft heller in ihrem Glanz leuchten zu lassen. Die Kirche wird als etwas unheilbar Konservatives dargestellt. In diesem Fall war besonders stossend, dass die Taufe genau das Gegenteil darstellt: Wenn ein Mensch in der Taufe das Gewand Christi anzieht, gelten für ihn Konventionen wie männlich und weiblich, Sklave und Freier, Jude und Grieche nicht mehr. Das Christentum ist eine Gemeinschaft von Menschen, für die solche Konventionen sekundär sind.

Nun wird ein solches Magazin allerdings von einem kleinen Kreis von Wissenschaftlern gelesen.

Staubli: Das ist die Spitze des Eisbergs. Denn von einem solchen Magazin erwartet man höchste Zuverlässigkeit in der Information. Sogar auf dieser obersten Ebene findet man so eine inkompetente und negative Darstellung des Christentums.

Sie bemängeln ausserdem eine Vernachlässigung des Themas «Gewalt an Christen» in den Medien.

Staubli: Im vorderen Orient werden derzeit die Wurzeln der christlichen Religion zerstört. Man erfährt wenig über die Zerstörung der Architektur, die die Geschichte dieser Religion bezeugt, aber auch wenig über die Menschen, die flüchten müssen. Man erfährt selten, dass es sich dabei um Verfolgung aufgrund der Religionszugehörigkeit handelt.

Warum wird Ihrer Meinung nach so wenig über Gewalt gegen Christen berichtet?

Staubli: Es fehlt letztlich an Empathie. Medien berichten über das, was einem nahegeht, und offenbar geht das Leiden der Christen den Redaktoren nicht so nahe. Daraus sprechen für mich eine Distanz zur christlichen Religion sowie eine Angst, darüber in einem säkularen Medium zu informieren.

Offenbar geht das Leiden der Christen den Redaktoren nicht so nahe.

Kann es sein, dass Medien keine einzelne Religion bevorzugen möchten? Dass man zwar über Flüchtlinge berichtet, aber nicht darüber, dass sie Christen sind?

Staubli: Das wäre eine merkwürdige Form von Neutralität. Es kann ja nicht sein, dass man aus einer Neutralität heraus die Ursachen gewisser Gewalttaten einfach verschweigt. Die Neutralität müsste darin bestehen, dass man immer über Gewalt, die an Menschen geschieht, seien sie nun Christen, Juden oder Muslime, berichtet und auch sagt, es sei ein antisemitischer oder antichristlicher Akt.

Man ist auf Redaktionen sehr vorsichtig, nicht in das Fettnäpfchen des Antijudaismus oder des Antiislamismus zu treten, aber man ist nicht sensibilisiert für den Antichristianismus. Man geht davon aus, dass man auf diese Mehrheitsreligion nicht gleichermassen Rücksicht nehmen muss. Das dünkt mich falsch, besonders in Zeiten, da das Christentum die weltweit am stärksten verfolgte Religion ist.

Auf die Mehrheitsreligion muss man offenbar keine Rücksicht nehmen.

Sie fürchten, dass dies den Nährboden bereitet für die Verbindung von christlicher Abendlandromantik mit populistischer Politik.

Staubli: Wenn man eine Mehrheitsreligion ständig nicht richtig abbildet, kann das bei Menschen, die sich damit identifizieren, ein Gefühl der Zurücksetzung produzieren. Dies kann sich mit der Empfindung von Zurücksetzung in anderen Bereichen verbinden. So findet etwa eine Landbevölkerung, dass ihre Bedürfnisse zu wenig wahrgenommen werden. Das ist genau der Nährboden für eine Verbindung von kirchlichem Konservativismus mit populistischer Politik, wie wir sie jetzt in Amerika vorgeführt bekommen, wo Donald Trump von konservativen Christen im Bibelgürtel gestützt wurde.

Die Bildung im Bereich Religion ist ungenügend.

Diese Anhänger Trumps werden neuerdings als «strenggläubige Christen» bezeichnet, so gehört im «Echo der Zeit». Früher hat man diese Menschen «Fundamentalisten» genannt, sie haben sich auch selber so bezeichnet. Für mich sind das keineswegs strenggläubige Christen, weil sie beide Augen zudrücken gegenüber den zutiefst unchristlichen Ansichten, die Trump äussert, solange er ihre nationale Agenda bewirtschaftet. Der Begriff «national-religiöse Christen» wäre zutreffender.

Was ist zu tun gegen solch einseitige Darstellungen des Christentums?

Staubli: Einerseits können Medienkonsumenten sich selber informieren in Bereichen, in denen sie zu wenig Informationen bekommen. Hierzu bieten soziale Medien eine Möglichkeit, sich direkt mit Menschen vor Ort zu vernetzen.

Medien nehmen ihre Verantwortung nicht wahr.

Ein anderer Aspekt ist die Bildung, die im Bereich Religion ungenügend ist: Was Schülerinnen und Schüler heute am Ende ihrer Schulzeit wissen, genügt nicht, um mit den hoch komplexen Entwicklungen auf kultureller und religiöser Ebene erwachsen umgehen können.

Und hier wären die Medien gefragt?  

Staubli: Ja. Doch die Medien nehmen ihre Verantwortung in der Abbildung wichtiger Prozesse nicht wahr. Ich unterstelle den einzelnen Redaktoren keinen bösen Willen. Sie sind vielmehr das Produkt jahrzehntelanger Vernachlässigung des Themas Religion, das in unserer Gesellschaft so zentral ist. Medienschaffende sind nicht sensibilisiert für die Prozesse, die da ablaufen. Hier sehe ich auch eine Aufgabe für kirchliche Medien.

Thomas Staubli ist Oberassistent und Dozent für Altes Testament an der Universität Freiburg, Lehrbeauftragter an der Universität Bern und Pastoralassistent in der Pfarrei Bösingen/Laupen BE. Er referierte im Januar zum Thema «Antichristianismus in den Medien» im Dialog des Forums für eine Offene Katholizität.

 

Thomas Staubli | © zVg/Dévène
11. Februar 2017 | 14:00
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