Stefan Betschon
Kommentar

Die katholische Publizistik – ein Reanimationsversuch

Die Kirche befindet sich in einem tiefgreifenden Umbruch. Um die Arbeiten zu koordinieren, braucht es eine katholische Publizistik dringender denn je. Aber auch die säkularisierte Gesellschaft könnte profitieren von einer Publizistik, die die ethischen Grundlagen des säkularen Staates stärkt. Doch die katholische Publizistik leidet unter ihrer Zersplitterung. Es gibt viele Kerzenlichter, aber keine Leuchttürme. Für diese Publizistik braucht es nicht Besserwisser, sondern besonnene Berichterstatter.

Stefan Betschon

«Was mit Medien»: So pflegten einst junge Menschen den besorgten Eltern ihre Berufspläne zu erläutern. Die schnoddrige Antwort, die Zielstrebigkeit vorschützt und Ahnungslosigkeit schlecht kaschiert, ist zur festen Redewendung geworden, die etwa im Titel einer deutschen TV-Komödie (2023) oder eines populären medienwissenschaftlichen Sachbuchs (2011) aufscheint. Die Medienwelt zeigt sich in dieser Redewendung als exotisches Taka-Tuka-Land, zu dem sich alle hingezogen fühlen, das Hoffnung macht auf eine bessere Zukunft, das es aber vielleicht gar nicht gibt.

1. Wo bitte, geht’s zum Taka-Tuka-Land?

«Was mit Medien» wäre auch ein guter Titel gewesen für eine Veranstaltung, zu der Mitte Oktober die Schweizer Bischöfe und die Römisch-Katholische Zentralkonferenz der Schweiz eingeladen hatten. Es ging hier – vielleicht – darum, Ansichtskarten aus Taka-Tuka herumzureichen. Wo ist das? Was läuft da so? Gibt es katholische Publizistik überhaupt noch? Und – falls ja –: Wäre allenfalls das Modell des medialen Service Public geeignet, diese Publizistik zu revitalisieren?

Einst gab es in jeder grösseren Schweizer Stadt eine katholische Tageszeitung. Dann gab es nur noch eine katholische Tageszeitung, aber wenigstens eine überregional bedeutende. Jetzt gibt es noch immer viele katholische Publikationen und Publikatiönchen, aber keine Periodika, die als Leuchttürme weitherum sichtbar sind.

Die Kirche befindet sich in einem tiefgreifenden Umbruch. Eine Renovation ist umgänglich, es braucht ein Update, ein Aggiornamento, schon wieder. Alle müssen sich auf den Weg machen – gemeinsam: Laien und Kleriker. Alle müssen anpacken, jede Hand wird gebraucht. Deshalb, um diese Zusammenarbeit zu koordinieren, braucht es eine katholische Publizistik.

Doch nicht nur das katholische Milieu ist, um sich seiner selbst zu vergewissern, auf katholische Publizistik angewiesen, auch die säkularisierte Gesellschaft wäre es. Sie müsste sich auf ihre christlichen Wurzeln zurückbesinnen. Denn der säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht schaffen kann.

Diese Voraussetzungen wurden in der Geschichte des Westens durch das Christentum geschaffen. Es wäre für diesen Staat gefährlich, würde dieses Fundament zerbröseln.

2. Was ist medialer Service Public?

Könnte diese Publizistik vielleicht gemäss dem Konzept des medialen Service Public neu organisiert werden? Was ist das überhaupt: medialer Service Public?

Das kann vieles sein. Zum Beispiel eine Finanzierungsvariante, bei dem der Staat als Kassenwart bei allen Bürgerinnen und Bürgern Beiträge einsammelt und einem Medienunternehmen zur Verfügung stellt. Oder eine publizistische Grundhaltung, die sich durch parteipolitische Neutralität auszeichnet. Oder ein Business-Modell, bei dem nicht der kurzfristige private Profit, sondern der längerfristige öffentliche Nutzen maximiert werden soll.

Manchmal wird der Begriff auch einfach als Synonym für die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) verwendet. Als die SRG zu Beginn der 1930er Jahre gegründet wurde, war das Modell des Service Public auch aus technischen Gründen geboten.

Radio war technisch aufwendig, teuer und war für die Verbreitung auf ein Medium angewiesen – Funkfrequenzen – das nur begrenzt verfügbar war. Es galt also, knappe Ressourcen möglichst optimal zu benutzen. In diesem Sinn bedeutet Service Public eine Bündelung der Kräfte.

In einem Meinungsbeitrag auf der Blogging-Plattform «Feinschwarz.net» hat die Berner Kirchenjournalistin Annalena Müller der katholischen Publizistik den «öffentlich-rechtlichen Journalismus» à la «SRF» und «ARD» deshalb als Orientierungspunkt empfohlen, weil sie nur durch diese Organisationsform ihre Unabhängigkeit bewahren könne. Der mediale Service Public erscheint so als Bollwerk, das Journalisten und Journalistinnen vor Pressionsversuchen schützt.

Doch diese öffentlich-rechtliche Trutzburg wird eben gerade durch die Halbierungsinitiative unterminiert. Wo in einer Demokratie die öffentliche Hand durch den Volkswillen gesteuert wird, kann sie schon manchmal ins Zittern geraten. Und vor allem: Für die staatlichen Privilegien muss die SRG einen Preis bezahlen. Sie muss parteilos sein, neutral.

Als Finanzierungsvariante kommt der Service Public für den kirchlichen Journalismus nicht in Betracht. Denn es ergäbe sich so eine ungesunde Nähe von Staat und Kirche, die der im modernen Rechtsstaat vorgesehenen Trennung der beiden Sphären zuwiderläuft.

Als publizistische Grundhaltung ist der Service Public für den kirchlichen Journalismus ebenfalls ungeeignet. Denn mit dem christlichen Glauben verbinden sich ethische Normen, die für Christinnen und Christen nicht verhandelbar sind. Ein neutraler Kirchenjournalismus ist – wie alkoholfreier Wein – ein Unding. Kirchenjournalistinnen, Kirchenjournalisten müssen manchmal «Ja! Ja!» oder «Nein! Nein!» sagen, sie können sich dann nicht auf ein «sowohl-als-auch-einerseits-andererseits» hinausreden.

3. Wie lässt sich Unabhängigkeit sicherstellen?

Guter Journalismus kostet Geld. Wo Geld fliesst, gibt es ein Gefälle. Dieses Gefälle lässt Abhängigkeiten entstehen. Unabhängigen Journalismus gibt es nicht.

Was es aber gibt, sind Finanzierungsmodelle, bei denen eine Vielheit von Abhängigkeiten in einem Kräfteparallelogramm sich gegenseitig neutralisieren: So wie die Schreinerin mehrere Hölzer so verleimt, dass verschiedene Faserverläufe sich gegenseitig stützen, so wie ein Maurer keilförmig angeschrägte Steine so zu einem Bogen zusammenfügt, dass vertikal wirkenden Kräfte seitlich aufgefangen werden können.

Gäbe es Alternativen zum medialen Service public? Die privat finanzierte politische Tageszeitung könnte dafür als Beispiel dienen. Dieses Modell ist deutlich älter als die SRG. Die AG für die «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ) beispielsweise: 1868 in Zürich gegründet als Auffanggesellschaft für eine damals schon traditionsreiche, aber finanziell erfolglose «Zürcher Zeitung» sollte diese Unternehmensgründung Geld und Geist miteinander versöhnen.

Hinter dem Projekt standen Zürcher Liberale. Diese reichen Unternehmer wollten eine Zeitung, die haushälterisch mit ihren Mitteln umgeht. Deswegen unterstützten sie sie nicht als Spender, sondern durch den Kauf von Aktien. Diese Freisinnigen wollten eine politische Zeitung, aber gleichzeitig eine – so wurde im Aktionärsprospekt festgehalten –, die über dem «Parteiengezänk» steht. Sie wollten nicht ein Sprachrohr, das ihre eigene Meinung in die Welt hinausträgt, sondern sie wollten eine Plattform, die zur Meinungsbildung und zur Konsensfindung beiträgt.

Sie wollten als Geldgeber schon auch Einfluss nehmen auf die Zeitung, der sie neue Mittel zur Verfügung stellen. Aber sie wollten gleichzeitig auch den Geist nicht zurückbinden. Sie erfanden deshalb, lange bevor es Manager gab: Angestellte, die sich bezahlen lassen, als wären sie Unternehmer, ohne aber unternehmerische Verantwortung übernehmen zu wollen – lange bevor es Manager gab, erfanden die ersten Aktionäre der NZZ ein Management-Modell, das eine enge Zusammenarbeit zwischen Verwaltungsratspräsident und Chefredaktor vorsah. Geld und Geist ein einem Boot. Ein fein austariertes, duales System.

Der Verwaltungsratspräsident und der Chefredaktor sassen nebeneinander auf einer Bank, jeder hielt ein Ruder in der Hand. Keiner konnte allein das Boot voranbringen, beide mussten sich zusammentun. Dieses Modell hat nicht immer funktioniert. Es gab Chefredaktoren wie Gustav Vogt (1878 bis 1885), die durch ihren Narzissmus die Redaktion fast zerstörten. Das Modell hat nicht immer funktioniert, aber es hat meistens funktioniert, und es hat eine Tageszeitung ermöglicht, die im 20. Jahrhundert während vielen Jahrzehnten als eine der besten der Welt gegolten hat.

Bis dann 2001 das Ruder des Verwaltungsratspräsidenten einem Betriebswissenschaftler namens Conrad Meyer übergeben wurde, dem es schwerfiel, den Geisteswissenschaftler neben sich zu ertragen. Er entschied sich deshalb, einen Chief Executive Officer (CEO) an Bord zu holen und auf der Bank zwischen Chefredaktor und Präsident zu placieren. Dieser dritte Mann auf der Ruderbank hat das Boot ins Schwanken gebracht, die neue Besetzung führte zu einer Managementisierung des Redaktion, zu einer Industrialisierung der News-Produktion und zu einer Bullshitisierung des Journalismus.

Trotzdem kann man aus der Geschichte der NZZ AG viel lernen. Zum Beispiel dies: Es sind nicht Modelle und Strukturen, Organisationsprinzipien und Organigramme, die erfolgreiche Medienunternehmen ausmachen, sondern Menschen. Kluge, weitsichtige Menschen, die bereit sind, sich auf andere Menschen einzulassen.

Der Kirchenjournalismus sollte sich nicht mit dem Zweihänder ins «Parteiengezänk» stürzen. Aber er kann auch nicht darauf hoffen, sich diesem Gezänk durch eine Himmelfahrt in ein staatlich finanziertes Wolkenkuckucksheim entziehen zu können.

Es ist ein privat organisierter medialer Service Public denkbar. Und es gibt Aspekte eines öffentlich-rechtlichen medialen Service Public, die nicht zum Kirchenjournalismus passen. Für diesen Journalismus lässt sich aber aus einer Beschäftigung mit dem medialen Service Public doch immerhin die Einsicht gewinnen, dass eine Bündelung der Kräfte sinnvoll wäre.0

4. Lassen sich Monaden vernetzen?

Müller bezeichnet das katholische Milieu als «Blase». Das ist nicht nur wenig wertschätzend, sondern es verkennt auch die zentrale Eigenart dieses sozialen Gebildes: Die Vielfalt. Wir haben es hier nicht mit einer Blase zu tun, sondern mit einer Vielzahl von Bläschen.

Und jedes Bläschen ist ein eigenes Mediensystem. Jede Pfarrei ein Pfarrblättchen, jeder Chorleiter ein Newsletter, jeder Verein eine Website, jede Fakultät ein Buchverlag, jede Landeskirche ein Kommunikationszentrum, jeder Bischof ein Medienunternehmer. Weil das Geld weniger wird, ist voraussehbar, dass vielen dieser Bläschen bald der Schnauf ausgehen wird. Zu hoffen ist, dass diese Marktbereinigung Platz schafft für eine Plattform, an der viele dieser Bläschen andocken können. Denn das wäre eine wichtige Aufgabe der katholischen Publizistik: die verschiedenen Monaden zu vernetzen.

Wenn eben gerade die Zersplitterung der katholischen Publizistik beklagt wurde, ist das nicht so zu verstehen, als ob es in der Deutschschweiz eine grosse Zahl von profilierten Medienschaffenden gäbe, die mit engagierten kirchenpolitischen Artikeln spannende Debatten befeuerten.

Die katholische Publizistik in der Schweiz besteht aus unzähligen Publikationen und Publikatiönchen, doch dahinter stehen oft nicht Publizisten, sondern Seelsorgende, für die Journalismus nicht nur eine Nebenbeschäftigung ist, sondern eine Nebenbeschäftigung neben mehreren anderen.

Es gibt im kirchlichen Umfeld hierzulande wenige profilierte Journalistinnen und Journalisten. Aber viele Kommunikationsbeauftragte, Marketing-Organisatoren, Pressesprecher oder Medien-Manager – Kirchen-Funktionäre –, die zwar selbst nicht journalistisch in Erscheinung treten, aber schon zu wissen glauben, wie Journalismus geht. Wo es ihnen nicht gelingt, den Journalisten die Hand zu führen, fallen sie ihnen in den Rücken. Reden hintenrum.

Keine Debatten, stattdessen ein Geraune in Hinterzimmern: Als schlechter Journalismus gilt diesen von der Kirche enttäuschten Kirchen-Funktionären alles, was ihren kirchenpolitischen Anliegen nicht dient.

5. Was heisst «kritisch»?

In dem berühmten «Wörterbuch der Gemeinplätze» von Gustave Flaubert gibt es zum Thema Journalismus keinen eigenständigen Eintrag. Journalisten werden hier nur gerade im Zusammenhang mit Absinthe erwähnt, einem hochprozentigen Kräuterschnaps, den die Schreiberlinge angeblich in grossen Mengen trinken, bevor sie sich an die Arbeit machen. Wollte man Flaubert à jour bringen, müsste man diesen Menschen unter «J» einen eigenen Eintrag widmen: «Journalismus. Sehr chic. Ist immer kritisch. Man sage: ‹Vierte Gewalt› und rolle mit den Augen, als wüsste man genau, was es damit auf sich hat.»

«Kritisch» ist eines der Lieblingsworte von Müller. Es kommt in ihrem Text in fast jedem Abschnitt vor. Was ist damit gemeint? Das berühmte Wörterbuch für die deutsche Rechtschreibung hält für das Eigenschaftswort «kritisch» mehrere Übersetzungen bereit. Die beiden wichtigsten – eine ursprüngliche und eine umgangssprachliche – widersprechen sich.

Ursprünglich bedeutete «kritisch»: «nach präzisen wissenschaftlichen, künstlerischen o.ä. Massstäben gewissenhaft, streng prüfend und beurteilend».

Massstäbe: Das könnte zum Beispiel das Kirchenrecht sein. Oder das weltliche Recht. Und auch Rechtsgrundsätze wie die Unschuldsvermutung. Es ginge dann beispielsweise in einem kritischen Zeitungsartikel darum, das Verhalten eines Bischofs mit Bezug auf diese Vorgaben zu beurteilen.

«Gewissenhaft»: Das hiesse dann: unbeeinflusst von persönlichen Regungen, ohne Ranküne, «sine ira et studio». Die Journalistin würde sich nicht das Richteramt anmassen, sondern sie würde Experten zu Wort kommen lassen, die unabhängig sind, die in den aktuellen Fall nicht involviert sind, die aber schon die hiesigen Verhältnisse genau kennen. Die Recherchen würden zwar vielleicht kein justiziables Fehlverhalten aufdecken, aber doch sichtbar machen, dass im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch die geltenden Gesetze für den Opferschutz zu wenig tun. Sie würde in ihrem Text verschiedene Sichtweisen nebeneinander stehen lassen und so der Leserin, dem Leser die Möglichkeit bieten, sich selbst ein Bild zu machen.

Der Duden hat zum Eintrag «kritisch» noch eine zweite Bedeutungsvariante anzubieten: Als «kritisch» wäre demgemäss eine Berichterstattung zu bezeichnen, die «negativ beurteilend» ist, die «eine negative Beurteilung» enthält. Hier wäre also das Vorurteil massgebend.

Dieses Vorurteil wäre nicht verhandelbar. Nur jene Experten und nur jene Rechtsgrundsätze, die das negative Vorurteil bestätigten, würden in einem solcherart kritischen Bericht berücksichtigt. Die Journalistin sähe sich als Richterin eingesetzt. Ihr Vorurteil wäre letztinstanzlich.

6. Was ist mit der «Vierten Gewalt» los?

Der Journalismus, den Müller betreibt, darf ohne Zweifel als «kritisch» bezeichnet werden. Ihr ist, wie sie schreibt, eine «kritische Stimme» zu eigen. Mehr noch: die «kritische Stimme einer ‹Vierten Gewalt›».

Da ist es also, dieses Wort – mit grossem V. Man rolle die Augen. Um dann vielleicht allen Mut zusammenzunehmen und zuzugeben, dass man nicht versteht, was es damit auf sich hat.

Wo immer Journalistinnen und Journalisten und die, die es gut mit ihnen meinen – Politikerinnen und Professoren, Festredner und Gastkommentatorinnen, Vorwort-Schreiber, Grusswort-Überbringerinnen –, wo immer von Journalismus die Rede ist, dauert es nicht lange, bis das V-Wort fällt. Es ist eine Ansage, eine herausfordernde Ankündigung oder ein rhetorischer Kratzfuss, eine Verneigung vor dem obersten Wächterrat, der das Grundgesetz hütet und der für das Funktionieren der Demokratie zuständig ist. Was genau ist mit dem V-Wort gemeint?

Die «Vierte Gewalt» sei ein «Begriffs-Gespenst» schrieb der Münchner Kommunikationswissenschaftler Hans Wagner vor rund 20 Jahren in einem nach wie vor aktuellen und lesenswerten Aufsatz: «Vom Gespenst, das als ›Vierte Gewalt‹ erscheint – Bemerkungen zu einer Demokratiegefährdung, die sich als ihr Gegenteil ausgibt».

Es gebe Menschen, so Wagner, «die fest» an dieses Begriffs-Gespenst glaubten, und andere, die sich davor fürchteten. «Und wenn man derartigen Begriffs-Gespenstern ins (weisse?) Wort-Hemdchen langt, greift man ins Leere.»

Wagner hat es unternommen, die Begriffsgeschichte des V-Worts zu untersuchen. Sie reicht zurück ins frühe 19. Jahrhundert und ist geprägt durch Irrungen und Wirrungen, Brüche und viele Missverständnisse. Das V-Wort bezeichnete zu verschiedenen Zeiten sehr verschiedene Dinge. Neuerdings wird es – nicht nur von Medienschaffenden – so verwendet, als seien die Medien eine Verfassungsinstitution und im demokratischen Staat die oberste Kontrollinstanz, die sich keiner Wahl stellen, keiner Kontrolle unterwerfen muss.

«Demokratiegefährdung»

Wagner zufolge ist diese «Vierte Gewalt», diese «irgendwo ausserhalb der Gesellschaft und ausserhalb des Staates» beheimatete «absolutistische Kontrollmacht» eine «Demokratiegefährdung». Denn sie bewirkt eine Mediatisierung der Politik. Die Volksvertreter glauben sich nun andauernd gegenüber dieser «Vierten Gewalt» rechtfertigen zu müssen. Was der Medien-Mainstream nicht gutheisst, ist politisch nicht durchsetzbar.

In einer Konkurrenzdemokratie, wie Deutschland eine ist, führt das im politischen Handeln zu einem kurzatmigen Hin und Her, zu einer Lähmung. Unpopuläre, aber längerfristig wichtige Themen – die Sicherung der Renten – bleiben liegen, stattdessen prägen Scheindebatten – die «Strassenbild»-Äusserung des Kanzlers – die mediale Berichterstattung.

Die Selbstermächtigung als oberste Gewalt geht einher mit einer Geringschätzung der anderen Staatsgewalten. Koalitionsverhandlungen zwischen Wahlgewinnern werden dann etwa als «Bullshit-Bingo» karikiert. Gestandene Politikerinnen und Politiker, die von der Wählerschaft einen Regierungsauftrag erhalten haben, werden abgewatscht, als wären sie Schulkinder.

Man könnte vermuten, dass dieser journalistische Stil, der in der Schweiz noch selten ist, der in Deutschland aber den Medien-Mainstream prägt, sich erst in jüngster Vergangenheit unter dem Einfluss der Social Media herausgebildet hat. Doch diese Vermutung ist falsch: Dieser Stil ist sehr viel älter als das World Wide Web und sogar älter als das Internet. Hans-Magnus Enzensberger hat bereits 1957 diesen journalistischen Schreibstil als «Masche» und als aufgeblasene «Pseudo-Kritik» angeprangert.

Das Trommeln für die Vierte Gewalt hat nach dem Zweiten Weltkrieg den Wiederaufbau eines neuen Pressesystems begleitet. Laut Wagner war es in Deutschland zuerst der Presserechtler Martin Löffler, der im zweiten Nachkriegsjahrzehnt «das Gespenst einer ‹Vierten Gewalt› aus der Flasche liess». Er habe in zahlreichen Vorträgen und Aufsätzen die Idee propagiert, die Medien seien Träger einer Vierten Gewalt mit Verfassungsrang.

Eine Gegenposition vertrat der wenig bekannte, unter tragischen Umständen früh verstorbene österreichische Journalist und Jurist und Rechtsphilosoph René Marcic. Er sieht die Öffentlichkeit als Inhaberin der Vierten Gewalt. Aufgabe der Medien ist es, den Bürgerinnen und Bürgern die Partizipation an dieser Öffentlichkeit zu erleichtern.

Eine «aktiv-funktionierende Öffentlichkeit» sei die «einzig legitime ‹Vierte Gewalt›», schreibt Wagner. «Diese bildet sich aber nur, wo alle Bürger in die politische Kommunikation einbezogen sind oder wo ihnen wenigstens die Möglichkeit dazu jederzeit offensteht. Wo indessen die Medien und ihre Macher sich wider alles Recht die Funktionen einer ‹Vierten Gewalt› aneignen, wo die gesellschaftliche Kommunikation auf das Palaver im geschlossenen Zirkel von Journalisten und Politikern reduziert wird, degeneriert das Staatsvolk zur Schwundgrösse mit der Statistenfunktion eines Beifallgebers. Der Öffentlichkeit wird das Licht ausgeblasen, mit dem sie eigentlich kontrollierend und kritisierend in das Gebaren der Staatsgewalten hineinleuchten sollte.»

In dieser ausserparlamentarischen Parlamentsdebatte, die Öffentlichkeit genannt wird, sind die Medienschaffenden nicht als Vorsitzende und nicht als Dauerredner gefragt, sondern als Parlamentsdiener, als Weibelinnen und Weibel.

7. Wie geht Kirchenjournalismus?

Muss ein Kirchenjournalist, eine Kirchenjournalistin gläubig sein? Kann vielleicht nicht auch ein Atheist sich im Kirchenjournalismus hervortun? Atheisten seien Langweiler, denn sie wollten nur immer über Gott reden, liess Heinrich Böll eine seiner Romanfiguren, einen heruntergekommenen Clown, sagen. Also wären Atheisten sicherlich gute Religionsjournalisten.

Aber könnten sie auch Kirchenjournalismus? Der Kirchenjournalismus sitzt in der Kirche, der Religionsjournalismus steht draussen vor der Tür. Es ist derselbe Unterschied, der auch Theologie von Religionswissenschaft trennt: Religionswissenschaftler setzen sich mit dem Glauben anderer auseinander, Theologen müssen sich auch hinterfragen.

Es muss einer nicht kochen können, um sich als Gastrokritiker hervorzutun, und es muss einer nicht gläubig sein, um sich im kirchlichen Journalismus zu bewähren. Aber er muss schon nachempfinden können, wie Gläubigsein auf der Zunge schmeckt. Und es sollte jemand, um sich in der katholischen Publizistik hervorzutun, Katholiken schon gerne haben. Einige wenigstens.

Den Religionsjournalismus gibt es kaum noch. Nur noch wenige Tageszeitungen – zum Beispiel die «Neue Zürcher Zeitung» – veröffentlichen hin und wieder Texte auch von Theologinnen. Doch diese Texte erscheinen dann im «Feuilleton», getrennt vom Nachrichtenteil «unter dem Strich». Es ist hier kein Bemühen zu erkennen, theologische Standpunkte zur Erhellung der Aktualität zu verwenden. Wie es auch kein Bemühen zu geben scheint, zu innerkirchlichen oder innertheologischen Diskussionen Stellung zu beziehen. Die Auswahl dieser Texte und der externen Autoren durch die Feuilletonredaktion scheint dem Zufallsprinzip zu folgen, eine Kontinuität ist nicht erkennbar.

Gegen den Behauptungsjournalismus

Was ist guter Kirchenjournalismus? Es reicht nicht, sich eine Plakette mit dem V-Wort ans Revers zu heften. Auch die Unterscheidung zwischen kritisch und unkritisch ist wenig hilfreich. Müller beharrt auf dieser Unterscheidung und möchte einen guten, kritischen Journalismus von einer «pseudo-kritischen Hofberichterstattung» abgegrenzt wissen.

Doch selbst dort, wo nicht die eigenen Vorurteile das Mass der Dinge sind, selbst dort, wo dieser gute Journalismus auf «präzise wissenschaftliche, künstlerische o. ä. Massstäbe» Bezug nimmt, ist mit dem Wörtchen «kritisch» die Frage nicht beantwortet, sondern nur neu gestellt. Es müssten dann diese Massstäbe zur Diskussion gebracht werden.

Enzensberger kritisierte in den 1950er Jahren den redaktionellen Inhalt des «Spiegel» als «Sammlung von Storys und Anekdoten, Witzen, Vermutungen, Briefen, Spekulationen und maliziösen Bemerkungen». Kurz: Behauptungsjournalismus. Diesen Begriff benutzen die beiden praxiserprobten amerikanischen Journalismus-Theoretiker Bill Kovach und Tom Rosenstiel, so bezeichnen sie schlechten Journalismus. Dem stellen sie einen guten Journalismus gegenüber, der ein Journalismus der Verifikation sei. Die Wahrheit, das sei der Kern der journalistischen Arbeit, schreiben sie in «How to Know What’s True in the Age of Information Overload» (2011).

Was ist guter Kirchenjournalismus? Auch mit dem Verweis auf den Journalismus der Verifikation ist die Frage nicht beantwortet, sondern nur neu gestellt. Wie lassen sich Glaubenswahrheiten verifizieren?

Wer anfängt, mit der Stirnlampe der Vernunft Glaubensinhalte zu prüfen, muss erleben, wie es ihm vor den Augen zu flimmern beginnt. Der Schädel brummt, als hätte er sich in der Nacht zuvor dem Drogengenuss – Opium! – hingegeben. Die Vernunft hat als Werkzeug theologischer Erkenntnis ihre Bedeutung. Aber das Licht dieser Funzel reicht nicht sehr weit. Die Sphäre der Vernunft ist nur ein Erkenntnisort neben anderen, ein Gesichtspunkt neben anderen. Es gibt dann etwa auch noch «les raisons du coeur», wie Blaise Pascal sagen würde, es gibt auch noch das Glaubensgefühl. Genauer: Glaubensgefühle. Ein Plural. Man wird das eigene Gefühl nicht verabsolutieren wollen.

Der Kirchenjournalismus ist eben nicht einfach ein Bindestrich-Journalismus neben anderen. Kirchenjournalismus ist anders. Er unterscheidet sich von anderen Spielarten der Medienarbeit unter anderem dadurch, dass er sich nicht allein auf die Vernunft verlassen kann, um das bessere Argument zu finden. Wenn Glauben Nicht-Wissen ist, wie könnte denn ein Journalismus, der sich mit Glaubensfragen beschäftigt, auf sich auf die Kraft des Faktischen verlassen wollen? Sicher ist: Kirchenjournalismus ist nichts für Besserwisser.

Besonnene Berichterstatter

Es gibt in den Grundlagentexten des christlichen Glaubens, in der hebräischen Bibel, viele Geschichte von Propheten, die an der Zuhörerschaft vorbeireden, die unverstanden bleiben, und es wird berichtet von Heiligen, die sich auf hohen Säulen einrichteten, um der Menge zu entkommen. Doch diese Propheten und Säulenheiligen sind keine guten Rollenmodelle für Kirchenjournalisten. Kirchenjournalismus ist anders.

Kirchenjournalisten sollten sich nicht als Prediger, nicht als Propheten inszenieren. Und heilig sind sie schon gar nicht. Sie sollten von der hohen Säule der «Vierten Gewalt» herunterkommen. In den vielen Innenhöfen des Katholizismus herumgehen und Nachrichten hin- und hertragen. Hofberichterstattung. Und wenn man ihnen in dem einen Hof sagt: «causa finita!», sollten sie nicht aufgeben, sondern weitermachen. «Sine ira et studio!». Besonnen, unaufgeregt. Sie sollten ausdauernd unterwegs sein. Qualitätsjournalismus ist eine Ausdauerdauerdisziplin. Mit der Schnappatmung des Sonntagszeitungsjournalismus kommt man nicht weit.

Sie müssen herumgehen und sie müssen verstehen, dass gläubige Menschen dort, wo man sie auf ihren Glauben hin anspricht, mitunter empfindlich reagieren. Es kann nicht darum gehen, den Leuten ihren Kinderglauben auszutreiben, ihnen skurrile Formen der Heiligenverehrung auszureden, sie erziehen zu wollen. Kirchenjournalistinnen sind nicht Katechetinnen, nicht Anwältinnen, nicht oberste Richterinnen. Diese Berufsleute müssen sich damit begnügen Berichterstatter zu sein. Umhergehen und berichten. Beziehungen herstellen, Verbindungen knüpfen als Mediatoren, als Moderatoren. Ein Wort, in dem sich Spuren einer Verbindung mit Bescheidenheit erhalten haben. Intellektuelle Bescheidenheit. Unaufgeregtheit. Besonnenheit. Das vor allem.


Stefan Betschon | © S.B.
21. Dezember 2025 | 16:55
Lesezeit : ca. 14  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!