Stefan Betschon
Kommentar

Ein Verwirrspiel mit Fakten und Vermutungen

Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche sorgt wieder für Schlagzeilen. Das Bistum Basel soll abermals gravierende Fehler in der Aufklärung gemacht haben. Die Texte lassen altbekannte Beissreflexe erkennen. Doch diese Reflexe behindern die Aufarbeitung der Vergangenheit.

Stefan Betschon

Das Gegenteil des Recherchierjournalismus ist der Offenbarungsjournalismus. Wo Rechercheure Anstrengungen unternehmen, um der Realität nahezukommen, sitzen Offenbarungsjournalisten und Offenbarungsjournalistinnen da und schauen auf den Bildschirm. Sie betrachten die Medienrealität. Sie sitzen da und stellen sich vor, dass das, was sich ihnen zeigt, Realpräsenz sei.

Die Forschung muss weitergehen

«Doch nun zeigt sich» – das ist die Formel, mit der offenbarungsjournalistische Texte die Ausbeute ihrer Beobachtungen mitteilen. «Doch nun zeigt sich», so konnte man an Pfingsten in der «NZZ am Sonntag» (NZZaS) lesen, dass die Kirche sich schwertue mit der «Missbrauchsvergangenheit». Wie zeigt sich das? Es offenbart sich: «Offenbar», so die NZZaS, verweigere Bischof Felix Gmür die Herausgabe von Akten, die Hinweise auf neue Missbrauchsfälle enthalten könnten.

Bischof Felix Gmür
Bischof Felix Gmür

Für diese Akten interessieren sich die Historikerinnen der Universität Zürich, die seit 2022 dieses Thema erforschen. Im September 2023 haben sie der Öffentlichkeit erstmals Einblick in ihre Forschungsarbeit gewährt und eine Pilotstudie vorgestellt. Was sie herausgefunden haben, ist erschütternd. Sie fanden im Umfeld der katholischen Kirche ein «grosses Spektrum von Fällen sexuellen Missbrauchs».

Die Arbeit der Historikerinnen war damit aber noch nicht abgeschlossen, die Forschung soll weitergehen. Diese Forschung muss weitergehen. Das sagen Historikerinnen, das sagen die Bischöfe, das sagen Vertreter der Römisch-katholischen Zentralkonferenz, das sagen Ordensleute, Theologinnen und Theologen, Politiker. Das sagen Journalistinnen und Journalisten. Das sagt auch der Schreibende.

Doch nun zeigt sich: Die Arbeit stockt. Wie zeigt sich das? Es zeigt sich der Journalistin der NZZaS als Offenbarung. Nicht beim Lesen der Bibel, sondern beim Durchblättern des «Sonntagsblicks». Hier war am Sonntag vor Pfingsten zu lesen: Der Bischof verärgere die Historikerinnen. Es gebe Probleme beim Zugang. «Akteneinsicht verweigert». Das sei «empörend», schrieb der «Blick»-Journalist in einem flammenden Kommentar und forderte die Spitzen der Schweizer Politik zum Eingreifen auf.

Wie aus Wasser Wein wird

Was sagen die Historikerinnen? Nichts. Was sagt der Bischof? Nichts. Über einen Sprecher lässt er immerhin ausrichten: Die Zusammenarbeit mit der Universität sei vertraglich geregelt, und an diese Verträge halte man sich.

An dieser Stelle würde ein Recherchierjournalist aufgeben, doch für einen Offenbarungsjournalisten wird die Sache jetzt erst interessant. Denn ein paar Tage später offenbart sich ihm mit Blick auf den eigenen Artikel die unverhüllte Wahrheit mit ihrer ganzen Wucht: Was eben noch Vermutung war, jetzt ist es Fakt. Wasser hat sich in Wein verwandelt.

Das Verwirrspiel mit Fakten und Vermutungen gehört zum Boulevardjournalismus wie zum Bier der Schaum. Und die lärmigen Klick-Zähler, die in den Grossraumbüros dieser Redaktionen installiert worden sind, tragen wenig dazu bei, dass Nüchternheit und Besonnenheit sich ausbreiten könnten.

Düstere Vergangenheit

Mit der «Missbrauchsvergangenheit» tun wir uns alle schwer. Dass die Bischöfe, die das leidige Thema lange zu verdrängen suchten, dann aber doch die Archive für die Geschichtswissenschaft geöffnet haben, war ein richtiger und wichtiger Schritt. So wurden die Voraussetzungen geschaffen für eine Aufarbeitung der düsteren Vergangenheit. Es war vielleicht als Befreiungsschlag geplant, aber niemand schien es zu bemerken.

Pressekonferenz zur Missbrauchsstudie.
Pressekonferenz zur Missbrauchsstudie.

Als die Pilotstudie veröffentlicht wurde, übersahen fast alle Medienschaffenden den ersten Satz der Medienmitteilung, mit der die Universität die Publikation der Studie ankündigte: Es waren die Schweizer Bischöfe, die der Universität den Auftrag erteilten, die Geschichte des sexuellen Missbrauchs im Umfeld der römisch-katholischen Kirche in der Schweiz zu erforschen. Die Bischöfe und die hiesigen Ordensgemeinschaften und die Römisch-Katholische Zentralkonferenz.

Die aufwühlenden Ergebnisse der Studie waren Thema zahlreicher Medienberichte, die Auftraggeber der Studie blieben unerwähnt. Viele dieser Berichte erweckten den Eindruck, als hätten die Geschichtsforscherinnen belastendes Archivmaterial gegen den Widerstand der Bischöfe ans Licht gezerrt. Einige Journalistinnen und Journalisten haben sich so sehr in dieses Narrativ verbissen, dass sie bis heute davon nicht lassen können. Dieser Beissreflex behindert die Aufarbeitung der Vergangenheit.

Umfassende Reformen

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis aus der Pilotstudie war die, dass der sexuelle Missbrauch in der Kirche System hat. Es sind nicht einfach einzelne Männer, die Schuld auf sich geladen haben. Das Problem lässt sich nicht lösen, indem einzelne Schuldige abgeurteilt werden. Vielmehr braucht es umfassende Reformen.

Es braucht neue Vorgehensweisen bei der Auswahl und Ausbildung von Priestern und Seelsorgenden, es braucht neue Führungsstrukturen und es braucht Anpassungen beim Kirchenrecht. Indem einige Medienschaffende sich darauf versteifen, das Problem zu personalisieren, Schuldige namentlich zu benennen und vorzuführen, setzen sie sich über die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Pilotstudie hinweg. Das behindert die Aufarbeitung der Vergangenheit.

Dunkelmänner und Lichtgestalten

Der Offenbarungsjournalismus benutzt Fragezeichen, als wären es Ausrufezeichen. Die starre Textdramaturgie verlangt, dass vor den Dunkelmännern Lichtgestalten in Szene gesetzt werden. In der offenbarungsjournalistischen Gerichtsverhandlung folgt deshalb auf die Verlesung der Anklageschrift die Heiligsprechung der Märtyrerin. Es ist dies eine Journalistin, die im kirchlichen Umfeld tätig war, nun aber ihren Job verloren hat. Weil sie, so spekuliert die NZZaS, kurz davorstand, in aller Öffentlichkeit die Schuldigen des Missbrauchsskandals namentlich zu benennen und vorzuführen? Fragezeichen.

Die Journalistin sagt dazu – nichts. Ihr Arbeitgeber: nichts. Doch das will nichts heissen. Noch vor der nächsten Sonntagspredigt könnten sich die Vermutungen in Fakten verwandelt haben, die eine tragfähige Basis bilden für neue Vermutungen.

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Stefan Betschon | © S.B.
11. Juni 2025 | 12:00
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