Der Schyynhailig in einem Fasnachtsgottesdienst in der Elisabethenkirche Basel, 2017
Schweiz

D’Gryysel: «Wir ziehen die Kirche nicht systematisch durch den Dreck»

An der Basler Fasnacht haben sich ein paar Schnitzelbänkler mehr oder weniger aufs Thema Kirche spezialisiert. Wie es dazu kam, erzählen der Schyynhailig und D’Gryysel. Sein erster Auftritt als Pfarrer sei etwas Unerhörtes gewesen, sagt der Schyynhailig. D’Gryysel wählten ihre Bischofskostüme 2011 zur Zeit des Medienrummels um die Missbrauchsskandale.

Boris Burkhardt

«Myy Papa in Room/ bruucht kai Kondoom./ Yych find das denääbe;/ där spyylt mit syym Lääbe», war der erste Schnitzelbankvers, den der Schyynhailig 1992 drechselte. Für ihn war der Anlass, als Papst Johannes Paul II. damals den Menschen in Afrika erzählte, sie sollten auf Kondome verzichten, «während sie dort starben wie die Fliegen». «Darüber habe ich mich schaurig aufgeregt», sagt der Schyynhailig.

Katholischer Pfarrer war früher Aufreger

Wie alle Basler Schnitzelbänkler bleibt der Mann hinter der Larve unerkannt. Wichtig ist: Seit seinem Karrierebeginn 1992 trägt er als Kostüm die schwarze Soutane eines Pfarrers mit Monsignore-Hut und singt Verse über den Papst und die Kirche. Beides war vor 33 Jahren selbst im reformierten Basel ein grosser Aufreger.

Schon sein allererstes Publikum war erst einmal sprachlos. Das waren drei Koryphäen des Basler Schnitzelbanks, erinnert sich der Schyynhailig, die er seit einiger Zeit begleiten durfte. Eigentlich Trommler an der Basler Fasnacht, seit er sechs ist, lernte der Schyynhailig sie bei seinen Auftritten an Vorfasnachtsveranstaltungen kennen. Damals war er 29 Jahre alt. Sein Vortrag vor den dreien war gleichsam ein Test, ob er sich selbst als Schnitzelbanksänger eigne.

Eine ganze Clique Schyynhailige

Das Urteil habe gelautet: «Du musst singen. Aber ich weiss nicht, ob du damit in die Gesellschaft kannst.» Der Schyynhailig wollte das herausfinden. Die Reaktion seines ersten öffentlichen Publikums sei zunächst tatsächlich ein «Ou, ou, ou!» gewesen. «Nach drei Versen war aber das Eis gebrochen», sagt der Schyynhailig.

Der "Schyynhailyg", 2017
Der "Schyynhailyg", 2017

Auch das Kostüm an sich sei 1992 etwas Unerhörtes gewesen. Mit den Jahren habe er während der Fasnacht aber immer mehr «Pfarrer» auf der Strasse und im Publikum gesehen. Heute sind solche Verkleidungen keine Aufregung mehr wert – den Höhepunkt erlebte der Schyynhailig vergangenes Jahr, als die Seibi-Clique bei ihm anfragte, ob sie sich als Schyynhailige verkleiden dürften. Eine Stunde begleitete er sie und lief als einer von 112 Schyynhailige durch Basels Gassen: «Das hat mich sehr glücklich gemacht.» Einige der Schyynhailige begleiteten ihn sogar beim Schnitzelbank.

D’Gryysel in Bischofssoutanen

Seit 2011 ist auch die vierköpfige Schnitzelbankgruppe D’Gryysel in schwarzen Bischofssoutanen unterwegs, einer von ihnen als Ministrant mit rotem Talar und weissem Chorhemd. Die Kostüme enthalten mit Helm, Kettenhemd, Schwert und Schild auffällige Elemente, die an Kreuzritter erinnern. D’Gryysel gründeten sich im medialen Umfeld der Missbrauchsskandale. Anfängliche Namensideen seien etwa «Sakramänt» oder «Die Hailige» gewesen.

«Schnitzelbänke prangerten seit jeher Missstände und Ungerechtigkeiten an. Die Verbindung zu Geistlichen, die dem Volk und der Obrigkeit die Leviten lesen, lag daher nahe», sagen D’Gryysel. Mit ihrem Namen meinten sie aber «nicht ausschliesslich die (wenigen) schwarzen Schafe der Katholischen Kirche: Gryysel gibt es schliesslich in allen Gesellschaftsschichten.»

Wuchtig-kritischer Auftritt erwartet

Wer den Namen D’Gryysel höre, sind sie sich sicher, erwarte «eine wuchtige Darbietung mit kritischer Auseinandersetzung in unverblümter, jedoch immer rhetorisch versierter Wortwahl». Sie seien «jedoch immer sehr bestrebt, alle Seiten von Themen zu benennen, zu hinterfragen und zu kritisieren». Ein nettes Requisit ist die Miniaturorgel, die der Ministrant auf dem Rücken trägt und die einer der drei Bischöfe spielt. Der Ministrant und sein Vater bauten sie 2014 selbst.

Zuvor konfessionslos, liess sich der Schyynhailig vor rund 20 Jahren christkatholisch taufen. Die Wahl der Konfession fiel eher zufällig, weil er damals mit seinem Schnitzelbank-Kollegen und christkatholischem Pfarrer von Basel, Michael Bangert, befreundet war. Den Schritt zur Taufe habe er als geschiedener Vater vor allem seiner Kinder wegen getan: «Ich wollte ihnen ein Fundament mitgeben, damit sie sich frei entscheiden können.» Der christkatholische Pfarrer habe seine Figur spannend gefunden, fügt der Schyynhailig dazu und lacht: «Aber die christkatholische Kirche kam auch nie dran.»

Römisch-katholische Kirche im Spott-Visier

Ziel seines Schnitzelbank-Spotts sind in erster Linie die Institution der Römisch-Katholischen Kirche und ihr Klerus. Mit deftigen Versen etwa gegen Pädophilie und Homophobie will er kein Blatt vor den Mund nehmen. So dichtete er jüngst, er als Pfarrer beneide jeden Waggis, der Kindern Dääfeli (Bonbons) schenken könne, ohne dass sich jemand etwas Böses dabei denke, oder im Hinblick auf die Priesterkleidung: «Uf dr ESC han yy wirgligg kei Bogg./ Als Maa trait me aifach kai Rogg.»

Gierige Hände: Plakat einer Basler Schnitzelbank, 2024
Gierige Hände: Plakat einer Basler Schnitzelbank, 2024

Dabei geht der Schnyynhailig aber nicht zu sehr in institutionelle oder liturgische Details: «Ich bleibe bei den Mainstream-Kirchenthemen. Die Leute müssen sie ja auch noch verstehen.» Die ersten zehn Jahre hielt der Schyynhailig sein Konzept durch, alles aus Warte seiner Pfarrer-Figur zu betrachten. Weltpolitische Themen kommentierte er etwa aus dem Beichtstuhl oder von der Kanzel; ging es um Finanzen, verband er es metaphorisch mit der Kollekte.

CDs mit Beicht- statt Steuergeheimnissen

Als der Verkauf von CDs mit Steuergeheimnissen in Mode war, bot er etwa CDs mit Beichtgeheimnissen zum Verkauf an. Als Franziskus Papst wurde, fragte sich der Schyynhailig, wie lange sich dieser als «selbstkritischer, bescheidener» Mensch wohl gegen die konservative Kurie im Amt würde halten können.

D’Gryysel sehen die Verbindung zu ihren Kostümen nicht so eng und singen über alle Themen, ohne sie zwingend mit Kirche oder Religion in Verbindung zu bringen. Sie wehren sich gegen den Eindruck, sie würden die Kirche «systematisch durch den Dreck ziehen». Es gebe auch Jahre, in denen Glaube und Religion gar kein Thema seien: «Wir sammeln jedes Jahr Themen, die die Welt und die Gesellschaft bewegt haben. Kirchliche Themen passen natürlich sehr gut zu unserem Konzept, müssen aber nicht auf Gedeih und Verderb fester und alljährlicher Bestandteil unseres Programms sein.»

Religiöse Vielfalt in der Clique

Unter den Gryysel gibt es zwei Katholiken, einen Reformierten und einen Juden: «So gesehen ist die religiöse Vielfalt in unserer kleinen Gemeinschaft relativ gross.» Allerdings bezeichne sich heute keiner von ihnen als praktizierender Christ. D’Gryysel versichern dennoch: «Wir wollen niemanden in seinem Glauben oder seinen religiösen Gefühlen verletzen oder beleidigen.»

Basler Fasnachtslaterne "Blinde Macht", 2024
Basler Fasnachtslaterne "Blinde Macht", 2024

Missstände prangerten sie in jeglichen Religionen an, «etwa dann, wenn bei der Ausübung des Glaubens Menschenrechte missachtet werden». Grundsätzlich verträten sie aber die Ansicht, «dass jeder den persönlichen Glauben friedlich ausleben darf und soll». Dennoch gebe es «gelegentlich Leute, die unser Auftreten als alleinige Provokation gegen die Katholische Kirche wahrnehmen».

Während Corona als Friedhofstrommler aktiv

Der Schyynhailig bezeichnet sich trotz seiner Taufe als «nicht sehr religiös». Aber er sei fasziniert von Kirchengebäuden, die für ihn eine unglaubliche Energie ausstrahlten. Während Corona war er auch als «Friedhofstrommler» auf dem grössten Schweizer Friedhof, dem «Hörnli» in Basel, tätig: Er begleitete Cliquen-Mitglieder auf ihrem letzten Weg. Das tut normalerweise die ganze Clique, was ja aber in Zeiten des Lockdowns nicht möglich war.

«Diese Begleitung hat mich sehr berührt», sagt der Schyynhailig. Er spielte gewöhnlich das Stück «D’Ysebahn», das die Fahrt einer Dampflok imitiert. «Ich lud die Angehörigen ein, den Verstorbenen auf seiner letzten Reise zu begleiten», erinnert sich der Schyynhailig: «Jeder sollte sich in das Abteil setzen, in dem er mit dem Verstorbenen reisen wollte.»

Schyynhailig-Verse im Vatikan?

Seit einiger Zeit liegt der Schyynhailig auch in den vatikanischen Archiven. Zumindest stellt er sich das vor, nachdem er von der Katholischen Landeskirche Basel um die Übermittlung seiner Verse bat: Der Vatikan untersuche die Sicht auf die Katholische Kirche aus den Landesbräuchen heraus.

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Die Corona-Pandemie, deren Massnahmen der Schyynhailig skeptisch gegenüberstand, hat ihn jedoch verändert. Er merkt selbst, dass er sich seither von Kirchenthemen entfernt hat: «Die Spaltung der Gesellschaft beschäftigt mich sehr.» Weil er Themen nun auch aus anderer Warte betrachten wolle, reduziert er seine Auftritte als Schyynhailige zugunsten einer neuen Figur, mit der er diese Fasnacht zum ersten Mal auftreten will.

Nonnen als Schnitzelbänksänger

Als weiterer Basler Schnitzelbank mit Bezug zur Kirche treten «Nonnkonform» im Kostüm als Nonnen auf. Die vier Männer entschieden sich gegen ein Gespräch mit kath.ch, schrieben aber immerhin: «Wir Nonnen sind alle nicht religiös oder aus religiösen Überlegungen dazu gekommen, so aufzutreten, sondern suchten einen spannenden und vielseitig einsetzbaren Kontext. Da kamen wir darauf, dass es reizvoll sein könnte, als vier Nonnen mit Bärten aufzutreten. Bei unseren Themen suchen wir immer wieder nach kirchlichen Bezügen, um uns als Nonnen einzubeziehen.» (bob)


Der Schyynhailig in einem Fasnachtsgottesdienst in der Elisabethenkirche Basel, 2017 | © zVg
10. März 2025 | 12:00
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