Die Guggenmusik schränzt vor dem Hochaltar
Im Städtchen Laufen bei Basel hat der Fasnachtsgottesdienst eine lange Tradition. Diakon Christof Klingenbeck spricht vom lebensfreudigen Jesus, während der Kommunion spielt die Guggenmusik «Amazing Grace».
Boris Burkhardt
Hätte Jesus Fasnacht gefeiert? Diakon Christof Klingenbeck, Pastoralraumleiter Laufental-Lützeltal, hat diese Überzeugung – abgesehen davon, dass diese Frage rein hypothetisch und völlig anachronistisch ist. «Jesus hatte einen enormen Lebenswillen und eine enorme Lebensfreude. Bei Brot und einem Glas Wein redete und feierte er mit den Menschen aller Schichten», sagt Klingenbeck am Abend des Fasnachtssamstags zur versammelten Gemeinde in der Herz-Jesu-Kirche in Laufen im südwestlichen Baselbiet.
Gläubige kostümiert – Diakon nicht
Die Kirche ist sehr gross für ein Städtchen wie Laufen, aber voll wie sonst nur an Weihnachten. Der ganz in Holz verkleidete Altar steht weit vor dem Chor im Kirchenschiff und ist von drei Seiten von Bänken umgeben. Klingenbecks Gemeinde ist vielfach bunt kostümiert. Jung und Alt lauschen aufmerksam den Worten ihres Zelebranten.
Klingenbeck selbst ist nicht verkleidet, sondern trägt die Albe mit der diagonalen Stola – an seiner Brust jedoch die Laufener Fasnachtsplakette. Hinter ihm, im Chor vor dem Hochaltar, spielen die 37 Musiker der Guggenmusik Birsgugger ihre fetzigen Lieder, die sich im hallenden Kirchenraum mehrfach ohrenbetäubend zu einem wunderbaren Lärm brechen.
Liturgische Struktur
Seit 13 Jahren feiert Christof Klingenbeck in Laufen am Fasnachtssamstag einen Fasnachtsgottesdienst mit gereimter Predigt, Guggenmusik, Schnitzelbank, Fürbitte, Vaterunser und Kommunion. Der Gottesdienst war damals seine eigene Idee. Dass ein Pärchen junggebliebener Fünfziger verkleidet als Diskogänger aus den Achtzigern nach der Kommunion zur Guggenmusik tanzt, stört Klingenbeck im Gottesdienst überhaupt nicht. Eine liturgische Struktur brauche die Veranstaltung aber, das ist für Klingenbeck nicht diskutierbar.
Offizielle liturgische Vorgaben gibt es für Fasnachtsgottesdienste weder von der Schweizer Bischofskonferenz noch vom Vatikan. Wie oft an solchen Veranstaltungen wählt Klingenbeck als Lesung aus dem Alten Testament die Weisheit aus Prediger 3 «Alles hat seine Zeit», aus dem Neuen Testament die Geschichte aus Markus 2, in der Jesus in Kapernaum einen Gelähmten heilt, den seine Freunde zuvor auf einer Bahre durch das Dach ins Haus gehievt haben.
Als Jogger aus den 1980er Jahren verkleidet
Christine (48), Dado (38), Pop (50) und Regula (51) sitzen in der Bank in der dritten Reihe. Sie sind gemeinsam verkleidet als Jogger aus den Achtzigern mit knallbunten Trainingsanzügen und strohblonden Nena-Perücken. Sie sind pensionierte Birsgugger und jedes Jahr wegen Klingenbeck im Fasnachtsgottesdienst: «Christof ist ein wahnsinnig lieber. Ein ganz toller Pfarrer!», sagen sie begeistert über ihren Diakon.
David (50) und Michaela (49), die beiden Tänzer, waren vor fünf Jahren erstmals im Laufner Fasnachtsgottesdienst. «Extrem cool! So holt man die Menschen ab», sagen sie. David bezeichnet sich als gläubigen Katholiken und war bei der Kommunion. Michaela ist reformiert, fühlt sich aber dennoch wohl hier. Im Anschluss gehen sie auf die Fasnacht im Nachbarort Breitenbach.
Akustische Herausforderung
Die Birsgugger haben jüngst ihr Ehrenmitglied Jörg Heizmann verloren. Christoph Sarner spricht einige Worte über ihn – für ihn spielen sie sein Lieblingslied. Die Birsgugger begleiten seit Beginn an den Fasnachtsgottesdienst. Klingenbeck sagt, er habe zuvor einige Guggenmusiken in Laufen angefragt: Er habe sie nicht vom damals neuen Konzept, in einer Kirche zu spielen, überzeugen können. Die Birsgugger kannte er schliesslich persönlich.
Und für die Guggenmusiker ist es eine Ehre, Teil der beliebten Fasnachtsgottesdienste zu sein, wie Sarner gegenüber kath.ch erklärt. Akustisch sei es eine Herausforderung, in solch einem hallenden Raum zu spielen: «Die langsamen Lieder klingen sehr schön. Aber bei den schnelleren ist es sehr anstrengend, weil wir uns sehr zurückhalten müssen und den Takt doppelt hören.» Zur Kommunion spielen die Birsgugger das englische Kirchenlied «Amazing Grace» (Erstaunliche Gnade).
«Fasnacht bringt alle zusammen»
Vizestadtpräsident Mathias Christ darf auch am Ambo sprechen. Er widmet den diesjährigen Laufner Kulturpreis der Laufner Fasnacht. Über 700 aktive Fasnächtler gibt es in dem Städtchen. Ihnen allen dankt Christ für ihr Engagement, «gerade in Zeiten voller Unsicherheit». Fasnacht sei «ein Fest für alle, egal welchen Alters oder Standes», sagt er, «ein Spiegel der Gesellschaft: Fasnacht bringt alle zusammen».
In den Fürbitten weist Klingenbeck unter anderem darauf hin, dass Jesus gekommen sei für die Menschen, die nichts zu lachen hätten, und darauf, dass zum Frieden jeder durch seine Freundlichkeit ein bisschen beitragen kann. Wenn die Birsgugger spielen, hilft Klingenbeck seinen zwei jungen Ministrantinnen mit den Ohrenstöpseln.
«Viele Menschen beten derzeit für den Papst. Bei Trump hilft auch nur beten.»
Die Predigt gibts in Reimform und im Dialekt. Die eingangs erwähnten Aussagen über Jesus sind ein Teil davon. In anderen Strophen geht es um die grosse Kirchenpolitik – er hatte nach der Synode 2023 auf die Frauenordination gehofft –, um die grosse Weltpolitik – «Viele Menschen beten derzeit für den Papst. Bei Trump hilft auch nur beten.» – und um die lokalen Ereignisse – aufgrund eines Streits in der Laufner Gemeindeversammlung ums Geld verteilte der Diakon tatsächlich «Notgroschen» an die vorderen Reihen.
Gottesdienst vor dem Morgenstreich
Die Predigt hielt Klingenbeck bereits am Donnerstag im Nachbarort Wahlen, am Sonntag wird er sie in Kleinlützel gehalten haben. Beide Dörfer gehören zum Pastoralraum. Klingenbeck tauscht dann jeweils die lokalen Verse aus. In Laufen beginnt die Fasnacht erst mit dem Morgenstreich am Sonntag – der Fasnachtsgottesdienst ist also quasi die «Fasnachtsvigil».
Die Kollekte am Ausgang ist bestimmt für die Theodora-Stiftung: Sie bildet Clowns aus, die zum Teil schwerkranke Kinder im Spital besuchen. Das passt.
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