Der Westen und die Westkirche: Adrian Loretan zieht Bilanz
Die Abschiedsvorlesung von Adrian Loretan in der vollbesetzten Jesuitenkirche in Luzern war ein gesellschaftliches Ereignis mit viel Prominenz – und das Fazit eines Forscherlebens, das sowohl an der Universität als auch in der Schweizer Kirche Spuren hinterlässt. Loretan betonte den Beitrag, den die Kirchenrechtswissenschaft für die Freiheit in der katholischen Kirche und auch für die Entstehung der Menschenrechte geleistet hat. Zudem gab er den Namen seiner Nachfolgerin bekannt.
Francesco Papagni
Es ist nicht alltäglich, über fünfhundert Personen bei einer Abschiedsvorlesung zu sehen. Noch weniger alltäglich ist es, dass ein solcher akademischer Anlass in einer Kirche stattfindet. Dass die prächtige Jesuitenkirche gewählt wurde, hat einen profanen Grund: Die Universität Luzern platzt aus allen Nähten und konnte schlicht keinen genügend grossen Raum für den Abschied des Professors für Kirchenrecht und Staatskirchenrecht zur Verfügung stellen. Luzerner Hotels verfügen über solche Säle, diese wären aber zu teuer gewesen. Und schliesslich hat Adrian Loretan immer wieder in der Jesuitenkirche gepredigt.
Interdisziplinarität aus Berufung
Nach der Begrüssung durch die Dekanin der theologischen Fakultät, Margrit Wasmaier-Sailer, sprach Prorektor Bernhard Rütsche über die universitären Meriten des Geehrten: Adrian Loretan hat den interdisziplinären Dialog in einer Stetigkeit und Konsequenz betrieben, wie es selten vorkommt. Mit dem Basler Öffentlichrechtler Felix Hafner leitete er die sogenannten Engelberger Seminare, wo Studierende aus der juristischen und der theologischen Fakultät eine intensive, gemeinsame Lernerfahrung machen konnten. An der Universität Luzern gründete er das Zentrum für Religionsrecht, das bisher einzige interfakultäre Institut dort. Zudem hat Loretan viel dafür getan, dass es überhaupt zur Gründung einer Universität in Luzern kam.
Der Westen ist das Resultat der Westkirche
In seiner Abschiedsvorlesung betonte Loretan, dass der Westen, und damit meint er Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Menschenrechte, Ergebnis einer Entwicklung sind, die im für einige immer noch dunklen Mittelalter beginnt. Es ist die Kirchenrechtswissenschaft – nicht die Kirche, wie er sich beeilt anzumerken –, die eine rechtliche Systematik entwickelt, welche unter naturrechtlichen Vorzeichen steht. Die gottgegebene Vernunft ist die Seele des Rechts, so die naturrechtliche Überzeugung. Die mittelalterliche Kirche war eine Rechtsinstitution, die sich nach rationalen Prinzipien organisierte und einen Rechtskörper bildete.
Das mag als abstrakter Vorgang erscheinen, hatte jedoch massive konkrete Folgen, weil die Zünfte, die Städte und nicht zuletzt die in dieser Epoche gegründeten Universitäten die Kirche als organisatorisches Vorbild nahmen. Später wurde die Kirche mit ihrer entwickelten Verwaltung Vorbild für die neuzeitlichen Staaten. Deswegen kann Adrian Loretan gut begründet sagen, dass der Westen das Resultat der lateinischen Kirche ist, während sich der Osten mit der Orthodoxie anders entwickelt hat – die politischen Folgen lesen wir heute in den Nachrichten.
Die katholischen Ursprünge der Menschenrechte
Die Kanonistik, also die Kirchenrechtswissenschaft, bleibt auch in der frühen Neuzeit geistige Avangarde. Als Spanien und Portugal die «Neue Welt» entdecken und erobern, stellt sich die Frage, welchen rechtlichen Status die Menschen dort haben. Es war der Dominikaner Bartolomé de las Casas, der im 16. Jahrhundert die Antwort darauf gab: Die Eingeborenen hätten natürliche Rechte, sie dürften nicht versklavt und sollten respektiert werden. Diese menschenrechtlichen Überlegungen entstanden in einem katholischen Kontext und wirkten später in protestantischen Territorien weiter. Adrian Loretan will auf diese katholische Rechts- und Freiheitstradition aufmerksam machen, damit die Kirche heute diese wiederbelebt und weiterschreibt.
Viel Prominenz
Im Publikum sass der Basler Bischof Felix Gmür, der auch Grosskanzler der Theologischen Fakultät Luzern ist, die Bundesrichterin Julia Hänni, die das Schlusswort sprach, der ehemalige RKZ-Generalsekretär Daniel Kosch wie auch der jetzige Urs Brosi. Und natürlich einige Professorinnen und Professoren, nicht nur aus Luzern. Nach dem offiziellen Teil gab es einen Apéro riche im Lichthof des Regierungsgebäudes gleich neben der Jesuitenkirche.
Die Nachfolge von Adrian Loretan ist übrigens geregelt, wie der Emeritus selbst bekanntgab: Es ist seine ehemalige Assistentin Martina Tollkühn. Mit ihr übernimmt eine junge Wissenschaftlerin den Lehrstuhl für Kirchenrecht und Staatskirchenrecht, die das hiesige duale System nicht nur aus Fachbüchern kennt.
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




