«Der Pfarrer war doch kein guter Mensch»: «Tatort» über sexuellen Missbrauch morgen Abend
Der sexuelle Missbrauch in der katholischen Kirche hat es in den TV-Kultkrimi «Tatort» geschafft. Kommissar Thorsten Falke ermittelt morgen Abend im Todesfall eines pädophilen Priesters. Eine Betroffeneninitiative erhofft sich im Vorfeld der aktuellen «Tatort»-Folge eine Ermutigung für andere Missbrauchsopfer, sich Hilfe zu suchen.
Wolfgang Holz
«Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name» – der neue «Tatort» mit dem Titel «Schweigen»* beginnt schon fast wie ein Werbefilm der katholischen Kirche. Zumal viele kirchenferne Fernsehzuschauerinnen und Fernsehzuschauer heutzutage tatsächlich vielleicht gar nicht mehr recht wissen, wie das Gebet der Gebete geht.
Pädophiler Pfarrer verbrennt im Wohnwagen
Doch BKA-Kriminalermittler Thorsten Falke alias Wotan Wilke Möhring erschaudert beim Beten des «Vater unser» und fühlt sich gar nicht wohl. Am liebsten würde er die Kirchenbank, in der er gerade steht, gleich verlassen. In dunkler Vorahnung des Schrecklichen, das ihn da erwartet.
Indes – er besinnt sich erst mal eines Besseren. Schliesslich verbringt er nach dem Tod seiner Kollegin Grosz in der letzten «Tatort»-Folge eine Auszeit vom Polizeidienst im abgelegenen Kloster St. Joseph. Um wieder zu sich zu kommen. Um die bösen Träume über das Ableben seiner geliebten Kollegin auszublenden.
Megabeliebt bei Buben zwischen neun und 13
Allerdings: Neue Alpträume für den Kriminalermittler in Zivil lassen nicht lange auf sich warten. Denn der Pfarrer der Gemeinde, Wigald Otto (Hannes Hellmann), der im Kloster lebt und der vor allem bei allen Buben der Kloster-Jugendfussballmannschaft megabeliebt ist, verbrennt in der Nacht grausam in seinem Wohnwagen.
Als im Nachlass des Pfarrers sich in einem Keller zuhauf kinderpornografisches Material und neben Heiligenbildern eine Geisselpeitsche findet, fühlen sich Falke und seine örtliche Kommissar-Kollegin Eva Pötter (Lena Lauzemis) in dem Verdacht bestätigt, dass der Brand absichtlich gelegt worden sein könnte.
«Solche Schweine gehören nicht auf die Kanzel, sondern in den Knast.»
«Er war eben doch kein guter Mensch, der Pfarrer», reagiert Falke geschockt. Als er sich schliesslich offiziell in die Ermittlungen einklinkt und zig Dias von nackten Jungen im Alter zwischen neun und 13 durchschaut, wird ihm ganz anders. «Solche Schweine gehören nicht auf die Kanzel, sondern in den Knast», entfährt es ihm. Wobei er sich selbst als unreligiös outet.
Seriös und authentisch recherchiert
Der Tatort «Schweigen» arbeitet das Thema sexueller Missbrauch seriös und authentisch recherchiert auf. Während in früheren Tatort-Folgen zum Thema Kirche, wie etwa in der Folge «Tempelräuber» (2009), wo es um Priester mit unehelichen Kindern und ums Zölibat geht, nicht selten klerikale Klischees für süffisante Lacher am Rande sorgen, ist in «Schweigen» wirklich gar kein Platz für Humor.
Im Gegenteil. Der «Tatort» versinkt filmisch in einem permanent düsteren Halbdunkel. Man muss schon genau hinschauen, um die einzelnen Personen, Opfer, Täter und Ermittler, bei ihren Gesprächen am Tatort im Kloster St. Joseph zu folgen. Die Atmosphäre wirkt äusserst bedrückend, passend zum Thema.
Heiligenfiguren wie gespenstische Schemen
Genial ist die ständige Präsenz von Heiligenfiguren, Pietas und Kreuzen, die wie Requisiten im Bildhintergrund auftauchen. Sie wirken als religiöse Symbole allerdings plötzlich wie gespenstische Schemen angesichts des furchtbaren Falls des pädophilen Priesters – in dessen Hosen ohne Taschen seine jugendlichen Opfer greifen mussten.
Auch spielen die Vertreter der katholischen Kirche selbst keine rühmliche Rolle bei den Ermittlungen im Krimi. Der Generalvikar (gekonnt mysteriös von Sebastian Blomberg dargestellt), fährt als Dienstwagen zwar ein unschuldig weiss und modern wirkendes Tesla-E-Auto. Er weigert sich aber hartnäckig, aus fadenscheinigen Gründen, die Personalakte des pädophilen Priesters der Polizei herauszugeben.
Pädophiler Pfarrer wurde von ganz oben gedeckt
Erst auf einen Durchsuchungsbeschluss hin rückt er das Dossier heraus, «das keinerlei Hinweise auf Pädophilie enthält», wie Kommissar Falke frustriert feststellt. Die Akte ist frisiert – auf Anweisung von ganz oben, wie am Ende herauskommt. Der Priester wurde jahrelang gedeckt. Wobei an dieser Stelle noch nicht alles über den unglaublich pädophilen Sumpf in dieser Diözese verraten werden soll.
Daniel (Florian Lukas), eines der Missbrauchs-Opfer, der in jungen Jahren bei Messdiener-Treffen missbraucht wurde, setzt schliesslich zu einem Amoklauf an. Will er doch endlich wissen: «Warum ich»? Als ihm einer der mysteriösen Missbrauchstäter darauf mit böser Fratze entgegnet: «Weil ich dich begehrenswert fand», läuft es einem als Fernsehzuschauer kalt den Rücken runter.
Kirche ein «Scheissverein»?
«Bei diesem Scheissverein», zieht der unreligiöse Ermittler Thorsten Falke Bilanz zum Missbrauch in der katholischen Kirche, «geht es eben immer nur um die Macht. Dabei gehen die Menschen in die Kirche, weil sie an etwas glauben wollen – weil jeder Mensch in dieser Welt an etwas glauben muss.»
Dies erscheint durchaus ein plausibler Grund, um den Missbrauch in der katholischen Kirche zu erklären. Anzukreiden ist dem «Tatort» indes, dass er das Thema Missbrauch so absolut darstellt, dass an Positivem in Sachen Kirche nichts übrigzubleiben scheint. Gar nichts.
Die naiv wirkende Kommissarin und das Tischgebet
Leicht frauenfeindlich und despektierlich wirkt in diesem Zusammenhang, dass gerade Falkes Kommissar-Kollegin Eva Pötter als altmodisch und naiv dargestellt wird – weil sie unter anderem als gläubige Katholikin in ihrer Familie das Tischgebet pflegt.
Ansonsten ist der Fernsehkrimi wirklich sehr sehenswert. Man darf auf die Reaktionen der Kirche gespannt sein.
Der Missbrauchsbetroffene Matthias Katsch erhofft sich von der aktuellen Tatort-Folge eine Ermutigung für andere Betroffene, sich Hilfe zu suchen. Er rechnet auch mit mehr Beratungsanfragen bei der deutschen Betroffeneninitiative Eckiger Tisch. Katsch ist Sprecher des Vereins. Katsch, der die «Tatort»-Folge bereits sehen konnte, betonte, als Betroffener halte er sie für ausgesprochen gelungen. Sie kondensiere in einer nachvollziehbaren, fiktiven Handlung viele tausend Fälle sexuellen Missbrauchs durch Priester. Der im Film gezeigte Umgang der Vorgesetzten und Kollegen des Täters bildeten sehr gut ab, wie tatsächlich in der Vergangenheit mit diesen Verbrechen innerkirchlich umgegangen worden sei. Der Verein Eckiger Tisch setzt sich seit mehr als zehn Jahren für Opfer sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche ein und unterstützt sie durch Beratungsangebote, Aufklärungsarbeit und den Einsatz für angemessene Entschädigung. Katsch ist zudem Mitglied der bundesweiten unabhängigen Aufarbeitungskommission. (kna)Betroffeneninitiative rechnet mit Anfragen
*Die Tatort-Folge «Schweigen» ist morgen Abend, Sonntag, 1. Dezember, um 20.05 Uhr auf SRF1 zu sehen und um 20.15 Uhr in der ARD.
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