Schweiz

«Der Karsamstag passt besser zu mir als Ostern»

Als Journalistin hat Klara Obermüller Schweizer Kirchenthemen mitgeprägt. Am Karsamstag wird sie 80. Ein Gespräch über Tod, Leben – und Glück.

Raphael Rauch

Ignorieren wir mal das Thema Corona. Was ist für Sie schwieriger: Der Karsamstag – oder der 80. Geburtstag?

Klara Obermüller: Der 80. Geburtstag bedeutet: Jetzt bin ich wirklich alt. Er gibt mir ein Gefühl von Begrenztheit. Ein kleiner Aufschub, der jederzeit kippen und zu Ende sein kann. Das treibt mich um.

Sie sagen das mit einem Lächeln.

Obermüller: Solche Gedanken haben ja auch eine positive Seite. Das Alter ist ein Geschenk.

Und der Karsamstag?

Obermüller: Er ist ein Tag des Dazwischen, ein Tag der Erwartung: Der Karfreitag ist vorbei, aber wir haben noch nicht Ostern. Ostern ist erst im Werden, im Entstehen. Das ist ein Moment, den ich sehr schätze.

«Das ganze Leben ist doch ein einziges Werden.»

Vielleicht eignet sich der Karsamstag ganz gut für den 80. Geburtstag: Vieles ist schon geschehen. Aber vielleicht das Wesentliche noch nicht. Das ganze Leben ist doch ein einziges Werden, ein dauernder Wandel, nie abgeschlossen – und doch vergehend.

Ein besonderer Karsamstag in Ihrem Leben?

Obermüller: Ein Besuch in der Grabeskirche in Jerusalem: Wir haben gewartet und gewartet, bis endlich das erlösende «Christos Anesti!», «Christus ist auferstanden!» ertönte. Alle jubelten, die Kirche war ein einziges Flammenmeer.

Die Osternacht ist aufregender als der Karsamstag.

Obermüller: Der Karsamstag passt besser zu mir als Ostern. Im Karsamstag steckt der Zweifel, noch nicht die vermeintliche Gewissheit von Ostern.

Wenn schon während des Karsamstags und nicht erst abends in der Osternacht gepredigt würde: Was wäre eine gute Predigt?

«Ich würde über die Stimmung im Freundeskreis Jesu predigen.»

Obermüller: Ich würde über die Stimmung im Freundeskreis Jesu predigen: völlig hoffnungslos, verzweifelt und zweifelnd. Der Mensch, den sie für den Messias hielten, ist am Kreuz gestorben, er ist begraben worden und wird verwesen. Wer schon einmal an einem Sterbebett sass, kann das nachvollziehen. Da wird die biblische Erzählung ganz konkret. Ohne Dogmen, ohne ideologischen Überbau.

Der Karsamstag ist der Tag der Grabesruhe. Mögen Sie Friedhöfe? 

Obermüller: Nicht sonderlich. Ich gehe ab und zu zum Grab meines verstorbenen Mannes, Walter Matthias Diggelmann. Aber der Ort des Gedenkens ist meine Erinnerung, sind meine Gefühle. Die kann ich überall haben.

Welche Träume haben Sie für das nächste Lebensjahrzehnt?

Obermüller: Auf der einen Seite denke ich mir: Das war’s, jetzt passiert nichts grundlegend Neues mehr. Aber ich spüre auch etwas anderes: Lust auf ein Abenteuer, eine grosse Reise, neue Pläne, eine neue Freundschaft. Vielleicht sind das utopische Gedanken, aber sie gehören zum Lebendigsein.

Über welche Geschenke freuen Sie sich?

Obermüller: Über Telefon-Anrufe am Geburtstag, eine WhatsApp, eine Karte. Wenn jemand, der mir wichtig ist, meinen Geburtstag vergessen würde, würde mich das sehr schmerzen. 

Was macht Sie glücklich?

Obermüller: Ein Plätzchen möglichst weit oben in den Bergen. Ist ja egal, ob ich mit der Seilbahn hochkomme oder zu Fuss. Oben ausruhen und staunen – das ist Glück. 

Spätestens jetzt müssen wir über Corona reden. Was nervt Sie gerade am meisten?

Obermüller: Dass man keine Zeitung, kein Radio und keinen Fernseher aufmachen kann, ohne dass flächendeckend von Corona die Rede ist. Ich weiss, es ist wichtig, aber es gibt doch auch noch andere Themen.

«Die Gesellschaft steht vor den schwierigsten Herausforderungen der letzten 50 Jahre.»

Haben Sie keine Angst?

Obermüller: Nicht direkt Angst, denn mein Mann und ich leben ja seit bald einem Monat in Selbstisolation. Aber Sorgen mache ich mir schon: um Familienmitglieder, die erkrankt sind, über die Wirtschaft, die am Boden liegt, und über unsere Gesellschaft. Sie steht vor den schwierigsten Herausforderungen der letzten 50 Jahre.

Sie haben längere Zeit in Venedig verbracht, Ihr neues Buch handelt davon. Ist es nostalgisch?

Obermüller: Es schwingt natürlich eine Trauer mit, wenn ich daran denke, wie schwer diese Stadt, wie schwer ganz Italien von dieser Krise betroffen ist. Niemand weiss, wie man da wieder rauskommen soll. Gleichzeitig habe ich in Venedig etwas geübt, was ich jetzt gut gebrauchen kann: Stille, Abgeschiedenheit und die Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit.

Was machen Sie als erstes, wenn der Bundesrat die Empfehlungen lockert?

Obermüller: Einen Spaziergang am See entlang und ein Treffen mit Freunden.

Klara Obermueller, Journalistin, Schriftstellerin und Fernsehmoderatorin | © KEYSTONE/Walter Bieri
11. April 2020 | 11:04
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Klara Obermüller

Klara Obermüller wurde am 11. April 1940 in St. Gallen geboren und wuchs in Zürich auf. Sie arbeitete unter anderem für die NZZ, die «alte Weltwoche», wie sie sagt, und war Moderatorin der «Sternstunde Philosophie» des Schweizer Fernsehens. Mit Mitte Zwanzig trat sie aus der reformierten Kirche aus. Für die katholische Kirche interessiert sie sich beruflich wie privat: Sie ist mit dem ehemaligen Kapuziner-Pater und SRF-Religionsjournalisten Kurt Studhalter verheiratet, das Paar lebt in Männedorf ZH. Im April erschien von Klara Obermüller ein neues Buch: «Die Glocken von San Pantalon: ein venezianisches Tagebuch» (Xanthippe-Verlag Zürich).