Mariangela Wallimann-Bornatico stellt Preisträger des Prix Caritas vor | © Georges Scherrer
Schweiz
Mariangela Wallimann-Bornatico stellt Preisträger des Prix Caritas vor | © Georges Scherrer

Der Friedensprozess ist eine schutzlose Pflanze, die es zu pflegen gilt

Luzern, 29.6.17 (kath.ch) Der Prix Caritas 2017 in der Höhe von 10’000 Franken geht nach Kolumbien: Die Anwältin Luz Estela Romero und ihr Berufskollege Ricardo Esquivia durften den Preis am Mittwoch in Luzern entgegennehmen. Mario Gattiker, Leiter des Staatssekretariats für Migration, würdigte das Engagement der beiden als beispielhaft für das ganze Land.

Georges Scherrer

Kolumbien befand sich während fünf Jahrzehnten im Bürgerkrieg. Von den 48 Millionen Einwohnern mussten bis zu sechs Millionen Menschen als Binnenflüchtlinge ihren Grund und Boden verlassen. In ihrer Begrüssung der rund 600 Gäste im Luzerner KKL wies die Präsidentin von Caritas Schweiz, Mariangela Wallimann-Bornatico, darauf hin, dass der Bürgerkrieg mehr als 200’000 Tote gefordert habe. Ein Friedensabkommen zwischen der Regierung und der Guerilla vom vergangenen September habe die Situation beruhigt.

Ricardo Esquivia gehörte dem nationalen Friedensrat an. Er war zudem Koordinator der Menschenrechtskommission der evangelischen Kirchen in Kolumbien. Bevor er die Nichtregierungsorganisation «Sembrandopaz» gründete, arbeitete er als Universitätsprofessor in Bogotà.

Kein Vergeben ohne Veränderung

«Es gibt einen bestimmten Moment, in dem die Menschen merken, dass sich die Situation geändert hat. Dann sind sie bereit zu vergeben», sagte Ricardo Esquivia in Luzern. In Kolumbien sei man noch nicht ganz so weit. Es gebe noch viel zu tun. Die Bevölkerung beginne aber damit, ihre Proteste vorzubringen. Seine Organisation bilde die Bürger aus, damit sie den Friedensprozess fördern könnten.

«Man will mir anhängen, dass ich zur Guerilla gehöre.»

Das Land habe während des Bürgerkrieges unter einem System der Gewalt und der sozialen Ungerechtigkeit gelebt. Die Devise hiess: Macht, Besitz und soziale Privilegien können nur durch Waffen und Geld erlangt werden. Auch er selber habe Gewalt erfahren. «Man will mir anhängen, dass ich zur Guerilla gehöre. Ich habe eine solche Klage am Hals. Der Staat will sie nicht zurückziehen», sagte er.

Kein Friede ohne Geschlechtergerechtigkeit

Die Anwältin Luz Estela Romero leitet die feministische Menschenrechtsorganisation «Colemad». In Kolumbien seien besonders die Frauen diskriminiert. Ihr Anteil unter den Vertriebenen sowie jener der Kinder mache sechzig Prozent aus. Für die Menschen sei heute die Einforderung ihrer Rechte nicht einfach. Es fehlten die entsprechenden juristischen Instrumente. Ihre Organisation unterstütze die Frauen in ihrem Kampf bei der Wiedererlangung ihres Landbesitzes. Heute gehöre das Land lediglich einem Prozent der Bevölkerung.

«Der Preis gehört auch allen Frauen, die als Aktivistinnen mit uns arbeiten.»

Geschlechtergerechtigkeit sei im Land nicht gegeben. Für einen erfolgreichen Friedensprozess sei diese unabdingbar. Die Auszeichnung, die sie in Luzern erhalten habe, gehöre auch den «Frauen und Mädchen, die als Aktivistinnen mit uns arbeiten», so Luz Romero. Sie widme den Preis zudem all jenen Frauen, die «ihre Zeit, ihre Kraft und ihren Optimismus, also ihr Leben», für den Frieden und die Verteidigung der Menschenrechte einsetzten.

Raum für «legale» Pflanzen

Die Würdigung der beiden Preisträger kam Mario Gattiker zu. «Ich selber und auch die Schweiz haben Caritas sehr viel zu verdanken», sagte der Leiter des Staatssekretariats für Migration im Eidgenössischen Justizdepartement einleitend. Der Schweizer Staatssekretär nannte Caritas einen ganz wichtigen Partner bei der Umsetzung der Schweizer Politik. Er bedankte sich für die «konstruktive Kritik», die immer wieder von Seiten des Hilfswerks komme.

Ich selber und auch die Schweiz haben Caritas sehr viel zu verdanken.

Der Kampf der beiden geehrten Anwälte gelte als beispielhaft für ganz Kolumbien. «Wie unzählige ihrer Landsleute stellen sie sich der Gewalt entgegen», sagte Gattiker. Der Friede komme aber nicht über Nacht. Für diesen müssten Räume und Möglichkeiten geschaffen und nachhaltige Lösungen gefunden werden.

Gattiker wies als Beispiel auf die Situation der Kokabauern hin. Für diese müssten alternative Lebensgrundlagen gefunden werden. Dazu gehöre auch die technische und finanzielle Unterstützung beim Anbau «legaler» Nutzpflanzen.

«Menschliche Sicherheit»

Frieden gebe es nicht ohne Gerechtigkeit. Den aktuellen Friedensprozess nannte der Schweizer Staatsmann «gewissermassen eine schutzlose Pflanze, die gehegt und gepflegt werden muss». Der Einsatz der beiden Preisträger diene der Überwindung einer «Alltagskultur der Gewalt», die so in der Schweiz nicht bekannt sei.

«Allen rechtspopulistischen Parolen» gerade in der Asyl- und Flüchtlingspolitik zum Trotz «haben Schweizerinnen und Schweizer dieses Grundvertrauen in die staatlichen Strukturen und Behörden. Wir können deshalb kaum ermessen, welche gesellschaftliche Tragödie es ist, unter Bedingungen fehlender menschlicher Sicherheit leben zu müssen», so Gattiker in seiner Laudatio.

Preisübergabe im KKL: Mario Gattiker, Ricardo Esquivia, Luz Estela Romero, Caritas-Direktor Hugo Fasel (v.l.) | © Priska Ketterer/Caritas Schweiz
Preisübergabe im KKL: Mario Gattiker, Ricardo Esquivia, Luz Estela Romero, Caritas-Direktor Hugo Fasel (v.l.) | © Priska Ketterer/Caritas Schweiz
Feierliche Stimmung bei der Übergabe des Prix Caritas 2017 | © Georges Scherrer
Feierliche Stimmung bei der Übergabe des Prix Caritas 2017 | © Georges Scherrer
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