Eva-Maria Faber | © zVg
Schweiz
Eva-Maria Faber | © zVg

«Der Bettag lässt sich als ein aktuell bedeutsamer Feiertag entdecken»

Zürich, 7.9.17 (kath.ch) Der eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag hat eine sehr vielfältige Geschichte. Ihn heute zeitgemäss zu feiern, ist nicht ganz einfach. Eva-Maria Faber und Daniel Kosch haben sich darum mit einer grossen Anzahl Autorinnen und Autoren auf die Suche nach der heutigen Aussagekraft und dem Potenzial dieses Feiertags gemacht. Der neue Band «Dem Bettag eine Zukunft bereiten» erscheint kurz vor dem Feiertag, der am dritten Sonntag im September gefeiert wird.

Martin Spilker

Steht es um den Bettag so schlecht, dass es ein Buch braucht, um dessen Potenzial zu zeigen?

Eva-Maria Faber*: Im Gegenteil; ich persönlich jedenfalls lese und schreibe ein Buch am liebsten über lohnende und zukunftsweisende Wirklichkeiten! Es mag sein, dass manche sich mit dem Bettag schwertun; andererseits, und das zeigt unser Buch, gibt es seit einigen Jahren Initiativen, die den Bettag als einen aktuell sehr bedeutsamen Feiertag entdecken lassen.

Daniel Kosch**: Der Feiertag hat wohl bei vielen ein etwas verstaubtes Image – aber die Realität heutiger Anlässe ist vielfältig und die Geschichte des Feiertags spannend und aktuell. Die vielen Beiträge im Buch zeigen, der Bettag ist besser als sein Ruf.

Die vielen Beiträge im Buch zeigen, der Bettag ist besser als sein Ruf.

Besteht nicht die Gefahr, dass «Kreti und Pleti» am Bettag darauf hinweisen, wie wichtig er ist, dass alle diese Voten aber gleich wieder vergessen gehen?

Kosch: Kritische Rückfrage: Ist das nicht das Risiko eines jeden Feiertages? Auch auf die «Stille, heilige Nacht» folgt ein Alltag, in dem das «Oh du Fröhliche» rasch wieder vergessen ist. Umso wichtiger ist es, diese Feiertage «alle Jahre wieder» zu feiern – und damit den Alltag zu unterbrechen. Das braucht es auch, um sich immer wieder neu bewusst zu werden, dass es vieles gibt, wofür wir dankbar sein können, dass es aber auch Selbstkritik und Neuorientierung – der Busse – braucht. Und dass wir vieles nicht aus eigener Kraft vermögen – so, dass uns nur die Bitte bleibt, dass es uns geschenkt wird.

Faber: Das lässt sich bei keinem Gedenk- und Feiertag ausschliessen. Ich sehe es aber eher umgekehrt. Im gesellschaftlichen und politischen, ebenso wie im kirchlichen beziehungsweise religiösen Alltag meldet sich oft genug die Einsicht, wie dringlich es ist, über die Grundlagen unseres Lebens nachzudenken. Damit verbunden ist das Empfinden, dass diese grundsätzlichen Fragen viel zu oft zu kurz kommen. Wenn der Bettag für diese unterschwellig präsente Nachdenklichkeit vermittels eines religiösen Feiertags einen gesellschaftlichen Ort schafft, ist viel gewonnen.

Im Alltag meldet sich oft die Einsicht, wie dringlich es ist, über die Grundlagen unseres Lebens nachzudenken.

Vielleicht leben wir als einzelne Personen und als Religionsgemeinschaften durchaus in Haltungen wie Dankbarkeit, Selbstbesinnung und des Gebetes. Doch der Bettag ist ein Ort, wo diese Haltungen in die gesellschaftliche Öffentlichkeit treten können und wo die Religionsgemeinschaften ihre Praxis des Glaubens explizit und mit Nachdruck auf gesellschaftliche Kontexte beziehen. Auch in dieser Richtung gilt: Die politische Bedeutung religiöser Praxis bleibt allzu oft unterbelichtet; der Bettag gibt ihr einen Ort.

Die politische Bedeutung religiöser Praxis bleibt oft unterbelichtet; der Bettag gibt ihr einen Ort.

Die Vernissage und auch Teile des Buches sind interreligiös ausgerichtet: Könnte der Bettag auf politischer Ebene auch zum Konflikttag werden? Was wäre dann erreicht?

Faber: Wer streiten will, kann und wird überall und bei jedem Anlass streiten, mit oder ohne Bettag. Der Bettag kann jedoch eine Kultur fördern, die mit Unterschieden und Spannungen respektvoll und konstruktiv umgeht. Die zunehmend interreligiöse Ausrichtung des Bettags und auch unserer Vernissage entspricht dem Faktum, dass der Bettag ein staatlich angeordneter Feiertag ist, der darum der religiösen Pluralität in unserem Land gerecht werden muss. Wie in früheren Jahrhunderten kann der Staat, beziehungsweise können Kantonsregierungen der Einsicht folgen, dass die Religionen eine fruchtbare Rolle im Zusammenleben der Bevölkerung und in der solidarischen Verantwortung füreinander und für weltweite Zusammenhänge wahrnehmen.

Dieser Feiertag kann eine Kultur fördern, die mit Unterschieden und Spannungen konstruktiv umgeht.

Kosch: Sehr viele Menschen anerkennen heute, dass in allen grossen Religionen Werte wie Liebe, Toleranz, Versöhnungsbereitschaft, Gastfreundschaft und Sorge um das Gemeinwohl zentral sind. Diese Werte werden am Bettag mit konfessionellen, ökumenischen, interreligiösen oder auch religiös neutralen Anlässen oder Botschaften sichtbar und erfahrbar. Dass es auch Stimmen gibt, die stärker das Unterscheidende betonen, ist ebenfalls unbestreitbar. Wenn der Bettag Gelegenheiten schafft, diese Debatte mit der nötigen Ernsthaftigkeit und Sorgfalt zu führen, ist auch das ein Gewinn und allemal besser als Gleichgültigkeit.

Welchen Stellenwert hat der Bettag für Sie?

Kosch: Der Bettag ist für mich stark von Erinnerungen geprägt: Den stillen Ernst des Tages fand ich als Kind eher bedrückend, und der Bettagshirtenbrief war auch nicht gerade das, was den Gottesdienstbesuch für einen Primarschüler zum Erlebnis macht. Das eine oder andere Mal war ich am Bettag bei welschen Verwandten, wo es Zwetschgenwähe gab – als «Fastenspeise», die für mich aber ein Genuss war. Heute steht für mich etwas anderes im Vordergrund: Dass es einen staatlichen Feiertag gibt, der der Religion als solcher gilt – und nicht nur dem sozialen Nutzen, den sie stiftet. Das finde ich wichtig – auch für die Kirchen, die oft mehr von gesamtgesellschaftlichen Leistungen sprechen als von zentralen religiösen und zugleich urmenschlichen Vollzügen: Danken – für alles, was uns geschenkt ist. Büssen – für alles, was wir tun, obwohl wir wissen, dass es Schaden anrichtet. Beten – weil vieles Entscheidende nicht in unserer Macht steht.

Der Bettag ist für mich stark von Erinnerungen geprägt.

Faber: Als Schweizerin nicht infolge der Herkunft, sondern aufgrund von Entscheidung bin ich dankbar, nicht mehr «Fremde ohne Bürgerrecht» zu sein. Mir ist dabei neu aufgegangen, was der Vers im Epheserbrief 2,19 bedeutet: «Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes.» Gerade deswegen sehe ich mich in diesem Land, das auch «mein» Land geworden ist, in eine politische Verantwortung genommen. Christen und Christinnen teilen die «Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art». So steht es in der Pastoralkonstitution «Gaudium et spes» des II. Vatikanischen Konzils. Das wird für mich in der Schweiz konkret und hat für mich in der Schweiz politische Konsequenzen. Der Bettag bedeutet mir deswegen viel als konkrete Ausdrucksform dieser Solidarität und Verantwortung.

* Eva-Maria Faber ist Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Theologischen Hochschule Chur.
** Daniel Kosch ist Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz.

Zum Buch: «Dem Bettag eine Zukunft bereiten. Geschichte, Aktualität und Potenzial eines Feiertags» Herausgegeben von Eva-Maria Faber, Daniel Kosch. Theologischer Verlag Zürich TVZ. ISBN 978-3-290-20139-5.

Buchvernissage: 7. September, 18 Uhr, Rathaus, Zürich.

Daniel Kosch, Generalsekretär der Römisch-katholischen Zentralkonferenz RKZ | © zVg
Daniel Kosch, Generalsekretär der Römisch-katholischen Zentralkonferenz RKZ | © zVg
Bettagsfeier in Sempach, 2016 | © zVg
Bettagsfeier in Sempach, 2016 | © zVg
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