Das Lied der Reformation

Ältestes evangelisches Kirchgesangbuch der Schweiz

St. Gallen, 18.9.10 (Kipa) Die Reformation braucht Lieder. Das hat Luther erkannt, das haben auch die St. Galler Reformatoren gewusst. 1533 haben sie bereits ein Kirchengesangbuch herausgebracht, das erste auf dem Gebiet der heutigen Schweiz. Eine neue Edition macht dessen kulturhistorische Bedeutung bewusst.

Keine Revolution ohne zügige Märsche und Lieder. Sie erst bringen das breite Volk in Bewegung. Das gilt auch von der Reformation. Luther erkannte früh, dass der neue Glaube neue Lieder braucht. Und genau so hielten es auch die Reformatoren in St. Gallen, als sie 1533 bereits ein Kirchengesangbuch herausbrachten. Sie rückten damit von Zwinglis Zürcher Reformation ab, die die Orgeln abbrach und auch die Lieder aus dem Kirchenraum verbannte.

Stunde der Gefahr

Dass St. Gallen seinen eigenen Weg sucht, erklärt sich mit der prekären Situation, in der sich die Reformation damals befand. Diese hatten sich ja nur die Stadtrepublik und ein paar Gemeinden im Umfeld angeschlossen. Behaupten konnte sich die Reformation in St. Gallen zudem nur, weil man in Zürich einen mächtigen Verbündeten hatte.

Doch nach der Niederlage der Reformierten bei Kappel wurde alles anders. 1532 kehrte der zuvor vertriebene Fürstabt zurück. Da konnte niemand wissen, ob er nicht versuchen würde, die Stadt mit Zwang zum alten Glauben zurückzuführen; ähnlich wie es in den reformiert gewordenen Gemeinden des Fürstenlandes (St. Galler Klosterstaat von Rorschach bis Wil) geschah.

In diesem Augenblick der Gefahr war es für die Reformierten wichtig, die Reihen zu schliessen, sich Mut zu machen. Und dies konnte am besten im Lied geschehen.

Liedersammlung

Das erste Gesangbuch verdankt sich Dominik Zili, der sowohl als Lehrer als auch als Pfarrer an der Stadtkirche von St. Laurenzen wirkte. Dieser hatte schon 1527 die Schulkinder den 130. Psalm lernen lassen: «Uss tieffer not schry ich zu dir…» Dann sammelte er weiter, bis er ein Liederbuch mit 28 Liedern beisammen hatte; eines davon, die Nachdichtung von Psalm 37, hat allerdings allein schon 23 Strophen. Viele Lieder konnte Zili aus lutherischen Quellen beziehen, manche Melodien mit Nachdichtungen bereichert. Bei den Cantica aus dem Neuen Testament standen auch vorreformatorische Grundlagen zur Verfügung.

Aufschlussreich ist die inhaltliche Gruppierung der Lieder. Im ersten, längsten thematischen Teil finden sich 17 Psalmen; dann folgen ein Lied zu den zehn Geboten und die drei Cantica aus dem Neuen Testament. Der dritte Teil bringt Lieder zu den Hochfesten des Kirchenjahrs, der vierte besteht aus Liedern zum persönlichen Gebetsleben.

Lange verschollen

Die Existenz des Kirchengesangbuchs Dominik Zilis war der Fachwelt zwar bekannt, überlebte aber nur in einem einzigen Exemplar, das zudem ein Jahrhundert lang als verschollen galt. 1959 wurde es wieder entdeckt, jetzt aber erstmals einem breiten Interessenkreis zugänglich gemacht.

Initiant und Herausgeber ist der frühere sanktgallische Studentenpfarrer Frank Jehle. Er wurde auf das Werk aufmerksam, als er für das neue Historische Lexikon der Schweiz den Eintrag über Zili verfasste.

Tradition und Moderne

Das Kirchengesangbuch zeigt, dass die St. Galler Reformation einen eigenen Weg gegangen ist und nicht einfach im Schatten Zürichs gedieh.

Zum zweiten erweist sich auch, wie sehr sich die kirchenmusikalische Fragestellung von damals mit der heutigen vergleichen lässt. Dies sprach bei der Buchpremiere der reformierte Kirchenratspräsident des Kantons St. Gallen, Dölf Weder, an.

Für ihn zeigt das Kirchengesangbuch Zilis wie bedeutsam die Musik «als Gabe Gottes und Nahrung für die Seele» ist. Zili setzte bei der Tradition an und bereicherte sie mit neuen Erfahrungen, Auch in der heutigen Kirchenmusik gehe es um die Kunst, Tradition und Moderne, Anlehnung und Aufbruch miteinander zu verbinden.

Ein Buch also, das kultur- und kirchengeschichtliche Bedeutung hat. Wichtig darum, dass es Jost Hochuli als Buchgestalter gelungen ist, seinen Gehalt auch optisch aufzuschliessen. Das Buch ist in der Verlagsgemeinschaft St. Gallen erschienen; als Partner der Edition konnte der Theologische Verlag Zürich gewonnen werden.

Hinweis: Dominik Zili, «Zu Lob und Dank Gottes», VGS/TVZ.

(kipa/j.o./job)

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