Ist einer der fünf Heiligen für den Weltjugendtag 2027: Carlo Acutis.
Story der Woche

«Cyber-Apostel» Carlo Acutis ist noch kein Thema im Religionsunterricht

Vor rund vier Jahren wurde Carlo Acutis seliggesprochen. Seither hat sich weltweit eine Fan-Gemeinschaft gebildet, die den italienischen Teenager verehrt. In Katechese und Religionsunterricht ist das fromme Computergenie erst vereinzelt ein Thema. «Solange der kirchliche Prozess läuft, sollte man generell Vorsicht walten lassen», sagt Fachstellenleiter Othmar Wyss-Fent.

Barbara Ludwig

Kommenden Montag entscheidet Papst Franziskus über die Heiligsprechung von Carlo Acutis (1991-2006). Der italienische Jugendliche starb im Alter von 15 Jahren an Krebs. 2020 wurde er seliggesprochen. Anhänger aus aller Welt verehren ihn seither – als frommes Computergenie.

Schon als Kind beeindruckte Carlo durch eine tiefe Religiosität. So besuchte der Junge täglich die Messe und entwickelte eine ausgeprägte Liebe zur Eucharistie. Und er zeigte eine aussergewöhnliche Begabung für Informatik.

Verzeichnis von Wundern im Internet

Als 11-Jähriger begann Carlo Acutis, ein Online-Verzeichnis weitweiter eucharistischer Wunder zu erstellen. Auch die Luzerner Gemeinde Ettiswil ist aufgeführt mit einem Wunder, das sich dort 1447 ereignet haben soll.

Eine Frau und ein Mann fotografieren mit ihren Smartphones den Leichnam von Carlo Acutis in der Kirche Santa Maria Maggiore in Assisi am 3. Oktober 2020.
Eine Frau und ein Mann fotografieren mit ihren Smartphones den Leichnam von Carlo Acutis in der Kirche Santa Maria Maggiore in Assisi am 3. Oktober 2020.

In der Schweiz hat der fromme Jugendliche ebenfalls eine Fan-Gemeinschaft. Im Oktober 2020 gründeten Gläubige den Verein «Freunde von Carlo Acutis» mit Sitz in Näfels GL. Dieser will in Zusammenarbeit mit seinem italienischen Pendant und anderen Gruppen den Seligen und seine Spiritualität im deutschsprachigen Raum bekannt machen und für seine baldige Heiligsprechung beten, wie es auf der Webseite des Vereins heisst.

Vorbilder haben Platz im Religionsunterricht

Ist der fromme Jugendliche an der Schwelle zur Heiligkeit unterdessen auch in der Katechese und im Religionsunterricht angekommen? Kath.ch hat sich umgehört bei Leiterinnen und Leitern von Fachstellen in der Deutschschweiz. Die angefragten Stellen in den Kantonen Aargau, Luzern, Solothurn, St. Gallen und Thurgau haben sich bislang selber nicht mit Carlo Acutis befasst und kennen – bis auf eine Ausnahme – auch keine Katechetinnen oder Lehrpersonen, die den jugendlichen «Cyber-Apostel» im Unterricht thematisieren.  

Daniel Ritter, Leiter Fachstelle Religionspädagogik der Katholischen Kirche im Kanton Thurgau.
Daniel Ritter, Leiter Fachstelle Religionspädagogik der Katholischen Kirche im Kanton Thurgau.

Sie sehen jedoch Potential bei Carlo Acutis. Vorbilder – und zu diesen zählen die Heiligen – haben in den Lehrplänen für Religionsunterricht und Katechese ihren Platz.

«Vorbilder, sowohl religiöse als auch weltliche, sind ein wichtiges Thema unter dem Aspekt der Identitätsbildung. Inwiefern können uns andere Menschen ein Vorbild sein? Worin lassen wir uns von anderen Menschen leiten? Für manche Menschen kann Carlo Acutis ein Vorbild sein», sagt Daniel Ritter (53). Ritter leitet die Fachstelle Religionspädagogik der Katholischen Kirche im Thurgau.

Othmar Wyss-Fent (64) leitet die Fachstelle Katechese und Religionsunterricht im Bistum St. Gallen. Er betont, Lehrpersonen und Katechetinnen seien frei in der Auswahl der Menschen, die sie als Vorbilder behandeln. Es sei an ihnen, dabei den Bezug zur Lebenswirklichkeit und zur Aktualität herzustellen.

«Carlo Acutis ist viel näher am Leben von Jugendlichen dran als andere Heilige.»

Othmar Wyss-Fent, Fachstellenleiter in St. Gallen

Was Carlo Acutis aus seiner Sicht für den Religionsunterricht attraktiv macht, sei zum einen die Aktualität des Geschehens und zum andern die Jugendlichkeit des Protagonisten. «Ich kann mir vorstellen, dass Carlo Acutis ein prominentes Beispiel für Heiligkeit sein wird, weil er viel näher am Leben von Kindern und Jugendlichen dran ist als viele andere Heilige», sagt Wyss.

Othmar Wyss, Leiter Fachstelle Katechese und Religionsunterricht im Bistum St. Gallen.
Othmar Wyss, Leiter Fachstelle Katechese und Religionsunterricht im Bistum St. Gallen.

Die beiden Verantwortlichen wahren eine gewisse Zurückhaltung. Wyss geht davon aus, dass Carlo Acutis erst nach der Heiligsprechung in Religionsunterricht und Katechese grössere Bedeutung zukommen wird.

«Solange der kirchliche Prozess läuft, sollte man generell Vorsicht walten lassen, weil die Kirche eine Persönlichkeit anders beurteilen kann, als manche Gläubige sich dies wünschen», mahnt der Leiter der St. Galler Fachstelle.

Nicht nur ein frommes Leben führen

Ritter seinerseits kritisiert, dass mit Heiligsprechungen immer auch Kirchenpolitik betrieben werde. Er frage sich, ob ein Leben, wie es Carlo Acutis führte, tatsächlich als erstrebenswert dargestellt werden soll.

Er selber würde als Religionslehrer den «Cyber-Apostel» nur gemeinsam mit anderen Vorbildern zeigen. Der Fachstellenleiter will damit weder das Leben noch die Frömmigkeit des verstorbenen Teenagers in Frage stellen.

Fotos eines Plakats über Mutter Teresa, gestaltet von Schülerinnen und Schüler im Religionsunterricht.
Fotos eines Plakats über Mutter Teresa, gestaltet von Schülerinnen und Schüler im Religionsunterricht.

Aber: «Es kann nicht nur darum gehen, ein frommes Leben zu führen. Zum Vorbildsein gehört auch das diakonische Handeln», findet Ritter. Es sollten deshalb nicht nur fromme Menschen heiliggesprochen werden, sondern auch sogenannte Alltagsheilige – «Menschen, die den Alltag aus ihrem Glauben heraus lebten».

Ein Beispiel hierfür sei die Ordensgründerin Mutter Teresa von Kalkutta mit ihrem radikalen Engagement für die Armen. Zum Vorbild für Jugendliche taugen aus seiner Sicht nur Menschen, zu deren Leben auch Brüche gehören und die dadurch ein Stück weit auch «normal» seien.

«Vorbilder können motivieren, aber schliesslich muss ich meinen eigenen Weg finden.»

Daniel Ritter, Fachstellenleiter im Thurgau

Nie gehe es darum, das Leben eines Heiligen, eines Vorbildes einfach zu kopieren, so Ritter. Sondern immer nur darum, sich zu fragen: Was gefällt mir an verschiedenen Vorbildern? Was könnte auch für mich passen? Wohin geht mein eigener Lebensweg? «Vorbilder können motivieren, aber schliesslich muss ich meinen eigenen Weg finden.»

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Ritter hat von einzelnen Lehrpersonen und Katechetinnen gehört, die Carlo Acutis im Unterricht behandelten. Zu diesen wenigen zählt Regula Weber (50). Sie ist Katechese-Verantwortliche im Thurgauer Pastoralraum «Am See und Rhy», zu dem die Pfarrei Diessenhofen am Südufer des Hochrheins gehört.

Carlo Acutis wird in Diessenhofen verehrt

Im vergangenen Herbst hat Weber Carlo Acutis gemeinsam mit Dietrich Bonhoeffer, Hildegard von Bingen, Niklaus von Flüe, Nikolaus von Myra und Martin von Tours im Religionsunterricht für Primarschülerinnen und Primarschüler der sechsten Klasse behandelt.

Sie habe den Teenager hauptsächlich in den Unterricht integriert, weil er in der Pfarrei Diessenhofen sehr stark präsent sei. Die Pfarrei unterhält auch Beziehungen zum Schweizer Verein «Freunde von Carlo Acutis». Die Pfarrei habe 2021 eine Ausstellung über Carlo Acutis gezeigt und dazu einen Gedenkgottesdienst für ihn gefeiert, sagt Weber. «Darum war es mir wichtig, auch ihn als Vorbild zu präsentieren.»

Verschiedene Vorbilder kennenlernen

Gleichzeitig war ihr ein Anliegen, dass die Kinder verschiedene Vorbilder mit unterschiedlichem Wirkungskreis und aus verschiedenen Zeitepochen kennenlernten. «Es kann nicht sein, dass man ihnen nur das Vorbild zeigt, das der Pfarrei aktuell gerade sehr wichtig ist», sagt Weber. Je breiter ihr Wissen über Glaubensvorbilder, umso besser seien Kinder und Jugendliche in der Lage, auch selber im Glauben zu wachsen.

Fotos eines Plakats über Dietrich Bonnhoeffer, gestaltet von Schülerinnen und Schüler im Religionsunterricht.
Fotos eines Plakats über Dietrich Bonnhoeffer, gestaltet von Schülerinnen und Schüler im Religionsunterricht.

Webers Sechstklässler haben in Kleingruppen gearbeitet. Jede Gruppe konnte nach einer Einführung durch die Lehrerin selber entscheiden, mit welchem der sechs Vorbilder sie sich intensiver befassen wollte. Schliesslich gestalteten die Gruppen mit Bild- und Textmaterial Plakate zu Heiligen und Vorbildern, die zum Schluss während einigen Monaten im Pfarreiheim der Öffentlichkeit präsentiert wurden.

«Alle Menschen werden als Originale geboren, aber viele sterben als Fotokopien.»

Carlo Acutis

«Alle Menschen werden als Originale geboren, aber viele sterben als Fotokopien.» Diesen Leitsatz von Carlo Acutis habe sie ihren Schülerinnen und Schülerinnen mitgegeben. Er passe sehr gut zu Jugendlichen, sagt Weber. «Ich wünsche mir, dass sie aus etwas aus ihrem Leben machen können, irgendwann Gutes tun werden – und dies vielleicht im Bewusstsein ihres Glaubens.»


Ist einer der fünf Heiligen für den Weltjugendtag 2027: Carlo Acutis. | © Associazione Amici di Carlo Acutis
28. Juni 2024 | 06:00
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