Christoph Sigrist
Schweiz

Christoph Sigrist: «Bruder Klaus hatte eine ähnliche Wirkung wie Dalai Lama»

Der frühere Pfarrer am Zürcher Grossmünster befasst sich mit Bruder Klaus. In einem Briefwechsel holt er den Heiligen ins Heute. Im Podcast «Laut + Leis» erzählt Christoph Sigrist auch, was ihm das berühmte Gebet des Friedensstifters persönlich bedeutet.

Sandra Leis

Er ist ein Reformierter durch und durch und beschäftigt sich gleichwohl intensiv mit Bruder Klaus. Dem Mann, der 1947 von der römisch-katholischen Kirche heiliggesprochen wurde. «Als ich gemerkt habe, dass sich sogar Zwingli und Bullinger immer wieder mit Bruder Klaus auseinandersetzen, habe auch ich es getan», sagt Christoph Sigrist.

Niklaus von Flüe lebte im 15. Jahrhundert in Obwalden, war ein angesehener Bauer und Richter, hatte Frau und zehn Kinder und geriet schliesslich in eine grosse Lebenskrise. Mit fünfzig verliess er die Familie, wurde Einsiedler und Asket und war für viele Menschen ein wichtiger Ratgeber. Gemäss historischen Quellen ist es ihm zu verdanken, dass die damalige Schweiz nicht auseinandergebrochen ist.

Heute polarisiert Bruder Klaus

«Er konnte weder lesen noch schreiben und hatte trotzdem über Jahrhunderte eine grosse Wirkung in der Schweiz und in der Kirche», sagt Sigrist und zieht einen Vergleich zum Dalai Lama. Vor acht Jahren war Seine Heiligkeit im Zürcher Grossmünster zu Gast und auch im Hallenstadion. «Dort habe ich erlebt, wie die Masse auf Dalai Lama reagiert hat. Eine ähnliche Wirkung hatte Bruder Klaus.» 

Statue von Niklaus von Flüe.
Statue von Niklaus von Flüe.

Er sei eine Projektionsfläche gewesen – für Frieden, Authentizität und Tugendhaftigkeit. Er fasziniere wegen dieser Ausstrahlung, gleichzeitig polarisiere Bruder Klaus: «Wegen der ganzen Transformation weg von der patriarchalen Gesellschaft hin zu einer paritätischen, partnerschaftlichen Gesellschaft, wo er natürlich quer in der Landschaft steht», so Sigrist.

«Briefwechsel war wie ein Zauberwort»

In seinem Buch «Bruder Klaus von Flüe. Den Frieden schauen» wählt der habilitierte Diakoniewissenschaftler eine besondere Form: den Briefwechsel. Es schreiben einander Sophia, die älteste Tochter des Bruder Klaus, und Bruder Ulrich, der etliche Jahre als Einsiedler im selben Tal lebte und den Vater gut kannte.

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«Der Verlag wollte kein Libretto publizieren, sondern hat mich gebeten, einen fiktiven Briefwechsel zu schreiben», sagt Sigrist. «Briefwechsel war für mich wie ein Zauberwort, denn ich liebe Briefe.» 

Der Zweifel als Grundhaltung

Wissenschaftlich verbrieft ist, dass Bruder Klaus das Radbild als sein Buch bezeichnete und es meditiert hat. Und so macht es Sinn, dass das Radbild als Kapitelstruktur für den Briefwechsel dient.

Bruder Klaus hat das Radbild als sein Buch bezeichnet und es auch meditiert.
Bruder Klaus hat das Radbild als sein Buch bezeichnet und es auch meditiert.

Christoph Sigrist beginnt mit dem ganz kleinen Punkt in der Mitte, mit dem Zweifel. Tochter Sophia schreibt über Niklaus von Flüe: «Mein Vater war zutiefst ein Bündel Zweifel, einfach Zweifel.» Zwei Jahre lang habe er mit sich gerungen, ob er den Schritt in die Einsiedelei tatsächlich gehen und die Familie zurücklassen soll.

«Menschsein ohne Zweifel ist nicht möglich», sagt Sigrist im Podcast. Der Zweifel sei auch derjenige Punkt, der die Menschheit vorangetrieben habe. «Der Zweifel ist ganz existenziell wichtig, und ich halte nichts von einer Form des Glaubens, die den Zweifel ausschliesst.»

Frieden als Quadratur des Kreises

Der kleine Kreis im Radbild symbolisiert den Aufbruch von Bruder Klaus, und dann kommen die Speichen: Sie stehen für Gott. Der grosse Kreis ist die Politik, und schliesslich kommt das grosse Quadrat. Sigrist überschreibt das Kapitel mit «Frieden|Die Quadratur». Ist Frieden also fast unmöglich?

Friedensgebet in Sachseln.
Friedensgebet in Sachseln.

Geschrieben hat Sigrist den Briefwechsel im Sommer und Herbst 2023. Am 7. Oktober hat die Terrororganisation Hamas Israel brutal überfallen. «Ich habe Hühnerhaut bekommen, weil das Projekt, die Friedensarbeit von Bruder Klaus in einer modernen Art und Weise zu beschreiben, so hochaktuell geworden ist. Das Schreien der Sterbenden und der Geiseln war der Klang, in dem dieses Buch entstanden ist.»

Doch Aufgeben ist für Sigrist keine Option. Es sei unser aller Auftrag «von Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit» zu sprechen. «Wir werden ermutigt, immer wieder den Frieden zu entdecken angesichts der Bomben, die vom Himmel fallen.»

Gebet als Kompassnadel

Unabhängig von Religion und Konfession sei das berühmte Gebet von Bruder Klaus für viele Menschen zu einem Anker geworden, sagt Sigrist. Darin heisst es: «Liebendes Du, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir. Nimm alles von mir, was mich hindert zu dir. Gib alles mir, was mich fördert zu dir.»

Das berühmte Gebet von Bruder Klaus auf der Haut.
Das berühmte Gebet von Bruder Klaus auf der Haut.

Seit fünfzehn Jahren hat der Grossmünster-Pfarrer dieses Gebet jeden Sonntag im Gottesdienst in die Liturgie eingebaut. «Es ist für mich zur Kompassnadel geworden meines Arbeitens und Liebens.» Denn das Geheimnis jeden Lebens liege im Loslassen. «Gott ist kein Rätsel, das man enträtseln kann, sondern ein Geheimnis, das offen bleibt.»

«Klänge, die Sie so noch nie gehört haben»

Das vorliegende Buch ist die Grundlage für ein Oratorium, das im Grossmünster in Zürich uraufgeführt wird. Komponist ist der Blockflötist Hans-Jürgen Hufeisen. Sigrist und er sind ein eingespieltes Duo, haben sie doch schon Oratorien zu Ulrich Zwingli und Dietrich Bonhoeffer zur Aufführung gebracht.

Über die Zusammenarbeit mit dem Blockflötisten Hans-Jürgen Hufeisen sagt Christoph Sigrist: «Das ist ein Glücksfall.»
Über die Zusammenarbeit mit dem Blockflötisten Hans-Jürgen Hufeisen sagt Christoph Sigrist: «Das ist ein Glücksfall.»

Jetzt wird die Trilogie mit Bruder Klaus vollendet. Das Oratorium lässt noch eine weitere Seite des Friedensstifters erklingen. «Eine Dekonstruktion wird auch musikalisch vollzogen, indem das katholische institutionelle Moment gesprengt wird. Es entsteht eine interreligiöse Klangwelt. Da werden wir Klänge hören, die haben Sie so noch nie gehört», sagt Sigrist und strahlt über das ganze Gesicht.

Buch und Oratorium
Christoph Sigrist: «Bruder Klaus von Flüe. Den Frieden schauen», Patmos-Verlag 2024, 104 Seiten. Das gleichnamige Oratorium wird am 8. Dezember um 17 Uhr im Zürcher Grossmünster uraufgeführt.


Christoph Sigrist | © Sandra Leis
15. November 2024 | 09:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
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