Bischof Felix Gmür: «Demokratisch ist nicht synodal. Und ich bin froh darüber»
Der vierwöchige Gesprächsmarathon an der Weltsynode in Rom ist vorbei: Was haben die Synodalen erreicht, was ist nach wie vor offen, und wie geht es jetzt weiter? Diese Fragen diskutieren Bischof Felix Gmür und Helena Jeppesen-Spuhler in der neuen Folge des Podcasts «Laut + Leis».
Sandra Leis
«Wir haben eingefordert, was die Gläubigen auf der ganzen Welt in den Befragungen gesagt haben. Und da stand die Frauenfrage ganz oben», sagt Helena Jeppesen-Spuhler. Sie ist eine der 54 Frauen, die Papst Franziskus berufen hat, an der Synode teilzunehmen.
Ausdauer und Verhandlungsgeschick haben sich ausbezahlt. Im Schlussdokument, das der Papst sogleich bestätigt und veröffentlicht hat, steht geschrieben: «Es gibt keine Gründe, die Frauen daran hindern, eine Führungsrolle in der Kirche zu übernehmen. Was vom Heiligen Geist kommt, kann nicht aufgehalten werden. Auch die Frage des Zugangs von Frauen zum diakonischen Amt bleibt offen.»
Innerkirchlich ein Erfolg
Dieser Passus sei ein grosser Fortschritt, sagt Bischof Felix Gmür im Podcast «Laut + Leis». «Auch wenn der Papst gesagt hat, die Zeit sei noch nicht reif für das Frauendiakonat. Die Frauenfrage ist gereift, und mehr als Zweidrittel der Synodalen haben diesem Passus zugestimmt.»
Innerkirchlich ist das ein Erfolg. Doch ob das reicht, um die Frauen bei der Stange zu halten, ist zu bezweifeln. Vielleicht wird es eines Tages möglich sein, dass die Bistümer selber entscheiden dürfen, ob Frauen zu Diakoninnen geweiht werden oder nicht. Der Schlüssel dazu heisst Dezentralisierung.
St. Gallen als gutes Beispiel
Eine zweite Forderung ist die Mitsprache der Basis bei der Bischofswahl. «In der Schweiz sieht es ganz unterschiedlich aus, wie Gremien und Gläubige einbezogen werden», sagt Jeppesen. Sie plädiert für repräsentative Befragungen in verschiedenen Gruppen. Ein gutes Beispiel sei die aktuelle Vorgehensweise im Bistum St. Gallen. «So wird eine Bischofswahl synodaler.»
Keine Wahlkämpfe in der Kirche
Synodaler ja, basisdemokratisch nein. Bischof Felix jedenfalls möchte nicht wie ein Politiker alle vier Jahre vom Kirchenvolk gewählt werden. «Ich finde es gerade in unserer heutigen Zeit gut, dass es in der Kirche keine Wahlkämpfe gibt. Irgendein Thema oder ein Hype könnte ausschlaggebend sein für ein Ja oder Nein.»
Hinzu kommt, so Bischof Felix: «Demokratisch ist nicht synodal. Und ich bin wirklich froh darüber. Denn wir haben eine Richtschnur, und das ist die Botschaft von Jesus und nicht einfach nur der Wille der Mehrheit.» Ein solcher sei sehr gefährlich, zumal an vielen Orten dieser Welt die Mehrheit sozusagen abdrifte und Tendenzen unterstütze, die unbiblisch seien.
Kanadischer Bischof als Vorbild
Punkto Partizipation gibt es in der Weltkirche heute alles: Von Bistümern, in denen ein Bischof entscheidet und vielleicht eine weitere Person zu Rate zieht, bis hin zu Bistümern, in denen Transparenz ganz oben auf der Prioritätenliste steht.
Begeistert erzählt Helena Jeppesen von einem kanadischen Bischof, den sie an der Weltsynode in Rom kennengelernt hat: «Dieser Bischof unterzieht sich periodisch einem Assessment und macht die Ergebnisse publik.» Auch die Jahres- und Strategieplanung werde partizipativ erarbeitet. «Zudem präsentiert der Bischof jedes Jahr einen diözesanen Jahresbericht, um zu zeigen, wo das Bistum steht – welche Ziele die Bistumsleitung erreicht hat und welche nicht.»
Auch das Bistum Basel schreibt diverse Berichte, bezieht verschiedene Interessengruppen ein und hat eine Synodalitätsgruppe. Doch eines müsse man bedenken und da spreche er aus Erfahrung, so Bischof Gmür: «Ich merke, dass viele Leute diese Berichte gar nicht lesen. Wir müssen schauen, dass wir vor lauter Berichten und Kommissionen noch zum Arbeiten kommen.»
Pro und Contra zu Rügen aus Rom
Dass ein Bistum Rechenschaft ablegen muss, steht ausser Frage. Uneins sind sich die beiden Podcast-Gäste bei der Frage, ob beispielsweise die Schweizer Bischöfe, die im Zusammenhang mit Missbrauchsfällen eine Rüge aus Rom kassiert haben, diese Briefe offenlegen müssten.
«Ich bin zu hundert Prozent dagegen, dass jetzt jeder Brief veröffentlicht werden soll», sagt der Bischof. Über die Inhalte sei umfassend informiert worden. «Wir haben auf der einen Seite die Forderung nach absoluter Privacy und Datenschutz und auf der anderen Seite die Forderung nach absoluter Transparency. Das geht einfach nicht zusammen.»
Anderer Meinung ist Helena Jeppesen: «Gerade angesichts der Missbrauchskrise wäre ich zum Thema Transparenz und Rechenschaftspflicht möglichst offen. Ich sehe keine Gründe, wieso diese Briefe nicht publiziert werden sollen. Es geht darum, den Opfern gerecht zu werden.»
«Anfang einer neuen Ära»
Das Schlussdokument der Weltsynode ist in vielen Punkten offen formuliert. Das bietet Spielraum auf dem Weg zu einer synodaleren Kirche. Im jüngsten Newsletter der Schweizer Bischofskonferenz, der sogenannten «Epistola», heisst es dazu: «Der Abschluss der Weltsynode ist kein Schlusspunkt, sondern muss vielmehr den Anfang einer neuen Ära (. . .) markieren. Es liegt an uns zu handeln!» Mögen den Worten jetzt Taten folgen.
Vor einem Jahr zog Helena Jeppesen-Spuhler im Podcast «Laut + Leis» Zwischenbilanz zur Weltsynode.
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