China und wir
Die Volksrepublik China ist zu einer Supermacht geworden. Von ihrer Geschichte, von ihrem Denken nimmt der Westen erschreckend wenig wahr. Kürzlich widmete sich eine Veranstaltung in Zürich dem Verhältnis zwischen China und dem Westen. Der deutsche Philosoph Gerold K. Becker sprach über die unterschiedlichen Interpretationen von Menschenwürde und Menschenrechten. Der Sinologe Harro von Senger zeigte auf, dass West und Ost keine feinsäuberlich getrennten Kategorien sind.
Francesco Papagni
Ob wir wollen oder nicht, China ist zu einem grossen Thema geworden. Nicht nur das wirtschaftliche Gewicht des ostasiatischen Landes, auch das politische ist heute weltweit ein Faktor. Die Ladanyi-Verein mit Sitz in Zürich bemüht sich seit Jahren um ein besseres Verständnis Chinas. Kürzlich fand an der Zürcher Paulusakademie eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Verein statt: «East meets West».
Dana Sindermann, Leiterin des Fachbereichs Wirtschafts- und Sozialethik an der Paulusakademie, sagte gleich zu Beginn, worum es geht, nämlich um einen «Brückenschlag zwischen chinesischen und abendländischen Werten».
Kein ausschliesslich westliches Produkt
Die sogenannte Ladanyi-Vorlesung hielt der Experte Gerhold K. Becker. Der deutsche Philosoph verwies auf die unterschiedlichen China-Bilder in der europäischen Geschichte. Während Hegel (1770-1831) es als Schicksal Ostasiens sah, von Europa dominiert zu werden, sprach ein Jahrhundert früher Leibnitz (1646-1716) in seiner «novissima sinica» mit Hochachtung: Weisheit gebe es an zwei Orten in der Welt, in Europa und in China.
Die heutige politisch-kulturelle Diskussion dreht sich wesentlich um Menschenrechte und Menschenwürde. Die chinesische Regierung sieht darin eine Verabsolutierung westlicher Werte, wobei die Uno-Menschenrechtserklärung von 1948 kein ausschliesslich westliches Produkt war, denn ein Chinese aus Taiwan, Peng-chun Chang, hat wesentlich an der Formulierung mitgearbeitet. Auf seine Initiative geht auch der Verzicht auf die Anrufung Gottes zurück, damit die Erklärung auch für Kulturen ohne Transzendenzbezug akzeptabel sein könne.
Das Recht und die Macht
In der Geschichte Chinas gab es mehrere Versuche, Menschenwürde und –rechte zu rezipieren. In der aktuellen Verfassung von 2004 heisst es: «Der Staat respektiert und gewährleistet die Menschenrechte.» Bekanntlich sieht die Realität ganz anders aus: Tibeter, Uiguren und politisch Andersdenkende können sich nicht darauf berufen. Menschenrechtsanwälten droht jahrelange Haft. Es ist die Wirklichkeit in einer Diktatur, wo die verbindlichen Standards von der Parteipolitik, nicht vom Recht gesetzt werden.
Dennoch gibt es in China eine Diskussion über Menschenrechte und über die Rolle der Verfassung. Zhan Quaifang sieht diese klassisch liberal in der Begrenzung der Macht des Staates, während Cheng Duanhang die Verfassung als «Sakrament der Macht» bezeichnet, also eine Urkunde, die die Macht der kommunistischen Partei legitimiert und von jeder Kritik immunisiert.
Die Partei hat andere Prioritäten
Sehr wichtig ist in China die Tradition des Konfuzianismus, die eine eigene Tugendlehre umfasst. Auch kennt diese das Prinzip der Wechselseitigkeit: Anderen nicht antun, was man selbst nicht möchte. Menzius, ein Nachfolger von Konfuzius, schreibt: «Wer kein mitfühlendes Herz hat, ist kein Mensch.»
Allerdings ist der Konfuzianismus auch autoritätsgläubig. Wer herrscht, soll herrschen, die Untertanen sollen Untertanen sein. Während es auf kultureller Ebene sehr wohl Gemeinsamkeiten gäbe, an die ein echter Dialog anknüpfen könnte, hat die kommunistische Partei eine ganz andere Perspektive. Für sie ist staatliche Souveränität heilig, deswegen wird das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten hochgehalten. Das bedeutet auch, dass der Umgang mit Minderheiten nie zum Anlass für Kritik oder gar eine Intervention der Staatengemeinschaft genommen werden kann. Auch bei Völkermord nicht.
Vorrang wirtschaftlicher Rechte?
In der anschliessenden Diskussion unter der Leitung des Jesuiten Stephan Rothlin, der selbst in China tätig ist, trat der bekannet Sinologe Harro von Senger auf. Er zerpflückte das eindimensionale Bild des West-Ost-Gegensatzes. Die Partei ist marxistisch-leninistisch, ein europäisches Importgut. Auch der Begriff Souveränität ist westlich. China adaptiert westliche Versatzstücke – wahrscheinlich nicht die besten.
Mit Xi Jimping, dem jetzigen starken Mann, hat in China eine Wende zum verschärften Autoritarismus stattgefunden. Die Implosion der Sowjetunion war ein Schock für die Parteikader. Tatsächlich glaubten sie selbst nicht mehr an den Marxismus-Leninismus, deswegen wird diese Ideologie jetzt mit umso grösserer Vehemenz eingebläut. Von Senger zeigte Verständnis dafür, dass die chinesische Regierung die wirtschaftlichen Menschenrechte, zum Beispiel das Recht auf Nahrung und Entwicklung betont. Nur spielt sie die wirtschaftlichen Rechte gegen die politischen aus, und das ist nicht hinnehmbar.
Westliche Ignoranz
Nicht diskutiert wurde die Situation der Religionsfreiheit. Bekanntlich will die Partei alles kontrollieren, auch die katholische Kirche. Unter der Führung von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin wurde ein Abkommen zwischen dem Heiligen Stuhl und der Volksrepublik geschlossen. Der Inhalt ist nicht bekannt, aber es gibt Anzeichen, dass die Kirche der Partei gewisse Rechte zugestanden hat. Der oppositionelle Hongkonger Kardinal Joseph Zen hat das Abkommen als Selbstmord der Kirche bezeichnet.
Fazit: Wir wissen sehr wenig von China, während man in China alle Aspekte des Westens genau studiert. Können wir uns diese Ignoranz länger leisten? Es ist schwierig, dieses Land und sein Denken zu verstehen. Der Westen ist dringend auf Übersetzung angewiesen. Der Ladanyi-Verein, benannt nach dem ungarischen Jesuiten Laszlo Ladanyi (1914-1990), übt den Brückenschlag. Seine Arbeit ist ungeheuer wichtig in einer Zeit, in der China zu einer Supermacht geworden ist.
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