«ChatGPT ist kein brillanter Theologe»
Nicht jeder Priester ist zum Predigen geboren. Und Seelsorgende sind auch nur Menschen, die mal in Zeitnot sind oder sich erschöpft und unkreativ fühlen. Warum sollten sie also nicht für eine Sonntagspredigt ChatGPT konsultieren dürfen? Zumal heutzutage auch nicht jede rein selbstverfasste Predigt immer vor Glaubenseifer sprüht. KI sei mit Dir, also? Eine Theologin ordnet ein.
Wolfgang Holz
Frau Professorin Frey, kennen Sie Priester, die auf ChatGPT zurückgreifen, wenn sie Ihre Sonntagspredigt vorbereiten?
Regina M. Frey*:Ja, ich kenne Priester und generell Predigerinnen und Prediger, die ChatGPT für die Vorbereitung der Predigt einsetzen. Aber bislang kenne ich keinen, der seine komplette Predigt einfach von der KI schreiben lässt und diese dann vorliest. Oder: Vielleicht kenne ich einfach auch keinen, der es mir gegenüber so einfach zugeben würde…
«Im Prinzip gibt es in der Homiletik ja schon sehr lange die Tradition, dass man für seine eigene Predigt auch auf einzelne Gedanken anderer Prediger zurückgreift.»
Das wäre natürlich auch vorstellbar. Ist es denn theologisch verwerflich, ChatGPT für eine Predigt zu benützen, solange die Predigt gehaltvoll, interessant und ansprechend ist, oder wenn ChatGPT als Themenspender eingesetzt wird?
Frey: Im Prinzip gibt es in der Homiletik ja schon sehr lange die Tradition, dass man für seine eigene Predigt auch auf einzelne Gedanken anderer Prediger zurückgreift. Zum Beispiel sind die Predigten des Heiligen Augustinus oder von Papst Gregor dem Grossen in Sammelbänden veröffentlicht, und oftmals sind sie nicht nur ein guter Ausgangspunkt, um sich einem Bibeltext zu nähern, sondern die Bilder und Beispiele sind auch erstaunlich aktuell. Daneben haben auch Predigtzeitschriften wie etwa «Prediger und Katechet» eine sehr lange Tradition.
«Grundsätzlich helfen all diese Inspirationsquellen, um eine ‹klassische Predigerkrankheit› zu vermeiden: jeden Sonntag ungewollt wieder in sein Lieblingsthema zu fallen.»
Was sind das denn für Zeitschriften?
Frey: Das sind Zeitschriften, in denen man zum Beispiel zu jedem Sonntag zwei komplett ausformulierte Predigten findet, die man theoretisch einfach so vorlesen könnte, wie sie sind. Gerade für Predigerinnen und Prediger aus anderen Ländern kann das sprachlich und kulturell eine grosse Hilfe sein.
Und es gibt auch Homepages, die zu den Lesungstexten des Sonntags eine kurze biblische Auslegung sowie Anregungen zur Predigt bereitstellen. Grundsätzlich helfen all diese Inspirationsquellen, um eine «klassische Predigerkrankheit» zu vermeiden: jeden Sonntag ungewollt wieder in sein Lieblingsthema zu fallen. Und zu diesen Inspirationsquellen kann man grundsätzlich auch ChatGPT zählen.
Dann scheint ChatGTP also auf jeden Fall nicht völlig tabu. Thematisieren Sie in Ihren Homiletik-Seminaren und Vorlesungen das Thema KI und Sonntagspredigt, und was empfehlen Sie Ihren Studentinnen und Studenten zu diesem Thema?
Frey:: Als ChatGPT ganz neu verfügbar war, habe ich die KI verschiedene Predigten schreiben lassen. Diese habe ich dann in meinen Homiletik-Seminaren von den Studierenden bewerten und diskutieren lassen ohne zu sagen, dass es sich um eine KI generierte Predigt handelt.
«Eine KI-Predigt ist grammatikalisch korrekt, leicht verständlich, aber ihr fehlt das Persönliche.»
Der Tenor der Studierenden war damals immer ungefähr gleich: «Irgendwie ist es eine ganz ordentliche Predigt, aber auch nicht besonders originell oder aussagekräftig.» Inzwischen sind die Studierenden in der Lage, eine KI generierte Predigt von einer «normalen» Predigt zu unterscheiden. Daher diskutiere ich momentan gerne mit den Studierenden darüber, warum es so leicht ist, eine KI-Predigt zu erkennen. Und dabei kommen wir meistens zu dem Ergebnis, dass die Sprache einer KI-Predigt eben einem ganz besonderen Muster folgt: Sie ist grammatikalisch korrekt, leicht verständlich, aber ihr fehlt das Persönliche.
Stichwort: persönlich. Es gibt ja Theologen, die überzeugt sind, dass Künstliche Intelligenz durchaus in der Lage sei, Bibelauslegungen im Rahmen einer Predigt vorzunehmen, allerdings könne KI nicht verkündigen im Sinne einer persönlichen Predigt. Zielt Ihre Argumentation daraufhin ab?
Frey: Genau. Denn, wenn wir auch alle die gleiche Sprache sprechen, so ist es doch nicht dieselbe. Jeder Mensch hat eine ganz besondere, individuelle Art, zu sprechen und Sätze zu formulieren.
«Die Predigt ist nüchtern betrachtet zunächst einmal ein mündlicher Vortrag.»
Einer komplett KI-generierten Predigt merkt man an, dass ihr das Individuelle fehlt. Diese praktisch-explorative Ebene zeigt ein bisschen, was in meinen Homiletik-Seminaren und Vorlesungen essenziell ist: Es gibt keine «Musterpredigten», die so perfekt sind, dass man sie einfach nur immer wieder vorlesen braucht. Die Predigt ist nüchtern betrachtet zunächst einmal ein mündlicher Vortrag. Und um einen guten Vortrag halten zu können, braucht es rhetorische Fertigkeiten, die man kennen und lernen muss.
Was meinen Sie damit konkret?
Frey: Zum Beispiel, wie ich mit den Hörerinnen und Hörern gleich am Anfang verbal und non-verbal Kontakt aufnehmen kann, und wie ein Vortrag gut strukturiert werden kann. Aber selbst wenn ich das bei einer Predigt alles richtig mache, ein sprachliches Genie bin und bibelexegetisch alles korrekt ist, kann es meine Zuhörerinnen und Zuhörer immer noch kalt lassen. Predigt und Person lassen sich nicht voneinander trennen.
«Was ich in der Verkündigung sage, das muss einmal durch mich hindurchgegangen sein.»
Will heissen?
Frey: Das heisst: Die Gemeinde hört zusammen mit dem Inhalt der Predigt auch den Prediger oder die Predigerin. Predigt ist vor allem die mündliche Verkündigung des christlichen Glaubens durch eine glaubende Person. Wie «persönlich» der Predigende dabei wird, kann ganz unterschiedlich gehandhabt werden. Ich muss nicht immer mein ganzes inneres Glaubensleben vor allen anderen ausbreiten, damit meine Botschaft gehört wird. Manchmal ist dies sogar eher nicht zu empfehlen. Aber was ich in der Verkündigung sage, das muss einmal durch mich hindurchgegangen sein.
Sie meinen das rein intellektuell oder rein glaubenstechnisch?
Frey: Ich will damit sagen: Es ist nicht möglich, etwas zu verkündigen, was ich nicht glaube. Leider erlebe ich es viel zu oft, dass Predigerinnen und Prediger zwar kluge Worte finden, aber diese völlig resonanzlos an mir abgleiten. Ganz einfach deshalb, weil wir als Zuhörerinnen und Zuhörer intuitiv merken, ob jemand etwas wirklich meint, was er sagt.
«Wenn das in einer Predigt geschieht, dann ist es zweitrangig, ob ich für die Erstellung der Predigt Augustinus oder ChatGPT zu Hilfe genommen habe.»
Lieber rege ich mich über eine Aussage auf – dann bewegt sich nämlich etwas in mir – als den Sonntagsgottesdienst mit einer Flut an schönen Worten zu verlassen, die nichts in mir auslösen. Die älteste Form der Glaubensweitergabe im Judentum und im Christentum ist die mündliche Verkündigung von Mensch zu Mensch. Da erzählt jemand begeistert von seinem Glauben an Gott, und ich spüre, auch in mir regt sich eine Sehnsucht. Wenn das in einer Predigt geschieht, dann ist es zweitrangig, ob ich für die Erstellung der Predigt Augustinus oder ChatGPT zu Hilfe genommen habe.
Das klingt ja schon fast versöhnlich und liberal in puncto KI. Wie lautet Ihre Empfehlung in Sachen KI und Sonntagspredigt unterm Strich?
Regina Frey: Ich halte es da gerne mit Paulus: «Prüft alles und behaltet das Gute» (1 Thess 5,21). Ich weiss, dass eine Predigt oftmals am Rande von langen und anspruchsvollen Arbeitstagen entsteht oder man am Samstagabend mit Schrecken feststellt, dass die Predigt für morgen ja auch noch nicht fertig ist. Ich weiss aber auch, dass Predigten, die einfach nur per «copy and paste» vorgelesen werden, ihre Wirkung verfehlen.
Was raten Sie deshalb Predigenden?
Regina Frey: Ein gutes Vorgehen könnte so aussehen: Zuerst einmal die Lesungstexte vom kommenden Sonntag lesen und dies am besten schon zu Beginn der neuen Woche. Und dann ein bisschen damit «schwanger gehen», also im Alltag immer mal wieder darüber nachdenken. Dann wird sich auch zeigen, was davon immer wieder in meinem Kopf auftaucht und worüber es sich lohnt, zu predigen.
Und wenn ich dann eine ungefähre Idee habe, wohin es inhaltlich gehen könnte, dann einfach mal kreativ nach Inspiration suchen. Und warum dazu nicht auch ChatGPT fragen? Zum Beispiel gezielt nach der Auslegung einer Bibelstelle oder einem schönen sprachlichen Bild. Wenn das allerdings nach 15 Minuten keinen Ertrag gebracht hat, sollte man es auch wieder sein lassen.
«Vieles, was mit unseren persönlichen Glaubenserfahrungen, unseren Zweifeln und Alltagsfreuden zu tun hat, findet man nicht im Internet.»
Warum?
Frey: Weil ich immer im Hinterkopf haben sollte: Anders als Augustinus und Gregor der Grosse ist ChatCPT kein brillanter Theologe, sondern greift einfach nur auf all das Wissen zurück, das im Internet zu finden ist. Und vieles, was mit unseren persönlichen Glaubenserfahrungen, unseren Zweifeln und Alltagsfreuden zu tun hat, findet man nicht im Internet. Das findet man nur bei den Menschen, für die man am Sonntag seine Predigt hält.
*Prof. Dr. Regina M. Frey (39) ist Lehrstuhlinhaberin für Pastoraltheologie, Religionspädagogik und Homiletik an der Universität Fribourg. Sie stammt aus dem deutschen Krumbach, ist Virgo Consecrata im Bistum Fulda und studierte Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München sowie an der Pontifica Università Gregoriana in Rom. Studienbegleitend absolvierte sie eine Journalistenausbildung, arbeitete mehrere Jahre für verschiedene katholische und kirchliche Medien und schloss nach dem Studium eine Promotion in Pastoraltheologie in München ab. Derzeit arbeitet sie an einem Forschungsprojekt zu seelsorglichen Handlungsmustern während der Corona-Zeit.
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




