Causa Loppacher: Schasst das Bistum Chur seinen Präventionsbeauftragten?
Nach seinen provokanten Äusserungen steht der Präventionsbeauftragten des Bistums Chur, Stefan Loppacher, in der Kritik. Nur zwei der sieben Kantonalkirchen des Bistums stützen ihn. Seine öffentlich kommunizierte Abkehr vom Glauben und sein Bekenntnis zu seiner Partnerin irritieren Konservative. Eine potentielle Nachfolgerin wurde schon angefragt – und lehnte ab. Loppacher selbst ist überrascht und signalisiert Gesprächsbereitschaft.
Magdalena Thiele
Nicht erst seit der Veröffentlichung der Vorstudie zu den sexuellen und spirituellen Missbräuchen stehen die Schweizer Bischöfe in der Kritik. Zu wenig Aufklärung, zu wenig Prävention lautet der Vorwurf – und das, obwohl seit Jahren Transparenz versprochen wird.
Wachsender Widerstand gegen Loppacher
Mitten in der Krise brodelt es jetzt auch in den eigenen Reihen. Die kontinuierliche Kritik, die der Noch-Präventionsbeauftragte des Bistums Chur Stefan Loppacher in den vergangenen Monaten an der Kirchenleitung äussert, könnte Konsequenzen haben – für den Umgang mit Missbrauch, dessen Prävention und für Loppacher selbst.
«Es trifft zu, dass Stefan Loppacher im Nachgang zur Veröffentlichung der Vorstudie zu den sexuellen und spirituellen Missbräuchen in seinen öffentlichen Auftritten Irritationen ausgelöst hat. Einerseits hat er mit frontalen Angriffen auf Bischof Joseph in einer Sendung des TV SRF für viele Grenzen der Loyalität überschritten und andererseits mit seiner persönlichen Position zum Priestertum und zur Kirche im ‹Beobachter› irritiert», sagt der Präsident der Kantonalkirche Schwyz, Lorenz Bösch.
Einflussreiche Biberbrugger Konferenz geht auf Distanz
Und er steht mit seiner Kritik nicht alleine da. Nur noch zwei Kirchenvertreter drückten Loppacher beim letzten Treffen der einflussreichen Biberbrugger Konferenz, dem Zusammenschluss aller Kantonalkirchen im Bistum Chur, im November ihr Vertrauen aus. Das Votum des Gremiums ist entscheidend, schliesslich finanzieren die sieben Kantone gemeinsam die Präventionsarbeit.
Einer von Loppachers Unterstützern ist der Synodalratspräsident der Zürcher Kirche, Raphael Meyer. Meyer hat aufgrund der hohen Mitgliederzahlen einen grossen Einfluss in dem Gremium. «Es ist traurig, wenn jemand so mit Gott abgeschlossen hat», sagt Raphael Meyer.
Damit bezieht sich der Synodalratspräsident auf ein Porträt Loppachers, welche im Dezember im «Beobachter» erschienen ist. Die Äusserungen, die Loppacher dort getätigt hat, seien auch für ihn nicht leicht verdaulich. Allerdings sei eine besondere Frömmigkeit keine Voraussetzung für gute Präventionsarbeit. «Wir sind froh, dass wir mit Stefan Loppacher einen Experten haben. Ich denke nicht, dass seine private Situation einer Anstellung grundsätzlich im Weg gestanden wäre», erklärt Meyer.
Loppacher provoziert mit Klartext
Nach Veröffentlichung der ersten Studienergebnisse im September hatte Loppacher immer wieder klare Worte gefunden und damit kirchenintern auch provoziert. Bei einem TV-Auftritt im September prangerte er neben einem mangelhaften emotionalen Bezug zum Thema Missbrauch die nicht vorhandene Fehlerkultur in der Führungsetage der katholischen Kirche an.
Der 2006 geweihte Priester, der auch dem Fachgremium Sexuelle Übergriffe der Schweizerischen Bischofskonferenz vorsitzt, machte später seine langjährige Liebesbeziehung zu einer Frau publik und erklärte, selbst schon lange keine Messe mehr zu besuchen. Dass Bischof Joseph-Maria Bonnemain seit 2021 von diesen Umständen gewusst habe, hatte Kritiker zusätzlich empört.
Loppacher habe anfänglich als Priester und Theologe eine hohe Akzeptanz bei allen Akteuren im kirchlichen Umfeld gehabt, sagt Bösch, anders als seine Kollegen. «Leider hat diese Akzeptanz in den vergangenen Monaten erheblich gelitten.» Damit spielt Bösch auf die ehemalige Kollegin Loppachers, Karin Iten, an. Sie bezeichnet sich selbst als Agnostikerin und hat Umweltwissenschaften studiert. Ob deren Stelle, die seit Ende des Sommers vakant ist, neu besetzt wird, sei noch völlig offen, sagt Bösch. Aktuell sei auch eine externe Lösung für Präventionsarbeit im Gespräch.
Karin Iten: Kirche muss Loppacher ausdrücklich tragen
Iten selbst leitete elf Jahre lang die in der Deutschschweiz grösste Fachstelle zur Prävention sexueller Ausbeutung Limita. Nach ihrer Kündigung beim Bistum arbeitet sie für Swiss Olympic. Sie weiss, welche Gradwanderung der Job sein kann: «Systemkritik gehört neben viel konstruktiver Arbeit zwingend mit zur Aufgabe als Präventionsbeauftragte*r. Das ist unbequem – für alle Seiten, auch für Stefan», erklärt Iten.
«Es ist Aufgabe der Arbeitgeberin Kirche, Stefan in diesem Teil seines Jobs besonders und ausdrücklich zu tragen. Wenn aufgrund von Interviews eine prekäre Arbeitssituation geschaffen wird und gleich die Vertrauensfrage im Raum ist, dann zeigt dies, dass die Kirche nach wie vor eine Angstkultur kultiviert und nicht bereit ist für wirksame und ernsthafte Prävention.»
Keine Fundamentalopposition
Es gehe in der Debatte mehr um die Funktion als um die Person selbst, betont der Vorsitzende der Biberbrugger Konferenz, Thomas M. Bergamin. Nach dem Ausscheiden Itens sei zwangsläufig die Frage zu stellen, ob einer allein diese Position ausfüllen kann. «Es ist nicht der Fall, dass sich seitens der Körperschaft eine Fundamentalopposition gegen Stefan Loppacher gebildet hat», sagt Bergamin. Er fügt aber hinzu: «Allerdings verwehre ich mich dagegen, dass der Arbeitnehmer fortan die Arbeitsbedingungen diktiert.»
Von der Diskussion um seine Person bisher ausgeschlossen bleibt der Präventionsbeauftragte Loppacher selbst. «Das ist neu und überraschend für mich», sagt er auf die Kritik angesprochen. «Die Biberbrugger Konferenz und die Bistumsleitung haben sich bisher mir gegenüber nicht in diesem Sinne geäussert.» Er sei selbstverständlich offen für Gespräche und Diskussionen und habe auch Verständnis dafür, «wenn einige meiner öffentlichen Aussagen in den letzten Monaten auch kritische Reaktionen hervorgerufen haben.»
Potentielle Nachfolgerin angesprochen
Gespräche werden bald stattfinden heisst es allerseits. Darauf wollen aber offenbar nicht alle Beteiligten warten. Zwischenzeitlich wurde auch die Präventionsbeauftragte des Nachbarbistums St. Gallen, Dolores Waser Balmer, angesprochen, ob sie die Aufgaben von Stefan Loppacher übernehmen könnte. «Es gab eine Anfrage, die ich ablehnte», bestätigt die gelernte Kinderkrankenschwester. «Ich schätze die professionelle und wichtige Arbeit von Stefan Loppacher sehr und habe sehr grossen Respekt davor – ganz besonders in den letzten vier Monaten.»
RKZ steht hinter Loppacher
Loppacher profitiert neben der Loyalität seiner Kollegin auch von der Tatsache, dass er zwei Auftraggeber hat: zur Hälfte arbeitet der Theologe und Kirchenrechtler für die drei nationalen Organisationen Bischofskonferenz, RKZ und KOVOS. Auf deren Unterstützung kann er noch setzen. «Das Präsidium der RKZ hat wahrgenommen, dass die Medienarbeit von Stefan Loppacher seit dem 12. September 2023 polarisiert hat: Was die einen als notwendigen Klartext in der Vertrauenskrise begreifen, stellt für andere eine Verletzung der Loyalitätspflicht gegenüber dem Arbeitgeber dar», erklärt RKZ-Generalsekretär Urs Brosi und betont, «das Präsidium schätzt die Arbeit, die Stefan Loppacher auf der nationalen Ebene leistet.»
Loppachers zweiter oberster Chef, der Bischof von Chur Joseph Maria Bonnemain, schweigt momentan zur Personalie. Per SMS teilte er kath.ch mit: «Wie dies in der letzten Dualen Herbstreflexion der Biberbrugger Konferenz betont wurde, hat die Prävention im Bistum weiterhin höchste Priorität.» Über Details spreche der Bischof aber nur mit den entsprechenden Personen und Institutionen und nicht in den Medien, ergänzt seine Kommunikationsbeauftragte.
Und auch die Biberbrugger Konferenz, an der Bonnemain seit 2011 als ständiger Gast teilnimmt, wird das Thema Missbrauchsprävention weiter beschäftigen. Schliesslich sei Prävention eine permanente Aufgabe, betont der Vorsitzende Thomas M. Bergamin. Um diese Aufgabe angemessen zu erfüllen, müssten genügend Kapazitäten zur Verfügung stehen. Er selbst präferiere im Übrigen eine externe Lösung, um künftig Loyalitätskonflikte zu vermeiden.
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