Bischof Jean-Marie Lovey
Schweiz

Bistum Sitten verschwieg vorsorgliche Massnahmen gegen mutmasslichen Missbrauchstäter

Ein Priester der Diözese Sitten wird beschuldigt, zwei Buben in den 1990er Jahren sexuell missbraucht zu haben. Sein Rekurs gegen die Entlassung aus dem Klerikerstand ist in Rom hängig. Das Bistum Sitten verhängte gegen den Priester zwar Massnahmen, informierte aber die Pfarreien erst zwei Jahre später. Nun soll ein Priester den Fall untersuchen.

Maurice Page, cath.ch /Adaption: Regula Pfeifer

Dem pensionierten Priester werden sexuelle Handlungen an zwei Brüdern im Kindesalter vorgeworfen, die dieser Anfang der 1990er Jahre im Wallis begangen haben soll, wie die Westschweizer Tageszeitung «Le Nouvelliste» schreibt.

Die Taten hat der Priester also etwa vor 30 Jahren verübt. Doch erst vor wenigen Jahren wurden sie durch eine Klage zur Anzeige gebracht. Die Justiz untersuchte daraufhin den Fall, doch da die Taten verjährt waren, stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren 2021 ein.

Kirchlich Verurteilter legt Rekurs ein

Die von der Diözese durchgeführte kirchliche Untersuchung führte zur Verurteilung des Priesters. Ein Antrag auf Entlassung des Priesters aus dem Klerikerstand wurde gestellt. Dem gab Rom statt.

Der Mann legte einen ersten Rekurs ein, doch Rom bestätigte den Entscheid. Daraufhin reichte er eine zweite Beschwerde ein, in der er sich laut Informationen des «Nouvelliste» auf Verfahrensfehler berief.

Bis zum heutigen Tag ist der Fall in Rom hängig. An der Pressekonferenz am 13. September in Sitten informierte die Diözese über diesen Fall und wies darauf hin, dass dies der einzige Fall eines hängigen Verfahrens gegen einen Priester ihres Bistums sei.

Vorsorgliche Massnahmen nicht kommuniziert

Angesichts dieses mutmasslich übergriffigen Priesters entschied sich die Diözese Sitten nach der Anzeige zunächst für Diskretion. Sie informierte die Pfarreien und Gläubigen nicht offiziell über die vorsorglichen Massnahmen und das laufende kanonische Verfahren.

Doch obwohl die Klage kirchenrechtlich noch hängig ist, ergriff die Diözese vorsorgliche Massnahmen gegen den Mann. Offiziell darf er bei keiner kirchlichen Veranstaltung mehr zelebrieren, konzelebrieren oder sonst mitwirken. Dies gilt für Messen ebenso wie für karitative oder soziale Treffen. Laut dem Priester Vincent Lafargue, einem ehemals engen Vertrauten des angeklagten Priesters, hielt sich dieser nicht an diese Massnahmen.

Im Juli wurden Diözesanpriester informiert

Alarmiert über diese Information drohte Bischof Jean-Marie Lovey drohte dem ehemaligen Pfarrer zunächst, dessen Namen kirchenintern zu verbreiten. «Da er keine Veränderung sah und an die Opfer dachte, die ihn bei Veranstaltungen sehen könnten, wurde sein Name schliesslich Anfang Juli 2023 vertraulich an die Priester der Diözese weitergegeben», erklärte Generalvikar Pierre-Yves Maillard dem «Nouvelliste».

Das war zwei Jahre, nachdem das Bistum einschränkende Massnahmen gegen den beschuldigten Priester verhängt hatte. Zu spät? «Wir haben viel darüber gesprochen, aber die Vorschriften lassen einen Interpretationsspielraum offen», sagt der Generalvikar. Er betont auch, dass die Diözese ein Rechtsgutachten eingeholt hat und dass der Mann die Kirche wegen Verleumdung oder übler Nachrede verklagen könnte, wenn Rom seinen Rekurs annimmt.

«Ich kann aber durchaus verstehen, dass wir das schon früher hätten tun sollen», so Maillard. «In diesem Sinne bin ich dankbar für die Vorwürfe, die uns gemacht werden.» Sein Fazit: «Wir müssen nicht nur die direkten Opfer stärker in unsere Überlegungen einbeziehen, sondern auch all jene, die indirekt von dem Fall betroffen sind und sich verletzt fühlen könnten, wenn sie diesem Mann begegnen.»

Bischof Lovey leitet neue Untersuchung ein

Nach der medialen Verbreitung des Falls kündigte Bischof Jean-Marie Lovey am 21. September an, eine Voruntersuchung über die Behandlung des Falls durch die Diözese in Auftrag geben zu wollen. «Das kanonische Recht verlangt von uns, dass eine solche Untersuchung von einem Priester durchgeführt wird. Aus Gründen der Glaubwürdigkeit wird dieser jedoch völlig unabhängig von der Diözese Sitten sein», sagte der Bischof.


Bischof Jean-Marie Lovey | © Jacqueline Straub
23. September 2023 | 15:30
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