Annalena Müller
Kommentar

Bistum Sitten: Die Kirche beginnt aus ihren Fehlern zu lernen

Bischof Jean-Marie Lovey lässt die Missstände im eigenen Bistum extern untersuchen. Der Schritt zeigt: Die Kirchenoberen sind bereit, aus ihren Fehlern zu lernen. Medien und Öffentlichkeit spielen in diesem Prozess eine wichtige Rolle, schreibt Annalena Müller in ihrem Kommentar.

Annalena Müller

Bischof Jean-Marie Lovey musste seit September viel Kritik einstecken – auch von kath.ch. Nun zeigt sich: Der öffentliche Druck ist nicht einfach verhallt. Der Sittener Bischof hat eine externe Untersuchung in Auftrag gegeben. Das ist ein erster Schritt, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.

Medien und Kirche: Es ist kompliziert

Medien und Kirche haben keine einfache Beziehung. Es ist die Aufgabe der «vierten Gewalt», Probleme und Missstände offenzulegen und damit eine öffentliche Diskussion anzustossen. Die Diskussion generiert Druck, der schrittweise zu Veränderungen im System führt. Das sind die berühmten Checks und Balances. Die Veränderungen im «System Sitten» zeigen: Checks und Balances funktionieren auch in der Kirche.

Podium Medien und Missbrauch an der Universität Zürich mit Medienschaffenden.
Podium Medien und Missbrauch an der Universität Zürich mit Medienschaffenden.

Im September hat die Pilotstudie strukturelle Missstände im Bistum Sitten offengelegt, Bischof und Generalvikar spielten lange eine zu grosse Rolle bei der Untersuchung von Missbrauchsvorwürfen. Ebenfalls im September deckte der «SonntagsBlick» auf: Gegen Bischof Lovey läuft eine kanonische Voruntersuchung wegen Vertuschungsvorwürfen. Die Medien haben ausführlich darüber berichtet.

Mitten im medialen Sturm

Seit September standen vor allem zwei Bistümer im medialen Sturm: Sitten und Basel. Der Druck auf Basel war dabei ungleich höher und die Reaktionen, mit denen dort versucht wurde, Schadensbegrenzung zu betreiben, zwangsläufig hektischer.

Bischof Felix Gmür
Bischof Felix Gmür

In Hektik passieren Fehler. So kündigte Felix Gmür eine externe Untersuchung an, die nicht zustande kam. Die angefragten kirchlichen – und damit eben nicht-externen – Experten wollten lieber auf Rom warten. Die mediale Häme folgte auf den Fuss, samt semantischer Erklärung des Wortes «extern» in «externer Untersuchung».

Aus Fehlern lernen

Aus solchen Fehlern hat Sitten offensichtlich gelernt. Das ist eine gute Nachricht für die gesamte Schweizer Kirche. Bischof Lovey hat sich nicht an Kirchenleute gewandt, sondern eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft beauftragt, die Strukturen und Abläufe im Bistum zu untersuchen. Den Prüfern und Prüferinnen hat er Zugang zu allen Archiven, Dokumenten und verantwortlichen Personen zugesichert.

Jean-Marie Lovey, Bischof von Sitten
Jean-Marie Lovey, Bischof von Sitten

Ausserdem zieht sich Generalvikar Richard Lehner zurück. Damit reagiert Bischof Lovey auf die Kritik der Pilotstudie. Diese hat gezeigt, Untersuchungen von Missbrauchsmeldungen liefen bis 2022 direkt über den Generalvikar. Sie waren damit zu nah beim Bischof, als dass eine neutrale Aufklärung gewährleistet gewesen wäre.

Lernkurve anerkennen

Jetzt kann man einwenden: Viele der Fehler, die Kirchenverantwortliche in den letzten Monaten und gar Jahren gemacht haben, hätten nicht passieren dürfen. Dass man das alles hätte besser wissen und machen müssen. Es ist verführerisch, immer weiter darauf herumzuhacken, was die Kirche alles falsch, zu wenig und zu spät macht. Aber «church bashing» um des «bashing»-willens ist wenig zielführend.

Bischöfe beim Papst
Bischöfe beim Papst

Was man dieser Tage im Bistum Sitten sehen kann, die Verantwortlichen wollen es künftig besser machen. Und sie sind bereit, aus Fehlern zu lernen. Das gilt es anzuerkennen. Damit die Spannung zwischen Öffentlichkeit und Institution eine konstruktive bleibt, darf die Öffentlichkeit nicht nur schimpfen. Öffentlichkeit und Medien müssen auch spiegeln, wenn etwas gut läuft. Die Massnahmen im Bistum Sitten sind ein wichtiger Schritt, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.

Gleichzeitig darf die mahnende Stimme nicht verstummen. Es ist nur ein erster Schritt in einem langen Prozess. Ein zweiter, genauso wichtiger Schritt: Das Ergebnis der externen Untersuchung, das Anfang 2024 vorliegen soll, zu veröffentlichen.


Annalena Müller | © Mattia Vacca
4. November 2023 | 17:00
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