Der französische Bischof Michel Dubost von Evry bei Paris | © Andrea Krogmann
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Der französische Bischof Michel Dubost von Evry bei Paris | © Andrea Krogmann

Bischof von Pariser Vorort im Exklusivinterview: «Ich bin nicht Charlie»

Paris/Bethlehem, 15.1.15 (kath.ch) Konflikte suchen natürlicherweise nach Sakralisierung, sagt der französische Bischof Michel Dubost von Evry bei Paris nach dem Attentat von Islamisten auf Charlie Hebdo:  «Der Mensch an sich ist gewalttätig und nicht die Religion», so Dubost im Interview mit kath.ch-Mitarbeiterin Andrea Krogmann in Bethlehem. Dubost nimmt derzeit am jährlichen Bischofs-Solidaritätsbesuch im Heiligen Land teil.

Andrea Krogmann

Herr Bischof, als sich der Anschlag auf das Satiremagazin «Charly Hebdo» in Paris ereignete, waren Sie als Leiter einer Delegation französischer Imame zum Papstbesuch in Rom. Welche Auswirkungen hat dieser Anschlag auf den muslimisch-christlichen Dialog?

Michel Dubost: Sagen wir es ganz deutlich: Wir haben diesen Besuch initiiert, weil wir spüren, dass die französische Gesellschaft in verschiedene andersdenkende Gruppen zerfällt, die nicht miteinander reden. Es war daher von grosser Bedeutung, dass eine Gruppe von Imamen den Papst treffen und wir ihm über die gemeinsame Arbeit berichten konnten. Den Papst zu hören, der die Imame um das Gebet für ihn bittet, ist eine aussergewöhnliche Erfahrung. Papst Franziskus hat diese Bitte quasi genau in dem Moment ausgesprochen, als der Anschlag in Paris passierte.

Wie war die Reaktion auf diese Nachricht?

Dubost: Die Imame waren zweifach tief verletzt: als französische Staatsbürger, für die es eine Verletzung ist, einen Angriff auf ein Presseorgan zu sehen, selbst wenn man persönlich nicht mit ihm einverstanden ist, und als Muslime, die einmal mehr die Anschuldigung werden tragen müssen, der Islam sei gewalttätig. Ich habe oft genug unter Vorwürfen gegen die Kirche gelitten, oder unter dem Vorwurf, Religionen seien gewalttätig – als wenn Nationalsozialismus oder Marxismus uns nicht gelehrt hätten, dass der Mensch gewalttätig ist und nicht die Religion.

Dem getöteten muslimischen Polizisten wurden durch einen Blogger die Worte in den Mund gelegt «Charlie hat sich über meinen Glauben lustig gemacht. Ich starb, weil ich sein Recht verteidigt habe, das tun zu dürfen» …

Dubost: Weil er Franzose war! Menschen sind nicht einfach nur Kommunisten, Christen, Katholiken. Sie sind auch Familienväter, Arbeiter, sportlich, verliebt. Und wir sind alle Bürger. Franzosen anerkennen keine Religionsgemeinschaften, in dem Sinn, dass niemals die Gemeinschaft verantwortlich gemacht wird für etwas, das passiert. Verantwortlich ist einzig das Individuum. Auf diese Laizität ist die Französische Republik gebaut. Wie kann man das vergessen?

Sie sagen «Ich bin nicht Charlie». Wie ist das gemeint?

Dubost: «Charli Hebdo» hatte sehr nette, pazifistische Journalisten. Aber sie waren antikirchlich. In demselben Masse, in dem ich für Meinungsfreiheit eines jeden kämpfe, wird man mich nicht daran hindern, jene zu kritisieren, die mich kritisieren. Der Konflikt und die Auseinandersetzung – ich sage nicht: die Gewalt – sind etwas sehr wichtiges. Mir scheint es ausserordentlich wichtig zu sagen: «Ich bin nicht deiner Meinung. Aber ich bin bereit zu sterben dafür, dass du die Freiheit hast, sie zu äussern!»

Gerade jetzt sind Sie ja in einer Region, die von gewalttätigen Auseinandersetzungen sehr geprägt ist, auch im Namen der Religion …

Dubost: Jeder Konflikt sucht natürlicherweise eine Sakralisierung und damit eine Religiosität. Kein Mensch lässt sich für ein Stück Land umbringen. Man stirbt für Grossbuchstaben: Die Freiheit mit einem grossen F, Gott mit einem grossen G. Die Religionsführer müssen alles daran setzen, die Konflikte zu entsakralisieren. Dass es Konflikte gibt, gehört zur menschlichen Natur. Der israelisch-palästinensische Konflikt im Besonderen hat ein Spezifikum: Das Volk Israels ist für einen grossen Teil der Welt das erwählte Volk – mit dem Versprechen für das Land.

Wie äussert sich das heute?

Dubost: Wenn man es als etwas Normales ansieht, dass in Gaza hunderte Kinder getötet werden, während es als ganz und gar nicht normal gilt, wenn in Paris drei Menschen getötet werden, dann läuft etwas grundsätzlich schief. Hier liegt eine Disproportionalität vor. Israel stellt uns vor sehr spezifische Probleme. Die jüngere Geschichte des jüdischen Volkes erklärt, warum es Sicherheit braucht. Was weniger bequem zu sagen ist: Schon seit der Zeit Christi haben viele Juden das freiwillig Land verlassen, sie haben eine religiöse Verbindung zu ihm behalten, die aber nicht real, nicht politisch war. Rabbiner und Gelehrte haben einen Staat beschrieben, den sie nicht kannten. Es gilt aber, von der heutigen Realität auszugehen: Findet eure Identität und eure Sicherheit – ihr werdet sie nicht in einer Theokratie finden.

Wo sehen Sie konkret die Rolle der Christen angesichts der Radikalisierung und der Gewalt?

Dubost: Wenn wir eine Brücke zwischen Israelis und Palästinensern bauen wollen, brauchen wir Säulen, die auf jeder der Seiten verwurzelt sind. Ohne das wird es keine Brücke geben. Unsere Arbeit ist es, die Vorstellungskraft zu haben für diese Brücke. Derzeit scheint es auf keiner Seite und ebenso wenig in Amerika oder Europa die politische Macht, etwas zu tun. Die Religionen haben die Macht des Gebets, der Begegnung. Wir haben die Macht, einen Schritt zurückzutreten und zu sagen: So geht es nicht. Eine Demokratie kann nicht gewinnen, wenn sie nicht die Menschenrechte respektiert, wie es heute der Fall ist. (ak)

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