Schweiz

Bischof Morerod: «Ich möchte wissen, was geschehen ist»

Der afrikanische Priester N.* beschuldigt gemäss einem Artikel im «Tages-Anzeiger» (28. Dezember) den Priester F.* der sexuellen Belästigung von N. selbst und anderen in der Zeit zwischen 2008 und 2011. Beide Priester sind im Bistum Lausanne, Genf und Freiburg tätig. kath.ch hat den zuständigen Bischof Charles Morerod mit den Vorwürfen konfrontiert.

Sylvia Stam

Wann und wie haben Sie von den Vorwürfen des Priesters N. gegenüber dem Priester F. erfahren?

Charles Morerod: Ich habe am 29. Oktober dieses Jahres in einem Brief von N. davon erfahren.

Laut Zeitungsartikel haben Sie die Polizei kontaktiert. Weshalb?

Morerod: Zuerst habe ich N. gesagt, er solle selber zur Polizei gehen. Da er das nicht getan hat, habe ich der Polizei den Brief von N. übergeben. Darin erhebt er zwei Vorwürfe gegen F.: N. lebte gegen Ende seiner Zeit im Priesterseminar im gleichen Haus mit dem Priester F. Dieser habe mit anderen Geistlichen in einer homoerotischen Atmosphäre gelebt. N. fühlte sich dadurch bedrängt.

Was bedeutet das konkret? Kam es zu sexuellen Handlungen?

Morerod: N. hat gegenüber der Polizei gesagt, er sei nicht Zeuge von sexuellen Handlungen gewesen, wie ich von einem Polizisten erfahren habe. 

Und der zweite Vorwurf?

Morerod: N. sagt weiter, ein junger Drogenabhängiger habe mit F. zusammengelebt und wahrscheinlich sei etwas zwischen diesen beiden gewesen. F. hat mir erzählt, die Polizei habe ihn seinerzeit gefragt, ob der drogenabhängige Junge in seinem Haus leben könne. Die Polizei wusste, dass es im Haus ein Pilgerzimmer für Jakobspilger gab, und die Polizei wusste nicht mehr, wohin mit diesem Jungen. Der Junge war zu jenem Zeitpunkt 20 Jahre alt, also volljährig.

Die Polizei untersucht nun diese beiden Fälle. Gibt es dazu bereits Resultate?

Morerod: Die Polizei hat mir heute gesagt, dass es keine Untersuchung mehr gibt. Sie hat mir aber gesagt, ich dürfe mit allen Betroffenen sprechen und eine kirchliche Untersuchung einleiten.

Was bedeutet das konkret?

Morerod: Es gibt bei diesen Vorwürfen Aspekte, die strafrechtlich nicht relevant sind, wohl aber kirchenrechtlich. Die homoerotische Atmosphäre zum Beispiel. Hier muss man mit allen Betroffenen sprechen und sie fragen, wie sie das erlebt haben. Ob das wirklich ein Problem für den Seminaristen N. gewesen sein könnte. Wenn ich von solchen Vorwürfen höre, bin ich als Bischof verpflichtet, dieser Frage nachzugehen.

Sie haben einen externen Juristen mit dieser Untersuchung beauftragt.

Morerod: Ich habe einen nichtchristlichen Anwalt aus Genf gefunden, der den Fall nun kirchenrechtlich untersucht. Er hat keinerlei Beziehungen zur Kirche. Dadurch ist er unabhängig in der Untersuchung des Falles.

Die geschilderten Vorwürfe sollen zwischen 2008 und 2011 stattgefunden haben. Weshalb geht N. Ihrer Meinung nach jetzt damit an die Öffentlichkeit?

Morerod: N. hat in den letzten 11 Jahren nie etwas über diese Vorwürfe gesagt. Mit diesem Priester gab es jedoch immer wieder Schwierigkeiten in den Pfarreien, denen er vorstand. Ich habe ihn bereits einmal versetzt, weil viele Gläubige sich über seinen Autoritarismus beschwert haben. Sie sagen, dass N. sage, in Afrika gehorchten die Leute, wenn ein Priester etwas sage. Die Schweizer Gläubigen haben sich beklagt, sie würden krank und die Kirche leere sich. Auch die Zusammenarbeit von N. mit den Reformierten sei sehr schwierig.

«N. hat Angst, die Stelle zu verlieren.»

Ich habe N. mit diesen Vorwürfen konfrontiert und ihm nahegelegt, sich im Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen weiterzubilden. Konkret habe ich ihm ein Institut in Kanada vorgeschlagen, von dem ich weiss, dass es Kurse in Beziehungsarbeit im pastoralen Kontext anbietet.

Sie glauben, dass N. jetzt spricht, weil Sie ihn in diese Weiterbildung schicken wollten?

Morerod: Er hat sich geweigert, sich weiterzubilden. Er hat alles getan, um das zu verhindern. Als Letztes hat er mir angedroht, er wisse von Problemen, vielleicht würden Journalisten mit mir sprechen wollen….

Halten Sie es für einen Racheakt von N., dass er jetzt an die Medien gegangen ist?

Morerod: Er hat Angst, seine Stelle zu verlieren. Die Pfarrei-Angehörigen sagen, dass er ein Kind hat. Ich weiss nicht, ob das stimmt, aber er ist seit Jahren mit derselben Afrikanerin zusammen, von der er sagt, es sei seine Cousine. Und diese Frau hat ein Kind. Ich habe ihm vorgeschlagen, einen Vaterschaftstest machen zu lassen. Das hat N. vehement abgelehnt.

Ist N. noch als Pfarrer in Ihrem Bistum tätig?

Morerod: Ja. Er ist sehr regelorientiert: Er achtet minutiös darauf, dass meine Schritte kirchenrechtlich korrekt sind, und wenn nicht, sagt er mir sofort, ich hätte kein Recht, das zu tun.

Was hat es mit dem «Dossier F.» auf sich, von dem Michel Meier im «Tages-Anzeiger» spricht?

Morerod: Es gibt dazu ein einziges Blatt, nicht ein ganzes Dossier. Daraus geht hervor, dass F. 2003 im Bischofshaus mit einem Mann gesprochen hat, der dem Bischof geschrieben hatte. Offenbar waren beide mit dieser Begegnung zufrieden. Auch dieses Blatt hatte ich der Polizei zur Untersuchung übergeben.

Ist F. noch im Amt oder ist er während der Untersuchung suspendiert?

Morerod: Ja, er ist noch im Amt. Um ihn zu suspendieren, braucht es zuerst eine Präliminaruntersuchung. Wenn dabei etwas herauskommt, werde ich ihn suspendieren müssen.

«Mir scheint, dass N. persönliche Interessen verfolgt.»

Der Zeitungsartikel legt nahe, dass F. auch eine sexuelle Beziehung zu Weihbischof Alain de Raemy gehabt haben soll. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Morerod: F. und De Raemy und ein inzwischen verstorbener dritter Priester sind alte Freunde, seit über 30 Jahren. Das ist bekannt. Sie sagen mir, dass sie keine sexuelle Beziehung haben, und ich glaube ihnen. Alain de Raemy hat selber ein Mail von N. mit diesen Vorwürfen bekommen und mir davon erzählt. Als ich F. über die Vorwürfe informierte, war er wirklich völlig überrascht. In der internen Untersuchung wird der Anwalt mit allen erwähnten Personen sprechen müssen, um zu untersuchen, wie sie diese Freundschaft erlebt haben.

Was sind für Sie die nächsten Schritte?

Morerod: Ich möchte wissen, was geschehen ist. Ich habe dem Anwalt alle Dokumente gegeben. Wenn etwas Ungebührliches geschehen ist, muss ich handeln. Mir scheint, dass N. persönliche Interessen verfolgt. Aber die Unschuldsvermutung gilt für alle.

Der «Tages-Anzeiger» bringt die Vorwürfe von N. in einen Zusammenhang mit der verzögerten Wahl eines neuen Bischofs von Chur. De Raemy soll als Kandidat dafür gehandelt werden. Was halten Sie davon?

Morerod: Ich bin überzeugt, dass Alain de Raemy nicht Bischof von Chur wird.

Wie kommen Sie zu dieser Überzeugung?

Morerod: (lacht) Weil ich andere Informationen habe. Man hat mich konsultiert, ich habe eine Liste gesehen, ohne den Namen Alain de Raemy. Natürlich darf ich nicht sagen, welche Namen auf der Liste waren. Ob diese Liste noch aktuell ist, weiss ich allerdings nicht.

*Namen der Redaktion bekannt.


Bischof Charles Morerod | © zVg
28. Dezember 2019 | 18:24
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F. und De Raemy weisen die Vorwürfe von N. zurück

Die Beschuldigungen von N. träfen in keiner Art und Weise zu, sagt F. auf Anfrage von kath.ch. N. habe seinerzeit bei ihm ein Praktikum gemacht. In dieser Zeit habe er ihm niemals auch nur die Hand auf die Haut gelegt, beteuert F. Auch mit dem 23-jährigen Jungen, der im Tages-Anzeiger als drogenabhängig bezeichnet werde, habe er keinerlei sexuelle Beziehung gehabt. Dieser habe während seinem letzten Lehrjahr acht Monate bei ihm gewohnt. Der Junge sei nicht drogenabhängig gewesen, sondern habe lediglich ab und zu einen Joint geraucht.

Mit Weibischof Alain de Raemy verbinde ihn tatsächlich eine 40-jährige Freundschaft. Diese habe jedoch keinerlei sexuelle Konnotation. Dies bestätigt auch Alain de Raemy gegenüber kath.ch. Auch die Aussage, wonach De Raemy F. regelmässig besucht habe, als er noch Gardekaplan in Rom gewesen sei, sei «völlig falsch», sagt der Weihbischof von Lausanne, Genf und Freiburg auf Anfrage von kath.ch. Er sei während dieser sieben Jahre in Rom selten im erwähnten Pfarrhaus und nur einmal in dem erwähnten Chalet gewesen.

Als weiteren Vorwurf erwähnt die Zeitung ein «Dossier F.», in welchem von einem mutmasslichen Übergriff von F. auf einen 17-jährigen Jungen in einem Chalet die Rede ist. Dabei handelt es sich laut F. nicht um ein Dossier, sondern lediglich um eine Aktennotiz.

Der 17-Jährige habe tatsächlich ein Wochenende mit ihm in einem Chalet verbracht. Es sei auch hier zu keiner sexuellen Handlung gekommen. Der Junge habe das Geschehen daraufhin wahrheitsgetreu dem Bischof in einem Brief geschildert. Darauf sei es zu einem einvernehmlichen Gespräch zwischen F., dem Generalvikar des Bistums und dem Jungen gekommen. Dies sei in der Aktennotiz festgehalten, woraufhin die Sache für das Bistum erledigt gewesen sei.

Für F. ist es unverständlich, wie N. solche Aussagen machen konnte. «Vielleicht will er Alain de Raemy oder mir oder Bischof Morerod Schlechtes. Ich weiss es nicht. Ich habe den Eindruck, dass ich instrumentalisiert werde.» (sys)