Bischof Markus Büchel leitet Voruntersuchung ein, tritt aber vorläufig nicht zurück
Die Ergebnisse der Pilotstudie zu sexuellem Missbrauch haben das Bistum St. Gallen erreicht. Bischof Markus Büchel bestätigt, dass er erstmals am 5. September 2023 vom Fall des Ostschweizer Priesters E. M. Kenntnis erhielt und unmittelbar eine Voruntersuchung ausgelöst hat. «Mir ist der Name des Priesters nicht bekannt. Die Identifikation läuft.» Einen Rücktritt schliesst er vorläufig aus: «Ich will das Ergebnis der Voruntersuchung abwarten.» Die Missbrauchsbetroffene Vreni Peterer zeigt sich «schwer enttäuscht vom Handeln von Bischof Ivo Fürer».
Charles Martig
Nur ein Tag nach der nationalen Präsentation der Pilotstudie zu sexuellem Missbrauch in der Kirche nimmt auch das Bistum St. Gallen Stellung zu den konkreten Fällen. An einer eiligst einberufenen Konferenz stellt sich Bischof Markus Büchel den Medien; zusammen mit dem Pastoralamtsleiter Franz Kreissl und Vreni Peterer, als Sprecherin der Missbrauchsbetroffenen der IG-MikU.
«Das war ein grosser Fehler»
Bischof Markus Büchel gibt Verfehlungen zu. Insbesondere bezieht er sich auf den Fall des mutmasslichen Täters und Priesters E. M.: «Das war ein grosser Fehler. Ich anerkenne diesen und entschuldige mich bei den Betroffenen.» Er bestätigt, dass die Bischofskonferenz den Bericht bereits am 5. September erhalten habe. «Ich habe an diesem Tag unmittelbar eine Voruntersuchung gegen E. M. eingeleitet.» Gleichzeitig hat das Bistum auch Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft eingereicht.
Der Fall E. M.
Sowohl Bischof Markus Büchel als auch seinem Pastoralamtsleiter Franz Kreissl ist der Name des mutmasslichen Täters nicht bekannt. Da die Unterlagen zu diesem Fall aus dem Archiv des St. Galler Fachgremiums gegen sexuelle Ausbeutung stammen, ist diese Auskunft kaum nachzuvollziehen. Zudem gab es im Jahr 2010 eine heftige Reaktion einer Missbrauchbetroffenen, als sie zusah wie der Priester E. M. mit Bischof Markus Büchel konzelebrierte. Sie meldete sich beim Fachgremium. Aber auch das führte nicht zur Eröffnung eines Verfahrens.
«Ich weiss nicht, wer dieser Priester ist und kann mich nicht erinnern», sagt der Bischof dazu. Auf Rückfrage wollten die Verantwortlichen des Bistums keine weiteren Auskünfte erteilen, da es sich um ein laufendes Verfahren handle.
Bischof Ivo Fürer blieb untätig
Der Fall E. M. fällt in die Zeit von Bischof Ivo Fürer. Trotz eindeutiger Empfehlungen des Fachgremiums von St. Gallen und jenes der Schweizer Bischofskonferenz unternahm Ivo Fürer keine rechtlichen Schritte. Wie kath.ch berichtete, verstiess Ivo Fürer damit wahrscheinlich gegen das Kirchenrecht.
Im Jahr 2012 wurde E. M. zwar versetzt, aber trotzdem in verschiedenen Gemeinden als Seelsorger eingesetzt. Aus heutiger Sicht bewertet Markus Büchel dies als eindeutigen Fehler.
Markus Büchel will Ergebnis der Voruntersuchung abwarten
Die Voruntersuchung betrifft auch Bischof Markus Büchel selbst. Der Fall E. M. fällt seit 2007 in seine Amtszeit. «Von Bischof Ivo habe ich keine offenen Fälle überreicht bekommen.» Er beteuert, dass er von diesem Fall nichts wusste, bis er am 5. September dieses Jahres darüber informiert wurde. Auf die Frage, ob er nun zurücktreten werde, sagt er: «Ich will das Ergebnis der kanonischen Voruntersuchung abwarten und mich dann entscheiden.»
Vreni Peterer ist «schwer enttäuscht von Bischof Ivo Fürer»
Vreni Peterer sagte in St. Gallen: «Ich persönlich bin schwer enttäuscht vom Handeln von Bischof Ivo Fürer.» Und sie fügte mit Nachddruck hinzu: «Ivo Fürer hat geblockt und ist dem Fachgremium nicht gefolgt. Das schockiert mich und erschüttert mein Vertrauen in das Bistum St. Gallen.» Trotzdem findet sie es wichtig, dass Markus Büchel die gemachten Fehler eingestehe und öffentlich dazu stehe.
«Ich kämpfe nicht gegen die Kirche. Ich kämpfe für eine Kirche ohne Missbrauch», sagte Vreni Peterer. Sie fragte aber auch kritisch nach und wollte vom Bischof wissen, ob der Priester E. M. ab sofort nicht mehr in der Seelsorge sei. Die Antwort von Markus Büchel blieb allgemein: «Wir haben alle nötigen Schritte unternommen.» Er konnte jedoch nicht eindeutig bestätigen, dass diese Massnahmen ab dem Zeitpunkt der eingeleiteten Voruntersuchung umgesetzt sind. Vor allem weil dem Bistum die Identität des mutmasslichen Täters noch nicht bekannt ist.
Franz Kreissl: «Aufklärung tut weh»
Franz Kreissl betonte, dass das Bistum St. Gallen heute wesentliche Schritte weiter sei, vor allem in der Prävention. «Missbrauch zerstört das Vertrauen von glaubenden Menschen», hielt Kreissl fest. Und er fügte hinzu: «Aufklärung tut weh.» Aber es gehe nicht an, dass alle kirchlichen Mitarbeitenden unter Generalverdacht gestellt werden.
Zum vielbeschworenen Kulturwandel, der bereits von Bischof Joseph Bonnemain an der nationalen Medienkonferenz vom 12. September angesprochen wurde, meint Kreissl: «Es dauert lange bis sich Bewusstsein und Kultur ändern.»
Ergänzung am 14.09.2023 um 12.05 Uhr: Das Bistum St. Gallen hat die Aussage des Bischofs am Donnerstag korrigiert. «Dass der Bischof die Person nicht kennt, war nicht richtig formuliert.»
Der Fall E. M.
Die Pilotstudie der Universität Zürich zeigt die Arbeit der Fachgremien gegen sexuelle Ausbeutung im Kampf um geltende Verfahrensregeln und Einflussmöglichkeiten. Das Bistum St. Gallen war das erste in der Schweiz, das ein solches Fachgremium einführte. Es erhielt ab 2002 verschiedene Hinweise und Beschwerden zum Priester E. M. Über zwei Jahrzehnte hinweg wurden diese Empfehlungen von den Bischöfen Ivo Fürer und Markus Büchel ignoriert. Es gab keine apostolische Voruntersuchung zu diesem Fall. Die Pilotstudie weist darauf hin, dass der Priester E. M. mindestens bis Januar 2023 weiterhin im Bistum St. Gallen Eucharistie feierte. Der Fall ist in der Studie auf den Seiten 96-99 dokumentiert. (cm)
Anlaufstellen für Missbrauchsbetroffene
Eine Liste mit kirchlichen und weiteren Anlaufstellen für Missbrauchsbetroffene ist hier zu finden.
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