Schweiz

Bächital-Lawine: Das Wunder des gedeckelten Wiegenkinds

Vor 50 Jahren riss die Bächital-Lawine in Reckingen im Goms 30 Menschen in den Tod. Es war eines der schlimmsten Lawinen-Unglücke seit es Aufzeichnungen zum Thema gibt. Wie bei vielen Naturkatastrophen geschah auch in Reckingen ein Wunder: das Wunder des Wiegenkinds.

Irene Widmer

Die Wiege mit der einjährigen Ursula Carlen soll wie ein Surfbrett auf der talwärts gleitenden Lawine gesegelt sein, hiess es zunächst. Doch schon am Unglückstag wurde das «schwebende Wiegenkind» vom Gemeindepräsidenten ins Reich der Legende verbannt.

Ein Wunder wars trotzdem: Ein Teil der Zimmerdecke war auf Ursulas Wiege gefallen und hatte sie wie eine Truhe verschlossen. So konnte der Schnee dem Kind nichts anhaben.

Sein Onkel folgte anderthalb Stunden später dem Geräusch des Plärrens und grub das gut verpackte Wiegenkind aus. Seine beiden Brüder, die nicht weit davon ebenfalls unter dem Schnee lagen, wurden erst später gefunden – tot. Wie vier weitere Kinder, fünf Frauen und 19 Offiziere der M Flab Abt 54.

Die Alten warnten

Um 5 Uhr 5 frühmorgens, zu nachtschlafener Stunde, waren auf der Alp Bächi auf 2500 Meter über Meer 1,8 Millionen Kubikmeter Schnee vom Hang abgebrochen. Es hatte im Februar viel geschneit, über zwei Meter auf eine dünne Dezember/Januar-Schneeschicht. Dazu hatte vor dem Unglück der «Twärr» genannte Südwestwind bis zu sechs Meter hohe Wächten aufgetürmt. Die Lage war instabil.

Bei viel Schnee und Wind wird die Bächital-Lawine gefährlich, hatten die alten Leute gewarnt. 1749 hatte dieselbe Lawine das Pfarrhaus verschüttet und drei Geistliche und die Magd getötet. Und wenn man den Honiggistein vom Dorf aus nicht sieht, wie zwei Tage vor dem Unglück, ist sowieso Gefahr im Verzug, sagten die alten Leute des weiteren. Keiner hörte hin.

War das Militär schuld?

Schuld gegeben hat man zunächst dem Militär. Überschallflüge hätten den Schnee losgelöst, hiess es von Einheimischen. Solche Flüge hat’s nicht gegeben, erwiderte das Militärdepartement EMD. Dann halt die Flab-Schiessübungen vom Vortag des Unglücks. Die hat man gehört.

Also wurde im April die Schiess-Situation mit demselben schweren Gerät an derselben Stelle von der Eidgenössischen Materialpüfungsanstalt nachgestellt. Dass der entstandene Lärm Schnee in Bewegung bringt, sei sehr unwahrscheinlich, urteilten Experten. Es waren der Schnee und der Wind.

Grösste Suchaktion

Das im benachbarten Gluringen stationierte Militär war ein Segen. 40 Minuten nach dem Lawinenniedergang trabten die ersten Helfer an – die erste Stunde nach einer Verschüttung ist bekanntlich die lebenswichtigste. 950 militärische und zivile Helfer, 13 Lawinenhunde, 14 schwere Baumaschinen und drei Helikopter waren im Einsatz.

Fünf Dorfbauten waren zertrümmert worden. Die Brocken der dreistöckigen Offiziersmesse, die ursprünglich ein Gasthaus war, wurden 300 Meter weit gerissen. Den letzten von 29 Toten barg man nach vier Tagen. Ein lebend Geborgener starb im Spital.

Eine der ärgsten Lawinen in 500 Jahren

Die Gemeinde Goms veranstaltet am 23. und 24. Februar zwei Gedenkfeiern mit Kranzniederlegung. Hinterbliebene, Helfer und Militärangehörige werden zahlreich erwartet, um Anmeldung wird gebeten (info@gemeinde-goms.ch). Es soll eine «würdevolle» Feier werden, kündigte Gerhard Kiechler, der Präsident der Gemeinde Goms, an.

Die Katastrophe von Reckingen war ein mehrfacher Schock für die Schweiz. Nur drei Tage vorher waren beim Flugzeugabsturz von Würenlingen 47 Menschen ums Leben gekommen.

Reckingen war weit mehr als die opferreichste Lawine des 20. Jahrhunderts. Gemäss dem Historischen Lexikon der Schweiz sind aus den 500 Jahren davor nicht einmal zehn ähnlich schwere Lawinenunglücke überliefert.

Anzonico in der Leventina hatte 1667 etwa 33 Tote zu beklagen, Villa im Bedrettotal 1863 deren 32. Zwei Katastrophen betrafen Leukerbad: 1519 gab es dort 61 Tote, 1719 deren 55. Doppelt heimgesucht wurde auch Bosco-Gurin: 34 Tote im Jahr 1695, 54 im Jahr 1749. Und auch das Goms erhielt schon vor Reckingen Besuch vom Weissen Tod: 1827 suchte eine Lawine Biel und Selkingen heim und tötete 52 Menschen. Und den traurigen Rekord der historischen Einzellawinen waren 84 Tote in Obergesteln, dem über-über-nächsten Dorf von Reckingen aus gesehen. (sda)

Lawinenretter 1970 auf der Suche nach Überlebenden. | © Keystone
14. Februar 2020 | 08:30
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