Daniel Ric, ehemaliger Präsident der Kirchenpflege Gebenstorf-Turgi.
Porträt

Aufstieg und Fall des Daniel Ric

Mit einer Rede über seine tote Mutter hat er die Herzen der Turgemer erobert. Mit seinen religiösen Ansichten als Kirchenpflegepräsident stösst er sie vor den Kopf. Die Allianz mit dem Salvatorianerpater Adam Serafin hat das Ende seiner Kirchenkarriere besiegelt.

Eva Meienberg

Daniel Ric spricht leise. Wenn ihm etwas wichtig ist, wiederholt er sich. «Das war eine schlimme Zeit. Das war eine schlimme Zeit.» Er meint die Zeit, als seine Mutter an Krebs erkrankte. Plötzlich habe sie über Schmerzen geklagt. Die Diagnose: Krebs. Drei Monate später war sie tot.

Daniel Ric beginnt seine Lebensgeschichte mit dem Tod seiner Mutter. Im Jahr 2009 mit 28 Jahren hatte er gerade sein Volkswirtschaftsstudium an der Universität Zürich abgeschlossen und eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Freiburg gefunden. Genau dann sei seine Mutter gestorben. Bis zuletzt habe sie sich Sorgen um ihn gemacht, sagt Daniel Ric. Ob er auf eigenen Füssen zu stehen komme?

Leidenschaft für die Liberalen

Daniel Ric war kein guter Schüler. Dabei hatte seine Schulkarriere verheissungsvoll begonnen. Er allein sei verantwortlich für sein Scheitern, sagt Daniel Ric. Der Wunsch, jemand hätte ihn in dieser Zeit an die Hand genommen, schwingt dennoch mit. Er habe viel geschwänzt und seinen Leidenschaften gefrönt. Basketball gespielt und die Bücher von Friedrich August von Hayek, Ludwig von Mises und anderen Sozialphilosophen gelesen. Damals sei er ein Liberaler gewesen. Heute stehe er woanders.

«Ich habe während seiner Krankheit intensiv für meinen Vater gebetet.»

Als Teenager ist Daniel Ric der Kirche ferngeblieben, an der Existenz Gottes habe er immer wieder gezweifelt. Als aber fünf Jahre vor dem Tod seiner Mutter der Vater an Krebs erkrankte, habe er sich eine ausgeprägte Frömmigkeit angewöhnt, sagt Daniel Ric. «Ich habe während seiner Krankheit intensiv für meinen Vater gebetet.» Denn ein Erlebnis aus seiner Kindheit sei ihm wieder in den Sinn gekommen.

Unerklärliche Heilung

Als Daniel Ric fünf Jahre alt war, erkrankte ein Nachbarskind schwer. Die Ärzte hätten ihn bereits aufgegeben. Daniel Rics Mutter schlägt der verzweifelten Mutter des kranken Kindes vor, nach Einsiedeln zu fahren. Dort solle sie das Versprechen abgeben, das Kind taufen zu lassen.

Die Schwarze Madonna in Einsiedeln
Die Schwarze Madonna in Einsiedeln

Sie fuhr nach Einsiedeln und liess den Jungen taufen. Dieser überlebte und galt als geheilt. «Die Ärzte konnten sich die Heilung nicht erklären», sagt Daniel Ric. Er hingegen habe sich nicht erklären können, wie unberührt der Junge von seiner Heilung geblieben sei. Selbst als Jugendlicher habe dieser sich Gott nicht dankbar gezeigt.

Auffällige Frömmigkeit

Seither stellt sich Daniel Ric die Frage: Warum lassen sich nicht alle Menschen von Gott berühren? Denn für Daniel Ric steht fest, dass Gott dem Jungen ein zweites Leben geschenkt hat. So wie Gott auch seinem Vater weitere Lebenszeit geschenkt habe.

Daniel Ric, Präsident der Kirchenpflege Gebenstorf-Turgi.
Daniel Ric, Präsident der Kirchenpflege Gebenstorf-Turgi.

Die Frömmigkeit des jungen Mannes ist in Turgi aufgefallen. Einigen hat er damit grossen Eindruck gemacht. Etwa dem ehemaligen Diakon Peter Daniels. Dieser habe ihn eingeladen, am Dorfjubiläum eine Rede zu halten. «In der Rede habe ich von den Verstorbenen des Dorfes gesprochen, vor allem von meiner Mutter.» Die emotionale Rede hat dazu geführt, dass Daniel Ric angefragt wurde, Mitglied des Pfarreirates zu werden.

Vom Arbeitersohn zum Kirchenpflegepräsident

«Für mich war das eine riesengrosse Ehre», sagt Daniel Ric. Für den Secondo, den Sohn einer kroatischen Mutter und eines ungarischen Vaters, für das Arbeiterkind wurde das Tor zur Welt der Alteingesessenen einen Spalt weit aufgemacht. 2011, im Alter von 30 Jahren, wurde Daniel Ric zum Präsidenten der Kirchenpflege gewählt.

«Das Dorfleben ist tot.»

Heute würde er die Rede anders halten, sagt Daniel Ric. Er würde von einem Dorf erzählen, in dem die Lebenden nichts mehr bewirken und nur noch von den Meriten der Verstorbenen leben. «Das Dorfleben ist tot», sagt Daniel Ric. Und dennoch würde er sein Dorf niemals verlassen. Turgi ist seine Heimat, dort lebt er mit seinem Vater. Dort ist das Grab seiner Mutter, auf dem das Bild des barmherzigen Jesus prangt.

Die Besten wählen

Daniel Ric kann nicht verstehen, wie es möglich ist, dass Menschen nach 50 Jahren in der Schweiz immer noch nicht dazugehören. Mit diesen Menschen meint er seine Eltern. Die Gesellschaft habe sich verändert. «Wie ist es möglich, dass immer noch die gleichen Leute Einfluss und Macht haben?», fragt Daniel Ric. Diese Leute bestimmten, wo das Kirchenchoressen stattfinde, wo der Blumenschmuck bestellt, wem gespendet werde.

Klassisches Gottesbild: Mann mit weissem Bart. Gemälde von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan.
Klassisches Gottesbild: Mann mit weissem Bart. Gemälde von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan.

Daniel Ric erinnert sich an eine Auseinandersetzung im Pfarreirat im Jahr 2017. Sie drehte sich um eine russische Kirchenmusikerin. «Eine grossartige Musikerin.» Daniel Ric wiederholt auch diesen Satz. Die Frau sei den Ansässigen aber nicht genehm gewesen. Lieber habe man einen drittklassigen Organisten einstellen wollen. «Papst Julius hat auch nicht den Giovanni von nebenan mit der Ausschmückung der Sixtinischen Kirche betraut, sondern den Besten gewählt: Michelangelo», sagt Daniel Ric.

Das Aussterben der Volkskatholiken

Die Auffassung erinnert an die liberalen Ideen seines früheren Idols Hayeck. Keine Pfründe, keine Privilegien sollen den Markt bestimmen, sondern das beste Angebot solle sich durchsetzen. Alle sollen die Chance haben, einen Beitrag zu leisten, ganz gleich woher sie sind. Dieser Auffassung war auch Pater Adam Serafin, der dank Daniel Ric und Diakon Peter Daniels eine Anstellung als Pfarrer in Turgi bekam.

Die Nostalgie der sogenannten Volkskatholiken, wie Daniel Ric diejenigen Katholiken bezeichnet, die an ihrem Gemeindeleben festhalten wollen, findet Daniel Ric falsch. Die Tage dieser Kirche seien gezählt. Denn die übrig gebliebenen Volkskatholiken würden bald aussterben. Darum brauche es einen Strukturwandel.

Für eine sakramentale Kirche

Kirchen müssten in Stadtzentren betrieben und die Ressourcen darauf verwendet werden, die Sakramente zu spenden. Die Sakramente seien das Zentrum der Kirche und für die Eucharistie brauche es Priester. Für ihn ist eine Kirche, die nur auf die Gemeinschaft einiger weniger setze, ein gescheitertes Konzept, sagt Daniel Ric. Ins Zentrum der Kirche gehöre der Glaube an Gott.

Katholische Kirche von Gebenstorf
Katholische Kirche von Gebenstorf

Der Kirchenpflegepräsident eckt nicht nur mit der Radikalität seiner Ansichten an. Beklagt wird auch sein Umgang, der mal autoritär, mal zynisch wirkt. Da ist zum Beispiel das Rayonverbot. Die progressiven Mitglieder der Kirchenpflege sprechen es als verzweifelte Massnahme gegen Pater Adam Serafin aus, der weiterhin Messen in der Pfarrkirche feiern will. Daniel Ric reagiert in einer E-Mail auf das Rayonverbot wie folgt:

«Ich bitte euch, ein Rayonverbot für folgende Personen zu prüfen, die in den letzten 2000 Jahren immer wieder für so viel Probleme gesorgt haben…Ich fordere ein Rayonverbot für die Muttergottes, den Heiligen Joseph, Petrus Paulus und alle Heiligen der Kirche.»

Pater Adam Serafin hat Hausverbot und feiert vor der Kirche die Messe.
Pater Adam Serafin hat Hausverbot und feiert vor der Kirche die Messe.

Am Ende fordert Daniel Ric auch ein Verbot für Jesus, weil diese Personen daran erinnerten, dass der Mensch eine Würde habe und nicht blind den Autoritäten folgen und Ungerechtigkeit und Barbarei totschweigen solle.

Öl ins Feuer

Solche Aussagen findet Daniel Ric lustig. Er versteht nicht, warum die Leute ihm seine Witze übelnehmen, warum sie mit Ärger und Hass darauf reagieren. Daniel Ric bezeichnet sich immer wieder als Kindskopf, provoziert gerne. Statt zu deeskalieren, giesst er Öl ins Feuer. Weiss eigentlich genau, wo die Grenzen sind und geht doch darüber hinaus.

Manchmal ist Daniel Ric stur. So bestreitet er etwa, dass die Schweizer Salvatorianer sich von Pater Adam distanziert hätten. Obwohl die Salvatorianer das immer wieder neu betonen. Daniel Ric sieht es anders. Pater Adam sei nicht Mitglied der Schweizer Salvatorianer-Provinz. Von daher könnten sich die Schweizer Salvatorianer gar nicht von Pater Adam distanzieren.

Bereit zu kämpfen

Von aussen erscheinen Pater Adam und Daniel Ric als ein Team. Turgemer, die Daniel Ric schon lange kennen, sagen: «Früher war er ein guter Typ», «Eigentlich hat er ein grosses Herz». Die Allianz mit Pater Adam bekomme ihm schlecht, sind sich alle einig, die Militanz gehe auf das Konto des Salvatorianerpaters. «Pater Adam ist bereit zu kämpfen», sagt Daniel Ric. Gemeinsam führen sie einen Kampf gegen das kirchliche Establishment. Gegen den Bischof, gegen die Landeskirche, gegen die Volkskatholiken.

Pater Adam Serafin feiert eine Messe vor der Kirche in Gebenstorf.
Pater Adam Serafin feiert eine Messe vor der Kirche in Gebenstorf.

Pater Adam Serafin und Daniel Ric haben sich an der katholischen Schule in Zürich kennengelernt. Pater Adam kam von Bösingen, wo er nach Spannungen gegangen ist. Auch an der katholischen Schule musste Pater Adam bald wieder gehen.

Motivierter Lehrer

2013 verliess Daniel Ric die katholische Schule wieder, weil er mit der Personalpolitik des damaligen Rektors nicht einverstanden war. Er kehrte zurück an die Kantonsschule Baden, wo er seine erste Stelle als Wirtschaftslehrer bekommen hatte. Just an der Schule, in der er sich als Schüler geweigert hatte zu lernen. Ein Verhalten, für das er sich innerlich geschämt habe, weil er wusste, wie hart seine Eltern arbeiteten, um ihm und seinem Bruder Chancen auf ein besseres Leben zu ermöglichen.

Baden AG mit Blick auf die Stadtkirche Maria Himmelfahrt (l).
Baden AG mit Blick auf die Stadtkirche Maria Himmelfahrt (l).

Als Lehrer habe er sehr hart gearbeitet, weil er seine Versäumnisse als Schüler wettmachen wollte und dann packte ihn der Ehrgeiz. Er sei sehr motiviert gewesen ein guter Lehrer zu sein. Eine anstrengende Zeit, erinnert sich Daniel Ric. Anstrengend auch darum, weil die Konflikte in der Kirchenpflege bereits kochten, allerdings ohne mediale Aufmerksamkeit.

Früchte der Lehrtätigkeit

2016 hat Daniel Ric die Kantonsschule Baden verlassen und einen Master in Religion, Wirtschaft und Politik an der Uni Zürich gemacht. Seither arbeitet er als Oberstufenlehrer in Aarau und gibt Deutsch- und Buchhaltungskurse.

Vor kurzem war er bei ehemaligen Kantonsschülern zum Essen eingeladen. Bei Wein und klassischer Musik habe er zufrieden festgestellt, dass von seinem kulturellen Engagement für die Schüler doch etwas hängengeblieben sei.

Konflikt, Ehre und etwas Höheres

Daniel Ric sind Menschen mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein suspekt. Vieles liege doch gar nicht in unserer Hand, sondern sei Gottes Wille. Daniel Ric sagt über sich, er habe kein grosses Selbstbewusstsein. Seine Mutter habe ihm jeweils gesagt: «Hey, was tust du so blöd, du kannst das.»

«Wissen Sie wie das ist, wenn Menschen einen hassen?»

Der jahrelange Konflikt in der Kirchgemeinde habe ihm zugesetzt. «Wissen Sie wie das ist, wenn Menschen einen hassen?», fragt Daniel Ric. Er habe das Amt nicht einfach niederlegen können, denn in einem Ehrenamt gehe es um Ehre und in der Kirche um mehr als um ein persönliches Bedürfnis – es gehe um etwas Höheres.

Daniel Ric, Präsident der Kirchenpflege Gebenstorf-Turgi.
Daniel Ric, Präsident der Kirchenpflege Gebenstorf-Turgi.

Das Ende der Ära Ric

Als Kirchenpfleger findet er, er setze sich für handfeste Themen ein. Für die Teilhabe von Migrantinnen und Migranten in der Schweizer Mehrheitsgesellschaft, für einen sorgfältigen Umgang mit den Kirchensteuern und für einen besseren Umgang mit den Priestern, vor allem auch mit den ausländischen. Denn der Konflikt mit Pater Adam sei nur ein weiteres Kapitel in einer langen Geschichte des ungerechten Umgangs mit ausländischen Priestern.

Ende Jahr ist die Ära Ric in der Kirchenpflege zu Ende. Dann muss er sich nicht mehr mit dem Budget herumschlagen und keine langen Sitzungen mehr leiten, was er sowieso nicht gut könne. Dann wolle er das machen, worin er sich im Element fühle: beim Apéro in der Kirche den Leuten Wein ausschenken.


Daniel Ric, ehemaliger Präsident der Kirchenpflege Gebenstorf-Turgi. | © Vera Rüttimann
17. Mai 2022 | 05:00
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