«Amoris laetitia» bescherte der Kirche ein lebhaftes Jahr
Rom, 5.4.17 (kath.ch) An sich gibt es spannendere Dokumente als nachsynodale apostolische Schreiben. «Amoris laetitia» jedoch, von Papst Franziskus vor einem Jahr, am 8. April 2016, im Nachgang zu zwei Bischofssynoden über Familienthemen veröffentlicht, fand ungeahnte Aufmerksamkeit. Wohl keine päpstliche Publikation seit «Humanae vitae» über Ehe und Sexualität von Paul VI. (1969) wurde so kontrovers und breit diskutiert. Und die Debatte dauert an.
Burkhard Jürgens
«Amoris laetitia» – zu Deutsch «Die Freude der Liebe» – bietet auf rund 300 Seiten viel Bedenkenswertes: zu biblischen Grundlagen der Ehe, der Berufung der Familie und ihren Platz in der Kirche. Das Interesse richtete sich jedoch rasch auf die Frage des Umgangs mit zerbrochenen Ehen und wiederverheirateten Geschiedenen. Kurzzeitig führte #AmorisLaetitia den Trend beim Kurznachrichtendienst Twitter an.
«Fussnote» zu heiklem Geschiedenen-Thema
Ein Kardinal, der Dokumente genau zu lesen versteht, merkte schnell, wo der Hase im Pfeffer liegt: Walter Brandmüller, früherer Chef der päpstlichen Historikerkommission. Auch ihm fiel auf, dass der Papst eine mögliche Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion andeutete – allerdings nur in einer Anmerkung und in einer Form, deren Verbindlichkeitsgrad ihm unklar zu sein schien. Brandmüller fragte, ob «eine Fussnote von circa drei Zeilen ausreicht, um die gesamten Lehraussagen von Päpsten und Konzilien zu diesem Thema umzustürzen».
Seither wird innerhalb und ausserhalb der Kirche über die Deutung wie auch das lehramtliche Gewicht von Fussnote 351 trefflich gestritten. Argumente, Akteure und Allianzen im Einzelnen nachzuzeichnen ist müssig. Aber in der Art, wie die Auseinandersetzung geführt wird, treten drei markante Züge in Erscheinung: die Lenkung der Debatte durch den Vatikan, die Rolle des Papstes und die Verlagerung auf eine grundsätzliche Ebene.
Kein Punkt für Schwarz-weiss-Urteil
Die Vatikan-Zeitung «Osservatore Romano» wurde zum Forum des Austauschs. Bekanntere und weniger bekannte Theologen, ja selbst der orthodoxe Patriarch Bartholomaios I. bekamen in dem altehrwürdigen Blatt Gelegenheit, ihre Sicht auf die Themen von «Amoris laetitia» darzulegen. Franziskus hielt sich derweil im Hintergrund. Auf die Frage, ob es nun eine neue Chance zur Kommunion-Zulassung gebe, antwortete er im April: «Ich könnte ‘ja’ sagen und Punkt. Aber das wäre eine zu einfache Antwort.» Ein halbes Jahr später im November klang er etwas unduldsamer. Dem Vorwurf, er sei in der Frage der wiederverheirateten Geschiedenen nicht klar genug, entgegnete er, es gebe eben nicht nur Schwarz und Weiss, nur verstünden das einige noch immer nicht.
Die, die er damit wohl meinte, hatten den Streit der Interpretationen noch einmal forciert: Die Kardinäle Brandmüller, Burke, Carlo Caffarra und Joachim Meisner baten Franziskus erst persönlich, dann im November öffentlich um Klärungen hinsichtlich der Auslegung und Einordnung von «Amoris laetitia». Nach alter vatikanischer Schule unterbreiteten sie ihr Anliegen in der Form sogenannter «Dubia» (Zweifel) – in lateinisch formulierten Fragen, die mit Ja oder Nein zu beantworten sind. Also genau nach jenem Schwarz-Weiss-Schema, das aus Sicht von Franziskus in seelsorglichen Zwickmühlen selten funktioniert.
Fragen auch zum Führungsstil des Papstes
Damit weitete sich die Debatte auch auf Leitungsstil und Führungsanspruch des Papstes allgemein aus. Unterdessen berieten Bischöfe über Umsetzungsrichtlinien für «Amoris laetitia»; sie fielen – wie in Malta – mal liberaler, oder wie in Bologna eher konservativ aus.
Die Debatte über das Schreiben dürfte noch längst nicht beendet sein. Und sie zeigt deutlich, dass die Weltkirche an Verschiedenheit gewinnt. Wobei viele Beteiligte sicher gut daran tun, sich die Leitworte des Schreibens – «Liebe» und «Freude» – gelegentlich in Erinnerung zu rufen. (kna)
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