Filmtipp

Als die «göttliche Ordnung» ins Wanken geriet: «Das katholische Korsett» erzählt von starken Innerschweizerinnen

Wieso hatte es das Frauenstimmrecht in den katholisch-konservativen Kantonen der Urschweiz so schwer? Der Dokumentarfilm «Das katholische Korsett – oder der mühevolle Weg zum Frauenstimmrecht» macht sich auf Spurensuche und trifft auf starke Frauen, die für weibliche Selbstermächtigung und politische Anerkennung kämpften und kämpfen.

Natalie Fritz

Inwieweit beeinflusste die katholische Prägung den Widerstand gegen die gesellschaftliche Emanzipation der Schweizer Frauen? Das ist die Leitfrage, die die beiden Dokumentarfilmer Beat Bieri und Jörg Huwyler in ihrem Werk zu beantworten versuchen. Dazu reisen sie in die Innerschweiz und treffen auf starke Frauen, die von ihrem Kampf um Selbstermächtigung im katholischen Umfeld berichten.

Die Juristin Judith Stamm unterrichtete Männer an der Polizeischule. Screenshot «Das katholische Korsett»

Nicht ebenbürtig und unaufgeklärt – Innerschweizer Frauen im Hintertreffen

So erzählt die Juristin Judith Stamm davon, wie sie 1960 aus Zürich ins vermeintlich lebenslustig-katholische Luzern kam und schnell merken musste, dass hier die Frauen als «nicht ebenbürtig» angesehen wurden.

Die Schriftstellerin Margrit Schriber setzt sich in ihrem Werk auch mit dem Patriarchat, dem Katholizismus und den Folgen für die Frauen auseinander. Screenshot «Das katholische Korsett»

Die Schriftstellerin Margrit Schriber reflektiert die Folgen der katholischen Sexualmoral, die in den Urkantonen vermittelt wurde. Die jungen Frauen wurden nicht aufgeklärt, das Thema Sexualität grossräumig umschifft. Die Pille oder Fristenlösung waren in diesem Kontext ein Verbrechen wider die katholische Lehre und zudem Ausdruck einer patriarchalen Hierarchie.

Die «göttliche» Ordnung wahren

In Schwyz war Mann (!) vehement gegen das Frauenstimmrecht. Screenshot «Das katholische Korsett»

Die Angst vor einem Wertezerfall und konkret vom Zerfall der «normalen» Familie waren die eigentlichen Motive, die Frauen wie Männer in der Innerschweiz dazu bewegten, sich gegen die weibliche Partizipation in der Politik zu engagieren. Den Frauen ein Stimmrecht zu geben, hätte im katholischen Milieu bedeutet, gegen die natürliche – göttliche – Ordnung zu verstossen, die die Frauen in der Rolle der Untergebenen des Mannes sieht.

Frauenstreik 2019 in Luzern. Screenshot «Das katholische Korsett»

Gottlob haben sich die Protagonistinnen von Bieris und Huwylers facettenreicher Spurensuche für etwas «Unordnung» eingesetzt!

«Das katholische Korsett – oder der mühevolle Weg zum Frauenstimmrecht», Schweiz 2020; Regie: Beat Bieri und Jörg Huwyler; Protagonistinnen: Judith Stamm, Imelda Abbt, Margrit Schriber, Ruth Wipfli-Steinegger.

Zum Streamen auf: www.playsuisse.ch

Ein Porträt über die ehemalige Ordensfrau und Theologin Imelda Abbt, ebenfalls Protagonistin in «Das katholische Korsett», finden Sie hier.

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Imelda Abbt, Theologin und ehemalige Ordensfrau | © Vera Rüttimann
29. Juli 2021 | 05:00
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